Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse SS. Jahrgang, dir. 23 verUn, 11. November 1921 Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder, die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3tH — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Stratze 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Bismarck und die Juden. Von A. K. — Wochenschau, u IUJ au — Albert Oliven (mit Bild). Von F. C 0 Li n - Netz l e r. — Zur Verständigung der deutschen Juden. Von Sanitätsrat Dr. Laserft e i n (Berlin-Friedenau). sSchluß.) — Ost und West am Pregelstrand. Von M. F. —1 Der Chanukaleuchter (mit Bild). Von Professor Dr.-Jng. Alfred Grotte (Breslau). — Französischer Gottesdienst in der Synagoge in Wiesbaden. Von Benas Levv (Berlin). — Die Lebensanschauungen der großen jüdischen Denker. I. Don Rabbiner Dr. L ö w e n st a m m (Spandau). — Feuilleton: Der Fall Berjack. Von Lydia Auerbach, s6. Forts.s — Literarische Mitteilungen. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Breslau. Dresden. Magdeburg, Bad Homburg. Den Haag. — Von Nah und Fern. Msmsrck und die Juden. egelist es gewesen, der in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts" von der öffentlichen Meinung gesagt hat, daß ihr der Maßstab der Unterscheidung fehle. Infolgedessen sei die Unabhängigkeit von ihr die erste formelle Bedingung zu etwas Großem und Vernünftigem, und Mar sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Wissenschaft . . . An diesen Ausspruch erinnert Otto Jöhlinger im Vorwort zu seinem unter obigem Titel soeben erschienenen Buche'), das gerade gegenwärtig, wo der alte Judenhaß, künstlich geschürt, immer weitere Kreise des deutschen Volkes zu erfassen droht, als eine höchstwillkommene literarische Gabe zu begrüßen ist. Ziemlich allgemein, bei Juden sowohl wie bei ihren Gegnern, ist die Meinung verdrehtet, daß Bismarck ein Antisemit gewesen fei. Jöhlinger. der das Problem „Bismarck und die öffentliche Meinung" gründlich untersucht hat, widerspricht dieser Ansicht. Er zeigt uns, wie der erste Kanzler des Deutschen Reiches zugleich die öffentliche Meinung verachtete und sie beherrschte, und stellt unter Benutzung bisher unveröffenllichter Quellen fest, „daß weder die Antisemiten Grund haben, sich der Bundesgenossenschaft Bismarcks zu freuen, noch die Juden Anlaß, ihn wegen angeblicher Gegnerschaft zu hassen". Es ist ein außerordentlich umfangreiches Material, das Jöhlinger in seinem Buche zusammengetragen hat, einem Buche, das keiner Tendenz dient, sondern, aus Tatsachenmaterial zusammengestellt, lediglich als ein Beitrag zum Kapitel des „mißverstandenen Bismarck" aufgefaßt sein will. Der Autor macht uns bekannt mit dem Junker von Schönhausen, wie er im Vereinigten Preußischen Landtag Rieden gegen die Juden hielt, mit Bismarck dem Gesandten am Bundestag in Frankfurt a. M., wo ein Wandel in seinen Ansichten über die Juden sich vollzieht, mit Bismarck als Minister, der für die Gleichberechtigung der Juden eintritt, und schließlich mit Bismarcks Stellung zur Judenfrage auf der Berliner Konferenz von 1878. Darüber teilt Jöhlinger folgendes mit: Der Europäische Kongreß, der im Jahre 1878 in Berlin tagte, enthielt als Bedingung für die Aufnahme in die -) „Bismarck and die Juden." Unter Benutzung unveröffentlichter Quellen. Von Ministerialrat Dr. Otto Jöhlinger. Verlag Dietrich Reimer (Ernst Bohsen) A.-G. in Berlin. 1921. Preis: broschiert 32 Mark, gebunden 38 Mark. Europäische Volksgemeinschaft folgende Klausel: „Es darf der Unterschied des religiösen Glaubens und der Bekenntnisse niemandem gegenüber geltend gemacht werden als ein Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit bezüglich des Genußes der bürgerlichen Rechte, der Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehren oder der Ausübung der verschiedenen Berufs- und Gewerbezweige, an welchen Orten es auch fei." Es handelte sich hierbei um die Staaten Bulgarien, Serbien, Montenegro und Rumänien. Der Anlaß für diese. Klausel war die schlechte Behandlung der Juden namentlich in Rumänien. Aus dem Protokoll des Berliner Kongreßes ergibt sich deutlich, daß es sich namentlich bei Rumänien um die Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden gehandelt hat. Der Vorschlag zu der Formel stammte von Frankreich. Fürst Gortschakoff trat diesem Vorschlag entgegen, indem er bemerkte: „Wenn es sich um staatsbürgerliche Rechte handle, so bitte er, die Berliner, Pariser, Londoner und Wiener Juden, denen man sicherlich kein politisches und bürgerliches Recht verweigern würde, nicht zu verwechseln mit den Juden Serbiens, Rumäniens und anderer russischer Provinzen, welche seiner Ansicht nach eine Plage für die einheimische Bevölkerung sind," da war es gerade Fürst Bismarck, der Gortschakoff mit den Worten erwiderte, „o b nicht viel» l eich t d er tr a u r i g e Z u stand d er I ud e n i n j en e n Ländern gerade dadurch h e r b e i g e f ü h r t worden sei, daß sie von der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Gleichberechtigung fern gehalten seien. — Hochinteressant ist das Kapitel über Bismarcks persönliche Beziehungen zu Juden, namentlich zu Lassalle, zu Marx, den er zu gewinnen versuchte, zu Bamberger, der eine Zeitlang sein Mitarbeiter war, zu LaSker, zu Simson, dem ersten Präsidenten des Reichstages und des Reichsgerichts, und zu D'Jsraeli-Beaconsfielid, dessen Persönlichkeit Bismarck eine gewaltige Bedeutung beimaß. Hierfür, schreibt der Verfaffer — haben wir einen sehr bemerkenswerten Anhalt in den „Lebenserinnerungen" von Eckardstein. Dieser gibt eine Erzählung des Sekretärs von Beaconsfield, Lord Rowton, über den Berliner Kongreß wieder, die wie folgt lautet: .Mährend des Berliner Kongresses war es kein Geheimnis, daß in manchen Fragen große Meinungsverschiedenheiten zwischen Lord Beaconsfield und Lord Salisbury herrschten. Als eines Tages bei einem Diner das Gespräch hierauf kam, fragte Graf Julius Andrassy Bismarck, was er von Lord Salisbury halte. Dieser erwiderte, „er besäße zweifellos eine große staatsmännische Begabung, aber der Jude (nämlich Lord Beaconsfield) schlagt ihn doch um einige Pferdelängen . . ." Eine weitere Kritik Beaconsfields aus dem Munde Bismarcks — führt Jöhlinger weiter auS —• hat uns Bo och überliefert: Der Kanzler hielt darauf einen langen Monolog, aus welchem man die große Achtung ersehen konnte, die er für Beaconsfield nach der persönlichen Begegnung mit demselben auf dem