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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-10-28 · Heft 22 (28.10.1921) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 22 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
Seite 257 (sequence 11)
Language
German
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257 Der JFall Lrrjsck. (5. Forts.) Von Ly d ia. Au erb ach. nur wenn der Staat die Klage verliert." „Tausende von uns erflehen dies mit Ihnen, und diese Tausende werden Ihre Arbeit an Ihrem Volke und deren Gelingen begrüßen; auch wir ersehnen ein allen unseren Bürgern gemeinsames Vaterland." Er . reichte David Rosenbaum die Rechte; beider Hände-ruhten fest ineinander. Dann trat der Offizier einen Schritt zurück. Miriam neigte sich zu dem Kinde nieder: „Auf Wiedersehen, meine kleine Senta.," „Wann kommstrDll!wÄ>er?": fragte das Kind, sich an sie schmiegend. „Ich weiß es noch nicht, Liebling." „Bald! Komm bald! Ich habe dich so lieb. Ich will dir auch was sagen, ganz leise, nur für dich." Miriam neigte ihr Ohr hin: - „Nun? Ich bin ganz neugierig." „Weißt du was?" flüsterte die Kleine vernehmlich. „Wenn ich groß bin, werde ich ein Jude." Alle lachten. Miriam reichte Bangerdio beide Hände; dann schritt sie rasch zur Tür. — Eine Stunde später herrschte im eleganten Festsaale reges Leben. Am Arme ihrer Herren zeigten sich die "Damen des Namen- und Geldadels in kostbaren Toiletten, Gruppen fanden sich zusammen, hier wechselte man einige Worte mit Freunden, dort neigte man sich zu förmlichem Gruße vor oberflächlich Bekannten. Gespräche wogten durch den Saal, teils recht leise, teils hörbar geführt. Eine Dame bemerkte zu ihrem Begleiter: „Das ist er? Elegante Figur; der geborene Sieger auf jedem Schlachtfelde, schade, daß dies nur das Schwurgericht ist; stelle ihn mir nachher vor, Egon, im Vorübergehen." Ein Leutnant eiferte im Gespräch , mit einem jungen Juristen: „Heimatberechtigt — Blödsinn; solch Pack heimatberechtigt — weg damit, abschieben, über die Grenze." „Die Nachbarn werden sich bedanken." „Sollen weiter schieben; man immer über die Grenze, wo sie anlangen." „Hübsche Rundreise um die Erde zu uns zurück", lachte der andere, „stecken wohl tief in der Kreide bei den Manichäern?" Ein Polizeioffizier wandte sich an Vangerdio: „Gratuliere, Herr Kamerad, sind da neulich scheußlichem Pech entgangen." „Gott sei dank; ich wäre den Gedanken mein Leben lang nicht los geworden." ,,Und die Unannehmlichkeiten nachher. Die Schreibereien, die Wege, die Vernehmungen." Der Staatsanwalt Mokannes stand als Mittelpunkt eines streises eifrig auf ihn einsprechender Bewunderer und Bewunderinnen im Zentrum des Saales. Graf und Gräfin Suhersad streiften die Gruppe. „Ich hahe die Ehre, Wanda", ergriff Graf Egon - -die Gelegenheit, „dir Herrn Staatsanwalt Mokannes vorzustellen, den Held des Tages;" Der Genannte lachte. „Ich freue mich-Ihrer Bekanntschaft", die Gräfin sprach >nit dem weichen, so warmherzig klingenden Tonfall«, welchen oie vornehme Kinderstube ihren gelehrigen Bewohnerinnen vom ersten Sprechversuch an beibringt- .