Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Führer größten Formats habe. Möchten doch auch dem deutschen Judentum wahre Führer erstehen. ftiHtt, 21. Oktober. Aus Veranlaffung' der Zentralkasse Köln der Wanderarlnensürsorge, des Provinzialverbandes rheinischer S yna g o gen ge mein den, der Synagogengemeinde Köln und des Arbeitersürsorgeamtes fand am Sonntag, den 9. Oktober, eine Besprechung rheinischer Gemeinden zur Frage des Ostjudenhilfswerkes statt. Die Sitzung wurde von Herrn Feilchenfeld, dem Vorsttzenden der Zentralkasse Köln für Rheinland und Mrkenfeld, eröffnet und geleitet. Nach Begrüßung der Erschienenen h.ielt Herr Feilchenfeld ein grundlegendes Referat über die Tätigkeit «der Wanderarmenfürsorge. In klaren, einleuchtenden Worten legte der Herr Referent die unbedingte Notwendigkeit der Arbeit der Wänderarmenfürsorge dar, erwähnte ihre neuen Aufgaben in Gemeinschaft mit den Arbeiterfürsorgestellen und gab einen genauen Bericht über die Tätigkeit der Zentralarmenkasse Köln. Zum Schluß verwies Herr Feilchenseld auf den Aufruf der Großgemeinden Deutschlands, der sämtliche jüdischen Gemeinden zur Unterstützung des Arbeiterfürsorgeamtes und der Zentralstelle für Wanderarmenfürsorge auffordert, und bat seinerseits die Erschienenen, nachdrücklichst in ihren Gemeinden dahin zu wirken, daß dieser Aufforderung allseitig Folge geleistet wird. Der zweite Referent, Herr Generalsekretär Alfred Berger vom Arbeiterfürsorgeamt Berlin, legte die besonderen Aufgaben des Arbeiterfürsorgeamtes und seiner Zweigstellen dar. Er verwies auf die ungewöhnlich schwierigen Aufgaben, denen das Arbeiterfürsorgeamt zu Beginn seiner Tätigkeit gegenüberstand, und auf die außerordentlichen Erfolge, auf die es nun Hinweisen darf. Wenn heute in Deutschland Taufende und aber Tausende produktiv arbeitender ostjüdischer Menschen durch schwere körperliche Beschäftigung in harter Arbeit ihr Brot verdienen, so ist dies nur möglich gewesen dank der Tätigkeit der Arbeiterfürsorgestelle. Der Referent besprach ausführlich die politischen Aufgaben und Leistungen des Arbeiterfürsorgeamtes. Er betonte, daß sämtliche Arbeiterfürsvrgestellen in vollstem Einvernehmen und unter genauer Kontrolle der behördlichen Organe arbeiten und daß die hier geleistete Arbeit nicht nur im allgemeinen philantropisch-jüdischen, sondern auch durchaus im Interesse des Staates liegt. Beiden Referaten wunde reicher Beifall gezollt. Die Versammelten waren sämtlich der Meinung, daß den beiden Institutionen mit aller. Energie geholfen werden müsse. Auf Veranlassung des Herrn Geh. Sanitätsrats Dr. Apfel wurde beschlossen, eine Tagung sämtlicher rheinischen Gemeinden durch den Provinzialverband demnächst einzuberufen, an der u. a. auch Herr- Berger referieren wird. Die Versammelten gaben der Meinung Ausdruck, daß diese neue Versammlung baldigst stattfin'den solle, damit den hartbedräugten Stellen, insbesondere der Arbeiterfürsorgestelle D u i sb urg, schleunigst die nötigen Mittel zugeführt werden können. Einstimmig wurde folgende von Herrn Feilchenfeld eingebrachte Resolution angenommen: „Die am 9. Oktober d. I. in Köln tagende Versammlung, in der die Jüdischen Gemeinden Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Ellskirchen, M.-Gladbach, Linz vertreten sind, fordert alle rheinischen Gemeinden auf, nach Maßgabe ihres Steuersolls einen dauernden Beitrag für die Arbeit der Zentralarmenkasse und der Arbeiterfürsorgestellen Köln und Duisburg zur. Verfügung 311 stellen. In Anbetracht der außerordentlichen Bedeutung der Frage erwarten die Anwesenden die baldige Einberufung einer Tagung des Provinzialverbandes der rheinischen Gemeinden." — Kleve, 21. Oktober. Die Feier des hundertjährigen Bestehens der hiesigen Synagoge wurde kürzlich mit einem Festgottesdienst in dein sich zunlerstenma>l im neuen Kleide zeigenden Gotteshause begaugen. Rabbiner Dr. Esche lba che r aus Düsseldorf hielt die Festrede, in der er einen Rückblick auf das Leben und Ringen der hiesigen jüdischen Gemeinde vor hundert und mehr Jahren warf und betonte, wie eng der Zusammenhang, unter den einzelnen Gemeindemitgliedern bis auf den heutigen Tag gewesen sei. Dolen. X Lissa, im Oktober. Die Blütezeit der jüdischen Schule in Lissa i. P. waren die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Drei Lehrer reichten für die große Schülerzahl kaum aus. Die letzten Lehrer waren «die Herren H e r b st, Cohn und,Behle. Dann fing, die jüdische.Gemeinde sich zu verkleinern an, und damit begann auch der Abstieg der jüdischen Schule. Er hielt sich Werst in «den «natürlichen Grenze n>«die bei allen mittleren und kleineren Gemeinden