Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 258 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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258 van Menschenrechten zu reden und Nächstenliebe, aber alles doch nur, wo's hingehört, und hier gehören sie einfach nicht her. Es ist ja rein, als ob unsere Kinder vogelfrei sind, wenn die Juden Ostern haben." Um ihn her fielen Bemerkungen: „Es ist nicht so schlimm"; „doch, doch, es ist immer nur vertuscht worden"; „wer weiß, was da auf ihrem heilige« Berge für Gesetze runtergedonnert sind"; „ich glaube nun mal nicht an solche vorsintflutlichen Geschichten." „Ich würde widersprechen, Herr Hauptmann, wenn die Disziplin mir's gestattete," sagte Vangerdio. „Aber ich bitte darum; wir sind hier nicht im Dienst." „Dann, mit Ihrer Genehmigung, -Herr Hauptmann: ich glaube an Ritualmord durch Juden so wenig, wie durch Angehörige unserer Kirche." „Das wird den Staatsanwalt Mokannes außerordentlich interessieren; er wollte Sie als Zeugen laden lassen." Der Staatsanwalt trat hinzu. „Ich bin ganz unbeteiligt," erwiderte Vangerdio. „Das schon," der Hauptmann zog die Worte in die Länge, „aber Sie kennen die Rabbinertochter näher, und . . ." „Und?" „Da wird sie Ihnen wahrscheinlich ihr Herz ausgeschüttet haben," wieder klang es langsam und gedehnt, „Ihnen Gewissensbisse gestanden haben ..." „Ich verstehe Sie nicht, Herr Hauptmann." „Das bezweifle ich, Herr Leutnant." Die Umstehenden erbleichten. „Mein Wort bezweifeln Sie, Herr ..." „Nein, nein, mein junger Freund, nur den Mangel Ihres Verständnisses," sagte der andere lächelnd, in gütigem Tone; „daß Sie nicht zu verstehen wähnen, glaube ich natürlich." „Wir werden ja in einigen Wochen klüger fein als jetzt, meine Herrschaften," nahm Graf Suhersad das Wort. „Die Zahl der ausgegebenen Karten ist leider so gering, daß viele von Ihnen des großen Schauspiels verlustig gehen werden; ich selbst erhielt nur mit großer Mühe einen Platz." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Georg Hermann: Schne e. Roman. ' Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W. Goethes „Urworte" mit der resignierenden lieberschrift ,,«v«yy.r/ (Zwang) durchziehen wie ein Leitmotiv dieses Buch voll ohnmächtigen Zorns und verzweifelter Resignation, voll knnstfroher Lebensbejahung und wirklichkeitsüberdrüssiger Trauer, dieses gedanken- und empfindungsreichste Werk des Dichters, der hier die Summe seines Jchs gezogen, gewissermaßen das Testament seiner Kunst- und Weltanschauung niedergelegt hat. Noch einmal wählt Hermann den Doktor Herzfeld, den er schon ehedem all das hat aussprechen lassen, was ihn erschütterte, zum Sprachrohr. Und war es dort symbolisch und wirklich die „Nacht", in der durch das Labyrinth der Brust ein Menschenleben wandelte, so ist hier im „Schnee" eines Novembertages des Doktors größter unfc> letzter Tag symbolisiert. Dieser Nerven- und Gedankenmensch mit seinem spröden und doch so reichen Herzen, das er keusch vor der Welt verschließt, wird von dem schauerlichen Leid, das der Krieg über die ganze Menschheit bringt, gerade weil er selbst nicht zu denen gehört, die persönlich etwas verlieren oder zu verlieren haben, gepackt, als sei er der Exponent aller jener, die da Leid tragen. Nicht der politische Pazifismus, ein voraussetzungsloser Antimilitarismus findet hier einen Verteidiger, sondern ein Philosoph, dessen Liebe der Menschheit und ihrer Höherentwicklung, der Schönheit, und der Kunst gehört, sieht eine Geisteswelt m Trümmer gehen und erkennt schaudernd in allem den sinnlosen und doch naturgegebenen Zwang: „Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten." Und dieses Weltenschicksal im großen vollzieht sich im kleinen an ihm selbst. Es wäre vergebliche Mühe, den reichen Inhalt dieses tiefgründigen, Poesie- und philosophiedurchtränkten Buches auch nur andeuten zu wollen. Kaum. 48 Stunden lang 'begleiten wir den Doktor, von - einem trüben Novembernachmittag .des Jahres 1916. m: Berlin, da ihn die Kunde vom „Heldentode" ziveser junger Freunde trifft, auf seiner Reife durch