Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 260 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Berliner Kongreß gewonnen hatte. „Ich habe wiederholt ihn abends bei uns gehabt; da er leidend war, kam er nur unter der Bedingung, allein zu sein, und hatte ich hier Gelegenheit, ihn genauer kennen zu lernen. Ich muß es sagen, daß er trotz seiner Phantastischen Romanschreiberei ein tüchtiger Staatsmann ist, weit über Gortschakoff und vielen anderen stehend, mit dem sich sehr gui verhandeln ließ; in einer Viertelstunde wußte man, wie man mit ihm dran war — die Grenze war genau gezogen, wie weit er gehen wollte, und nach einer schnellen Redaktion dieser Gedanken war man mit ihm zu Ende." — Auch folgende, aus Sidneh Whitmans persönlichen Erinnerungen wie-dergegebene Mitteilung sei hier angeführt: „Wenn jemand z. V. Bismarcks Beifall zu finden glaubte, als er Lord Beaconsfield verächtlich einen Juden schalt, da erhielt er die Antwort: „Ja, aber ein feiner Jude". Sehr richtig bemerkt Jöhlinger: „Unstreitig hat Bismarck bei Beaconsfield eine sich kongeniale Natur entdeckt, wie ja auch Beaconsfield zu den sehr wenigen Menschen gehörte, die Bismarck frühzeitig, ehe andere ihn erkannten, eine große Politische Rolle prophezeiten." Auch bei den französischen Staatsmännern — teilt der Verfasser mit — kam Bismarck mit Juden zusammen. Hier ist es Jules Simon gewesen, der von Hause aus Gelehrter war. Jules Simon war der letzte, der an einem offiziellen Diner des Reichskanzlers Fürst Bismarck in der Reichskanzlei teilnahm. Nach Bismarcks Auffassung soll übrigens auch Gambetta jüdisches Blut gehabt haben, desgleichen Andrasih, mit dem Bismarck den Dreibundsvertrag geschlossen hat und den er sehr hoch schätzte. Zu Journalisten, fährt der Verfasser fort, hat Bismarck Zeit seines Lebens enge Beziehungen gehabt, und auch unter diesen befand sich eine stattliche Anzahl von Juden und Judenabkömmlingen: Bamberger, der in Frankreich eine deutsche Feldzeitung herausgab, Artur Levhsohn, der seinerzeit Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" in Paris und später Chefredakteur des „Berliner Tageblatts" war, ferner Dr. Gumbinner, Ignatz Kuranda, Oppert, der Vertreter der .Dimes" auf dem Berliner Kongreß von 1878, Ludwig Hahn, Moritz Benedickt, der Herausgeber der Wiener „Neuen Freien Presse", Marimilian Harden und noch andere. — Von besonders aktuellem Interesse, weil sie eine Parallele zu den politischen Kämpfen der Gegenwart ergeben, sind Jöhlingers Mitteilungen über den „Kampf von Antisemiten gegen Bismarck": „Wie Bismarck von einem großen Teile der Antisemiten zu seinen Lebzeiten in geradezu niederträchtiger Weise beworfen worden ist, davon weiß die heutige Generation kaum noch etwas. Die Blätter und Blättchen von damals sind verschollen, und man hat diesen Erzeugnissen der Druckpresse keine Träne nachgeweint. Aber es wird doch gut sein, wenn man hier einmal zur Beurteilung der Geistesverfassung der damaligen Parteiführer eine Blütenlese wiederg'ibt. . . Theodor Pritsche, der Antifemitenhäuptling von Sachsen, leistete sich in den „Deutsch-sozialen Blättern" folgende Stilblüte: „Wenn einzelne Antisemiten einen übertriebenen Bismarck-Kultus pflegen, so wollen wir ihnen bas nicht verwehren. Die Leitung der „Deutschsozialen Blätter" weiß sich davon frei." Herr Ahlwardt, der Rektor aller Deutschen, schreibt folgenden Satz: „Selbstverständlich ist die Schrift, weil gegen Bismarck, kräftig antisemitisch". Also nach für ihn war ebenso wie für Gehlfen Bismarckhaß und Judenhaß identisch. Besonders lustig aber ist es, daß in einer antisemitischen Schrift: „Die Wahrheit über Bismarck" der Kanzler als Judensprößling hingestellt wird. Wenn einmal die Antisemiten jemand völlig vernichten wollen, dann dichten sie ihm jüdische Abstammung an . . . Die Juden können schmunzelnd diesem Treiben gegenüberstehen, werden ihnen doch cmtf diese Weife gerade b-t-e besten Deutschen zugeschrieben. . . Nach demselben Rezept wird selbstverständlich auch Bismarck behandelt. Da er kein Antisemit war, mußte er also ein Judenfprößling sein. Denn in der Schrift „Die Wahrheit über Bisnrarck" heißt es, „daß Bismarck ein