Deutschlands beobachtet wurden, wo durch den Wegzug nach den Großstädten, Todesfälle usw. die Mitgliederzahl stch verminderte. Katastrophal wurde er, seitdem Lissa polnisch wurde. Denn nun begann eine fluchtartige, durch nichtsausguhialtenide Abwanderung, und jetzt sank auch Me Schülierzahl in rapider Weise. Noch vor wenigen Monaten war man glücklich, feststellen zu fiöwnen, daß die Zahl der Schüler 43 betrug. Denn nun konnte man hoffen, die jüdische Schule zu erhalten. Aber der erwartete Zuzug blieb aus, zum Teil machten die Behörden den Anziehenden Schwierigkeiten wegen des Wohnungsmangels. S«o sank denn die SchüiVerzahil bis ans ungefähr 20, unb jetzt war »das traurige' Enide nicht mehr aufzu-- hallten. Der jüdische Schul-varstand, dem zuletzt noch die Herren Sanitätsrat Tr. Scherbel, Emil Jakobi, Emil Goldschmidt und Moritz Ma rgoles (neben!dem Bürgermeister und Reichstagsarbigeordneten Herrn Dombek und denr Kreisschulinspektor Herrn S z r e y b x 0 w s k i) augehörten, mußte die Ausl ö s u n g der jüdischen Sch u le besichließen. Die jüdischen Schü>l!er und Schülerinnen kionrmen m die evangelische Schule und werden von evangelischen Lehrern unterrichtet. D'ie evangelische Schule kommt in das schöne Gebäude der jüdischen Schule. Sic transit gloria mundi! Die Schule der einst stolzen und ehrwürdigen Indischen Gemeinde Lissa hat anfgehört zu existieren! Aber ein süßer Trost ist geblieben. Nach dem Vertrage von Versa i-illes und dein Gesetze zum Schutze der Minoritäten hat die' Gemeinde das Recht, wenn -die Schütlerzahl über 40 steigt, die Medereröffjnung der jüdischen Schale zu beantragen. Hoffentlich erleben wir es noch! Ängsrn. L. Budapest, im Oktober. Die Entlassung zahlreicher jüdischer Lehrer aus dem Dienste der Hauptstadt Budapest und die Degradierungmehrerer Direktoren zu einfachen Lehrern hat zu einer imposanten Protestversammlung der Nationalen Demokratenpartei Budapests Anlaß gegeben. Die Proteftversammlung ging am 11. September vor sich. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Präsidenten Gabriel Ugron beleuchtete der Referent Elemer Bärsonh in einem objektiven Referat das Unrecht, das diesen Lehrkräften widerfahren, und unterbreitete einen Beschlußantrag, wonach die Konferenz diese gesetzwidrige Verfügung des hauptstädtischen Magistrates im Jnteresse des Schutzes der Kultur, der Rechtsgleichheit, des guten Rufes unserer Nation, des konfessionellen Friedens und der Ruhe der Gesellschaft verurteilt, die Remedur der flagranten Rechtsverletzungen und die Wiedereinsetzung der verfolgten, auch disziplinarisch für tadellos befundenen Lehrkräfte in ihre früheren Stellungen fordert. Nach dem Referenten ergriff der bekannte Politiker Desider Polönhi, der Verteidiger Friedrichs tut Tisza-Prozesse, das Wort und erklärte, daß die vorliegende Frage keine konfessionelle, sondern einfach eine Frage der Rechtsordnung sei. Es sind über 12 Jahre her — sagte Polonyi unter anderem —, daß ich unter dem Eindruck gewisser Umstände auch selber an der Gründung jener geheimen unb. nichtgeheimen Vereine teilnahm, die sich die Geltendmachung des christlichen Geistes zum Ziele gesteckt hatten und ich das Schlagwort vom „muskulösen Christentum" in die Menge warf. Dies bedeutete aber nicht, daß ich meine Ideale mit Gewalt, mit Prügeln oder mit was für anderen ungestatteten Mitteln immer verwirklichen wolle. In Ungarn gibt es keine Judenfrage, nur die Christelffrage harrt ihrer Lösung. Was ist das Programm? Die Erziehung der christlichen - Gesellschaft. Wir müssen die christliche'Gesellschaft zu.m Fleiß, zur Arbeit, zum Lernen erziehen und sie konkurrenzfähig gestalten. Dann wird auch ihre Furcht vor der wirtschaftlichen Macht des Judentums aufhören." Das Mitglied des hauptstädtischen Munizipalausschusses Georg Sziläghi beleuchtete die ungerechte Verfügung des hauptstädtischen Magistrates, gegen die er. im Raulen des arbeitenden christlichen Gewerbestandes protestierte. — Die Pester Israelitische Religionsgemeinde hat in ihrer jüngsten Vorstandssitzung einen bedeutungsvollen, vielversprechenden Schritt aus dem Gebiete des Religionsunterrichtes getan. Der Vorstand beschloß nämlich, in Zukunft den Religionsunterricht an den Mädchenschulen der Gemeinde hierzu, geeigneten weiblichen! Lehrkräften anzuvertrauen. Zu diesem Behufe wird die Gemeinde Lehrkur.se zur entsprechenden Ausbildung dieser weiblichen Lehrkräfte organisieren. Der Lehrkurs wird für Lehrerinnen der Mädch«en-Elementarfchulen zwei, für Lehrerinnen der Mädchen-Bürgerschulen drei Jahrgänge umfassen. Jn diesen Kursen werden die Teilnehmerinnen Thora-, Prophetem lmd Psalmenstudien