Deutschland nach Atünchen, wo er von seiner Jugend und von jeglicher Hoffnung aus eine noch einmal sonnige Zukunft Abschied nimmt, und wir verlassen ihn alsbald wieder, während der leise rieselnde Schnee den aus einer Bank im schon .winterlich kalten Garmisch sanft Entschlummerten in eine warme Decke hüllt, deren er nicht mehr bedarf. Was Georg Hermann in diesen wenigen letzten Lebensstunden eines einzigen Menschen an Weisheit und Kunstverstand, an Dichtung und Empfindung, an Menschenliebe und Thrannenhaß, an Hoffnung und Resignation zu geben hat, ist höchster Bewunderung wert und macht sein neuestes Werk nicht nur zu seinen bedeutendsten, sondern sicherlich zu dem bedeutendsten der gesamten Nachkriegsliteratur, aus der es sich als das eigenartigste hoch herausreckt. Lprkchlsal. S e h r g e e h r t e r H e r r Redakteur! Noch einmal möchte ich auf Wilhelm Wundts letztes Werk: „Erlebtes und Erkanntes" aufmerksam machen. Es ist in ihm kaum eine Seite, die nicht reiche Belehrung bietet, durch Gedankentiefe und anmutsvolle Schilderung fesselt. An einer Stelle ist vom Tode di? Rede. Der Tod ist viel gelästert worden, aber es ist eine Q3n Daß wir uns vor dem Sterben an sich nicht zu fürchten brauchen, wird kein Verständiger leugnen. Eher könnten wir uns auf den Sterbensvorgang selbst freuen. „Die Lebenden wissen, daß sie sterben (Koh. 9,5), und das ist ihr Vorzug." Wundt erzählt in dem oben genannten Werke, daß er in jüngeren Jahren infolge geistiger Neberanstrengung zusammengebrochen sei. Er hätte einen Blutsturz erlitten. Seine behandelnden Kollegen hätten ihn aufgegeben, und auch er selbst sei von der Hoffnungslosigkeit seines Zustandes überzeugt gewesen. Damals habe er von seinem einzigen Bruder Abschied genommen und den Tod erwartet. Und nun fährt Wundt fort. „Das Gefühl, abgeschlossen zu haben mit allem, was das Gemüt beunruhigen kann, mit allem Streben und Wollen, dieses Gefühl, das Leben vollendet z u h a b e n, ist vielleicht d e m anderen des r e i n st e n, vollkommensten Lebensg e n u s s e s a m n ü ch st e n v e r wand t. Es setzt allerdings voraus, daß das Ende zugleich ein schmerzloses sei, und es mag sein, daß es eben darum vielen, wenn nicht den meisten Menschen, in Wirklichkeit versagt ist, wie man wohl daraus schließen darf, daß so viel vom Todeskampf, aber kaum jemals von der Ruhe des Sterbens die Rede ist. Diese Ruhe des Sterbens einmal erlebt zu haben, schätze ich für einen Gewinn, dem nichts anderes gleich kommt. An ihn ist eben jenes Gefühl der Unvergleichlichkeit dieses Erlebnisses, der Unmöglichkeit, daß es sich jemals wiederholen könne, untrennbar gebunden. Eben darum mag es 'denen versagt sein, für die der Abschied vom Leben von Schmerzen begleitet ist. Gegen diese gibtes nur eine Hilfe, die vielleicht selten eirynal einem Menschen erreichbar, den meisten aber versagt ist: diese Hilfe besteht darin, die körperliche Gebundenheit trotz der Macht, die sie ausübt, ganz zu vergessen und sich so durch Selbstüberwindung zu jener Seelenruhe durchzuringen, die dem schmerzlos Sterbenden von selbst befchieden ist. Mir ist dieser Gegensatz vor nicht langer Zeit noch einmal entgegengetreteu in dem Abschied, den ich von einem mit dem Tode ringenden Freunde nahnr. Er wünschte mir, dereinst einmal völlig bewußtlos aus dem Leben zu gehen, ohne von dem Augenblick des Scheidens eine Ahnung zu haben. Bei diesem Wunsche erneute sich in mir momentan die Erinnerung an jenes Erlebnis meiner Jugend, und ich sagte mir: ich wünsche das Gegenteil; um keinen Preis möchte ichdieses Leben verlassen, außer mit vollem Bewußtsein diesen Akt selber erlebt zu Haben." Im übrigen machen nicht die Schmerzen den Tod, dem sie vielfach vorangehen, furchtbar, sondern der Tod oder die Angst vor ihm die Schmerzen, die ihn häufig ankündigen. Dieser Gedanke wird des näheren -nusgeführt in dem feinsinnigen und kraftspendenden Buch des bekannten Berliner Psychologen „Der Mensch ist größer als das Schicksal", auf welches ebenfalls nachdrücklichst hingewiefen werden fall. Elbing, im September. Rabbiner Tr. H. A n e r b a ch.