Abkömmling! von Juden und Krämern sei". Carl Paasch vertritt in seinem Buche: „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer" den Standpunkt, daß nicht der Reichskanzler, sondern Herr v. Bleichröder im Auswärtigen Amte zu Berlin herrsche, um sich alsdann zu dem Satz aufzuschwingen: „daß Fürst Bismarck jüdischer Abkunft fei, könne man nicht direkt nachtweisen; aber manche Taten rufen immer wieder den Gedanken wach. Sollte es möglich sein, daß Bisnrarck ein geheimer Jude ist, daß der in ihm wuchernde Keim des Talmuds die kernige deutsche Natur überwuchert hat? . . ." Der ehemalige Antisemitenführer und Reichstag sabgeordnete Professor Paul Förster schrieb im Jahre 1894 aus Anlaß des 70. Geburtstages von Rudolf v. Benniigfen im „Freien Deutschland" über Bismarck: Einem Staatsmann, der mit Lasker, Bamberger, Bleichröder, Falk, Camphausen, Delbrück ufw. von einem Irrtum in den anderen tappt und hinterher He Schuld auf seine „unfähigen" (von ihm gewählten) Mitarbeiter wälzt, den lassen sich gutgläubige Zeitgenossen als „groß" gefaben, die Geschichte nicht..." In einer anonymen Broschüre „Die Antifemiiten und Bismarck" ist (Seite 44) 31t lesen: „Sein langjähriges Wirken führte zu diesem Doppeleraebnis: „Eine gründlich verfahrene Lage im Inneren, eine ernstlich bedrängte Lage nach außen. Im Inneren finden wir die Berjudung vor und alles, was drum und dran hängt. Im Aeußeren tut sich eine düstere Zukunft auf, die selbst ein Polenähnliches Schicksal befürchten läßt..." In einer Broschüre von 1892 heißt es: „Mit Bismarck fam Bleichröder, mit Bleichröder Bismarck, ein Paar würdige Zeitgenossen, zu Macht und Ansehen." „Als Bismarck die enormen Summen zur Verfügung hatte, legte der Freund Bleichröders, der Kö sli n er Jude Behrend, in Darzin eine Holzstossabrik an, die eine höchst vorteilhafte Verwertung der Varziner Wälder ermöglichte. Es war selbstverständlich der reine Zufall, daß in der Kösliner Papierfabrik Behrend alles Papier für die Deutsche Reichspost. Telegraphie und für die Staatseisenbahnen gemacht wurde." Jöhlinger schließt das Kapitel über den Kampf der Antisemiten gegen Bismarck, ans dem wir nur einige wenige Auszüge Wiedergaben, mit dem Bemerken: „Mit diesen giftigen Waffen haben diejenigen einst Bismarck bekämpft, die ihn heute für sich reklamieren" und, möchten wir hinzufügen, die die gleichen Vorwürfe der „Korruption" und der „Judenregierung" gegen die leitenden Staatsmänner der Republik richten und in noch schlimmerer Art als ihre Vorgänger Deutschlands Ruf verunglimpfen und zur Zielscheibe des Spottes im Auslände machen. Kapitel 7: „Der Fall Stöcker" behandelt die Beziehungen des Kanzlers zu Stöcker, Stöckers Kampf gegen das Judentum und die Ursache der Feindschaft Bismarcks, Bismarcks Pressefeldzug gegen Stöcker, den Fall Stöcker—Bleichröder und Bleichröders Beschwerde an den Kaiser. — Der Verfasser berichtet: Stöcker hatte in Lübbecke bei Minden eine Rede gehalten und dort unter anderem von Bleichröder behauptet, „er habe durch Wuchergeschäfte im letzten Jahre mehr als sieben Millionen Taler erworben und darum die Christen betrogen". Diese Bemerkung, sowie die Tatsache, daß Stöcker bei anderen Gelegenheit aus den Zwischenruf eines Arbeiters: „was denn eigentlich die Pastoren für die Arbeiter getan hätten", geantwortet hatte: „er solle sich an Bleichröder wenden, der h>abe mehr Vermögen als alle Pastoren zusammen," gaben Veranlassung zu einer schriftlichen Eingabe des Geh. Kommerzienrates Gers 0 n v. Bleichröder, die er unter dem 18. Juni 1880 an den Kaiser Wilhelm I. richtete. Unter Hinweis auf das eban erwähnte Wort von dem „Wuchergeschäft" schreibt Bleichröder wörtlich: „Gegen diese wachsende Bewegung anzu kämpfen. bin ich machtlos. Die mir gestattete Privatklage wegen Beleidigung und Verleumdung würde dem Skandal nur neuen Stoff zuführen. Die öffentlichen Behörden haben mir bisher Schutz nicht gewährt. Dies alles dient aber auch wieder zur Ermunterung der Verfolger und zur Verbreitung der Agitation, die sich so innerhalb der gesetzlichen Grenzen wie unter gesetzlichem Schutze glauben darf, und den das 1 große Publikum ganz offen als Protektion von einflußreicher und