Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 261 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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261 höherer Stelle vindiziert, wäre es auch nur, um die Borgän,g«e Zu erklären." Auf diese Eingabe, -deren Kopf die eigenhändige Niederschrift Kaiser Wilhelms I. trägt: „dem Reichskanzler und dem Minister des Kultus zur Kenntnisnahme, Prüfung und Bericht. Berlin, 18. Juni 1880" — erstattete Bismarck an den Monarchen einen Bericht, den Jöhlinger in seinem Buche erstmalig mitteilt und aus dem zu ersehen ist, wie die schroffe Verwarnung, die Stöcker von allerhöchster Stelle erteilt werden sollte, durch Bismarcks eigenhändige Korrektur noch erheblich verschärft wurde. — Von dem weiteren Inhalt des 7. Kapitel erwähnen wir noch: Stöcker und Kaiser Wilhelm I., das Verhältnis Stöckers zu Kaiser Friedrich- III., die Waldersee-Versammlung, Stöcker und Kaiser Wilhelm II., Stöckers Sturz, Adolf Wagner und Heinrich v. Treitschke. Hieraus sei nur einiges mitgeteilt: Es war 'bereits -im Zivilkabinett eine Verfügung entworfen, daß Stöcker mit Ablauf des Jahres 1885 unter allen Umständen a-u-sscheiden sollte. Nach Auszählung aller der Ursachen, die den Kaiser zu diesem Schritt verursachten, heißt es dann wörtlich: „Aus liefen Gründen beharren S. M. daraus, daß Sie Ihre amtliche Stellung nicht be-ibeh,alten können." Inzwischen aber war der Kaiser -anderen Sinnes geworden-, da von vielen Seiten aus ihn im Sinne -Stöckers eingewirkt wurde. Vermutlich gehörte zu den Männern, die auf den Kai-ser einw-irkten, vor allem der Minister v. Puttka-rner; denn in -der damaligen Zeit befand sich «unter den Kon-firmandenschülerinnen des Hofpredigers Stöcker 'die Tochter des Ministers v. Puttkamer, woraus der Evangelische Oberkirchenrat in einem Schreiben an den Kaiser sogar noch /besonders hinwies ... Es wird behauptet, daß Prinz Friedrich Wilhelm, der nachmalige Kaiser Wilhelm II., an seinen Großvater persönlich einen Brief gesandt habe und daß infolgedessender alte Kaiser von einem Einschreiten gegen Stöcker abfah. Immerhin erhielt Stöcker ein erneutes amtliches Warnungsschrei-ben aus der Feder des Präsidenten des Oberkirchenrates. Hiervon schreibt Oertzen: „Die Wolken loa re n also für jetzt vorüber-gezogen. Die OesfenWchkei-t erfuhr von diesem Verweise nichts. . ." Erfolg hatte dieser Verweis ebenso wenig wie die zahlreichen anderen arntli>chen Schritte! In ganz besonderem Gegensatz zu dein Hospredi-ger Stöcker stand der damalige Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich III. Dieser hat Zeitlebens.aus seinen Gefühlen Stöcker gegenüber kein Hehl gemacht und bei allen sich «bietenden Gelegenheiten seine starke Abneigung diesem Manne - gegenüber betont. Bekannt -ist das Wort, das dieser Kronprinz dem Stadtrat Magnus gegenüber aussprach, „der Antisemitismus sei eine Schmach für das deutsche Volk." — Gelegentlich der Unterredung mit Stadtrat Ma>gn«u-s betonte «der Kronprinz, „er habe sich im Auslan.de den Ausländern gegenüber dieser Agitation geschämt"; dabei erklärte er, „daß er die antisemitischen Bestrebungen mef das entschiedenste mißbillige und verwerfe. Was seine Gefühle dabei am meisten verletze, sei das Hineintragen dieser Tendenz in die Schulen und Hörsäle. In die Pflanzstätte des Edlen und Guten sei -dieses böse Samenkorn hinein,geworfen worden. .Hoffentlich werde es nicht zur Reise igelan-gen. Ich vermag es nicht zu fassen, wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen sollten, sich zürn Träger und Hilfsmittel einer in ihren Voraussetzungen und Zielengleichmäßig verwerflichen Agitation hergeben können . . ." Die Mißbilligung der antisemitischen Bewegung durch den Kronprinzen Fri-edrich Wilhelm fand übrigens den Beifall seiner Mutter, der Kaiserin Auigusta, die in einem Briese an Frau v. Bonin ihre Freude darüber aussprach, -daß der Kronprinz für den antisemitischen Lärm strafende Worte hatte: „Cs sind i«hm wohl mütterliche Worte i-m Gedächtnis -geblieben, die den Lehren Herders entnommen waren. Ich habe natürlich keine Neigung, mich über die jüdische 2-ache zu echauffieren; aber ich mißbillige den Antisemitismus, weil er eine durch und durch un-christliche Erscheinun-g ist ..." Erinnert sei bei dieser Gelegenheit an die häufigen Besuche, die Kaiserin Augusta der Altersversorgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße abstattete„ und wie sie während eines solchen Besuches den ihr von einem 90jährigen Insassen des Hauses — wenn ich mich nicht irre, war der Betreffende ein Rabbiner namens Mendelsohn — in hebräischer Sprache erteilten Segen aufmerksam lauschend und tiefgerührt -entgegennahm. — In Kapitel 8: „Der Alte in Sachsenhaufen" reproduziert der Verfasser aus den „Hamburger Nachrichten" verschiedene Aeußerungen von Bismarck über die antisemitische Bewegung und seine eigene Stellung zur Judenfrage. Folgende Auslassung ist besonders charakteristisch: „Was die anti-semitische Agitation betrifft, so sehe ich^ abgesehen von allen Erwägungen .der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit, keinen Weg, aus dem sie ihr Ziel erreichen könnte. Ich habe öfters mit antisemitisch gesinnten Herren gesprochen. Wenn ich sie nach der Ausführung ihrer Projekte fragte, so ,g!ing es ihnen ähnlich wie den Sozialdemokraten. Sie grissen den .Mgenw artigen Zu-stand an, wußtenaber nicht, wie er im heutigen Staatsorganismus abzustellen sei. Oder wenn sie etwas vorbrachten, so lag die Unmöglichkeit, es zu verwirklichen, so klar zutage. Ich sagte ihnen: Ausweisen können wir die Juden doch nicht und eine Bartholomäusnacht gegen sie auch nicht in Szene setzen. Andere Maßregeln, wie ihre Ausschließung von richterlichen und anderen Staatsstellen, aber können d-ie Sache nur schlimmer machen. Dann wür-de sich, die sreigewordene jüdische Intelligenz noch mehr als bisher auf dem wirtschaftlichen und finanziellen Gebiete betäti-gen, was zur Folge hätte, daß Klagen üb-er die Zunahme der jüdischen Macht und über deren mißbräuchliche Anwendung erst recht das Forum ersüllen. Es ist auch widerrätlich, dem jüdischen Triebe nach Erwerb und Vermögensbildung staatlichers-eits Hindernisse in den Weg zu legen. Solche Maßregeln können ni-cht getroffen werden, ohne zugleich *t>ie übrigen Bevölkerungselemente im Erwerbs-leben zu behindern und zu beschränken, was nachteilig aus den nationalen Wohlstand einwirken würde. Auch pflegt namentlich der wohlhabende Jude ein sicherer Steuerzahler und« guter Untertan zu sein. Ebenso darf man die Augen nicht vor den gutey Seiten der Juden verschließen. Es steckt in ihnenmanches, was wir nicht haben: Antriebe und Beweglichkeiten, bic ohne die Juden in -unserem Verkehrsleben kaum in gleichen: Maße vorhanden sein würden. Die Juden bringen in die Meinung der verschiedenen deutschen Stämme ein gewisses Mo-usseux, das nicht unterschätzt werden sollte. Wenn -ich noch Minister wäre, würde ich in -bezug auf die Juden den Grundsatz empfehlen: La recherche de la confession est interdite. Man braucht sich aber die Juden nicht über den Kops wachsen zu lassen oder sich finanziell von ihnenin einen: Maße abhängig zu machen, wie -es invielen Ländern leider der Fall ist. Bei meinen Beziehungen als Minister zur jüdischen Hautefinanze -ist immer diese, niemals bin ich der verpflichtete Tei-l gewesen." Wir kommen bei der Lektüre des Jöhlingersch-en Buches „Bismarck und die Juden" zu folgendem Ergebnis: Bismarck ist sicherlich kein Philosem-it, aber auch kein Antisemit gewesen und am allerwenigsten ein Antisemit im Sinne der Deutschnationalen, die ihren Haß gegen die deutschen Juden auf die jüdische Gesamtheit, «das jüdische Volk, 'übertragen und sich nicht scheuen, auch seine Lehre, auf der doch die ihre beruht, «mit Schmutz und Kot zu bewerfen. Bismarck hat auch als Junker von Schönhausen, also als ausgesprochener Antisemit, für die angeblichen Fehler der Juden, die er brandmarken zu müssen glaubte, nie die jüdische Lehre verantwortlich gemacht. Bismarck wird, wie in der Geschichte so auch in der Erinnerung der Juden als der bedeutendste Staatsmann seiner Zeit fortleben, und als folch-er dürste es nicht ausgeschlossen sein, daß er infolge feines Verkehrs mit jüdischen Politikern und Staatsmännern, insbesondere durch seine Beziehungen zu D'Jsraeli- Beaconssield, dem „phantastischen Romanschveiber", seine frühere antisemitische Gesinnung gründlich revidiert hat. Benjamin D'Jsvaeli-'Beaconsfield, dieser verlorene Sohn Israels, der aber stolz auf seine jüdische Abstammung war, läßt in seinem berühmten Roman „Tancred" eine hübsche junge Jüdin einem begabten christlichen Jüngling, der nach