„Sie sind einer der so seltenen Männer: .welche den Mut besitzen, in ein Wespennest zu greifen." -. : Dje Fürstin. Garda-Stöwer, am -Arme des Fürsten, hörte bie Bemerkung der Gräfin Dm Vorübergehen. „Ah, unsere eisrige..Politikerin", -warf sie hin, ,wehmen Sie sich in acht, meine -Herren, sie nimmt es mit jedem Staatsanwalt auf." „An Seine Durchlaucht habe ich mich noch nie heran- . gewagt", verteidigte sich die Gräfin. „So ging ich der einzigartigen Gelegenheit verlustig, einmal der Gegner einer schönen Frau zu sein", lachte der Fürst. „Laß sehen", rief die Fürstin. „Also der Weltfrieden . . . Sie sprachen doch vom Weltfrieden?" . „Diesmal nicht, Durchlaucht. Ich drückte dem Herrn Staatsanwalt meine Freude über seinen Entschluß aus, unser armes Volk von dem schauerlichen jüdischen Ritus befreien zu wollen." : „Ah," kam es kühl von den Lippen der Fürstin, „Sie haben die Anklage auf Ritualmord erhoben?" „Ja, Durchlaucht." „Von den vielfachen Beschuldigungen dieser Art ist doch noch nicht eine bewiesen worden." „Ich meinerseits werde keine Kraft und keine Mühe scheuen, der Gerechtigkeit endlich zum Siege zu verhelfen." „Der Gerechtigkeit, Herr Statsanwalt, wirklich der Gerechtigkeit," betonte sie; mit kurzem Neigen des Hauptes schritt sie mit dem Fürsten weiter. Drei Männer standen an einem Ende des Saales zusammen. „Was halten wer uns hier nebeneinander?" sagte der eine, ,/s wird ausfallen." Er wollte sich entfernen. „Sagen Se mal, auf'n Wort nur," hielt ihn einer der beiden anderen zurück, „wie stellt man sich, wenn einen 'n Glaubensgenosse um die Meinung fragt über diese verruchte Mordgeschichte?" „Tun Se ma den Gefallen," sprach der erste, „und lassen Se. das Bewegungsspiel mit de Finger sein, reden Sc nich mit de Hände." „Man wird doch noch dürfen de Hände bewegen als Christ," entgegnete der Gemaßregelte beleidigt. „Aber sagen Se wirklich, Treittel," warf der.Dritte ein, „was wan kann antworten, wenn man wird angezapft." „Was man kann antworten? Nichts sagt man, man tut, als ob man's nicht hat gehört:' Ist 'solche seine 'Gesellschäft überhaupt, als wir sind drrüH wird solche ytieße Sache gar nicht erwähnt, feine Leute reden nich von so was. — Ah, guten Abend, Hexr Staatsrat,"-verneigw', er sich . tief, vor einem Herrn.; : \ - ' ■ r ' „Guten Abend," grüßte der, ,>die Herren auch hier?" „Man muß sich doch lassen sehen in seine Kreise," sagte einer der beiden anderen, „freut's mich doch ganz ungemein, daß der Herr hohe Rat sich noch erinnert an meine Person." „Solche freigebigen Hände vergißt man nicht," lachte der Staatsrat.. „Das Stadtsäckel ist ja ordentlich schwer geworden durch die Großmut der drei Herren." . „Nu ja," meinte Treittel, „ich geb' zu, es war viel, aber es ist doch gewesen für die Gnade der Kirche, die Sel'ge macht. Sehn Se, Herr Staatsrat," er trat vertraulich dichter an ihn heran, „wir können doch nun blicken frei in das Angesicht alle, zu die wir gehören, haben wir doch so gar nichts zu tun nüt das gemordete Kind; ist's doch gewesen eins von unserm eigenen Glauben." Der Staatsrat konnte seinen Uebermut nicht zügeln. „In acht nehmen, meine. Herren, in acht nehmen," er tat geheimnisvoll, „man kann nie wissen, wie solche Sache verläuft; vor dem Gericht ist man nicht, sicher; man denkt, mau sei unantastbar, weil man Abrahams Schoß verlassen hat, und plötzlich wird mau vorgeladeu, weil man überhaupt mal drin gesessen hat. Himmel, der-Staatsanwalt blickt gerade hierher." Er eilte fort, als kenne er sie nicht; die drei bemühten sich zitternd, gleichgültig auszusehen, und verloren sich, ohne einander zu beachten, in der Menge. Der Polizeihauptmann Sönkerost führte das Wort in einer Gruppe von Damen und Herren: „Wie man überhaupt noch zweifeln kann, ist mir unbegreiflich. Ist ja ganz schön.

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