Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 256 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Mohr Aufschluß gewährt uns der folgende deutsche f Brief: J(o)anni Philippi famulus (an Johann, des Philipps Diener). Liber Johann, ich hett itzundt nicht die Wehl, fönst wolt ich euch wunderbarliche Ding geschriben haben. Es hat meyn gnediger Her zu Berlin einen gefangen, welcher sich rhumbt i einen konig der Gotten und Juden; ist eyn burger von Augspurg, sonst zu Maigdenburgk geboren, und sagt, ins er eyn , Amalechiter'") sei, habe vatieinia") von seinen maiorihns"), das er das gottlandt sol erobern und terrarn sanetarn"), und wie das ihm zwen geister erschienen und folchs geheyßen, das er sol eyn expeckitionem (Zug) in orientern furneinen. Man hat vil gelt bey ihm gefunden und briss, darquß man sich erkundigt") hat, wie das die -befte und gewaltigste Hauptleude in Italia, Helvetia, Oallia, Germania, llngaria und Ilispania .und alle juden per totum orbem'5) sich zu Hauff verbunden, Lueeiam und Gvttiam eynzunehmen und darnach eyn zehenjeriche expeckitionem in nrientem vorzunemen,. lind feind in der bestallung über die zwehmalhunderttaufend, terram sanetam den juden zugut zu erobern. Den die juden wolen , per totum orbem ihre guter darzu conferyren"), das sie ihr regnum widerumb mögen recuperiren, und das folchs war sey, das sich die juden trefflich rüsten, so hat man itzt neulich , 511 Cracow") bei den juden über die 40 grosser wegen mit pulffer gefunden, und sagen die kaufleud, das die juden zu Prag ein jar oder fun'ff allen Salpeter in Germania aufgekauft. Es ist auch heymlich die sag, das etliche Fürsten in Germania sollen in diser eonjuratio sehn. Deshalben last meyn gnediger Herr den gefangen wbl bewaren, hat ihm eornpeckes'") lassen anlegen, und wiewol die von der Schulenburg'") und vil ander treuffliche edelleud für ihn.bitten, und uf vilmal hunderttausend gülden den selbigen wollen aussbnrgen, dennoch können sie nichts beim Churfursten erhalten. Ich versehe mich, der Churfurst wird ihn dem Kayser zuschicken; ich bin vor zweyen tagen von Berlinkamen, und wolt euch hier von vil heimligkeit schreyben, aber wie ich oben angezaigt, Hab nicht der weyl- Dinstag nach Martlni, Franffortt. Sa bi uns. (Adresse lateinisch): An den vortrefflichsten und klügsten Mann, Herrn Georg Vogler ""), seinem einzig zu verehrenden Gönner. (Aufschrift des Konvoluts): Zeitung des gefangen zu Berlin, der sich der Gotten und juden konig nennt, und von der. juden Rüstung, das gelobt land einzunemen. Windsheim"'). Das. ist alles. Jede andere Spur der Bewegung fehlt. Höchstens, daß im Staatsarchiv zu Berlin sich etwas darüber findet; des müßten sich aber Ortsansässige überzeugen, Aber an sich ist im Zeitalter der Reformation eine solche Bewegung nicht undenkbar. Da wurde in der Stadt Münster in Westfalen „das Reich Zion" ausgerichtet, ein alttestamentliches ">) Amalekiter, aus der Bibel bekannt. Warum sich der Gefangene so nannte, ist nicht zu ermitteln. ") Weissagungen. '-) Von seinen Vorfahren her. '*) Das heilige Land. ") Daraus man ersieht. ") Aus dem ganzen Erdenrund. '•) beitragen. *’) Krakau. Damals eine der größten Gemeinden des Judentums. ’*) Fesseln. '") Ein bekanntes preußisches Adelsgeschlecht; s. Meyers Konversationslexikon, 6. Ausl. G. Vogler hat 1538 Auszüge aus etlichen jüngsten Reichshandlungen und Abschieden in Sachen der Religion und eines gemeinen. freien,. christlichen Konzils in deutscher Nation herausgegeben. "') Im Original durchstrichen. Das ist übrigens nur Negistratnrbemerkung aus dem 16. Jahrhundert, vielleicht von dem Adressaten G.-Vogler selbst. Königtum, waches bewußt auf die biblischen Zustäude zurück, griff- Jnnechalb des Judentums, gärte es auch; ich «iimeve nur an die auf das Erscheinen des mysteriösen. David Reubeni und auf. die kabbalistischen Berechnungen gesetzten Hoffnungen; ferner sei erinnert an den Judentag, von Worms vom Jahre 1541, der uns die Juden in einer heftigen Agis tation befindlich, zeigt, und eigentlich haben die messianischen Hoffnungen im Judentum nie aufgehört, was einige Hitzköpfe immer veranlaßte, unüberlegte Schritte und gefährliche Streiche zu tun. Ich selbst habe auf Grund eines vatikanischen 'Manuskripts dargetan, daß >dw Juden selbst auf .die. groß, artigen Feldzüge Karls VIII. von Frankreich (1483—1498) messtanifche Hoffnungen gesetzt hatten""), und in der Tat ist ihnen ja bald darauf im Jahre 1503, in der Person des Äscher L ä m m l e i n, ein falscher Messias aufgetreten. Danach ist es also glaublich, daß die Juden auch im Jahre 1540 in einer messianischen Erwartung waren und tatsächlich etwas unternahmen, was ihre Pläne realisieren. soMe. Wäre uns ein jüdischer Bericht darüber erhalten, würden wir die Art der Bewegung besser erkennen können. Denn was uns der oben bezogene Brief von diesen „Neuigkeiten" mitzuteilen weiß, klingt recht phantastisch. Bor allem ist es ausgeschlossen, daß zu dieser „Expedition" 200000 Mann „bestellt" gewesen feien; .woher soll eine solche Masse von Leuten zusammenzubringen sein? Und was chatte das für eine Bewegung, nach sich ziehen müssen in ganz Europa! Das wäre ja ein neuer Kreuzzug gewesen! An so etwas muß allenfalls der Verfasser deS Briefes gedacht haben, wenn er das Unternehmen als eine „zehnjährige Expedition" bewertet. Die europäische Lage war nicht danach, um eine solche Expedition anfkommen zu lassen. Der braudenburgische Kurfürst hatte vollkommen recht, wenn er den.Abenteurer, der sich wohl am Meisten exponiert und wohl auch «in meisten geprahlt hatte, hinter Schloß und Riegel setzte und auch, dann nicht losließ, als ihn mächtige Adlige auslösen wollten. Schade, daß wir den Namen" dieses „Amalekiters""") nicht erfahren; erst daun hätten wir einen Begriff gehabt, welcher Art die „Hauptleute" sind, die aus Italien, der Schweiz, aus Frankreich, Deutschland, Ungarn und Spanien die Expedition mitmachen wollten. Daß sie nur Abenteurer waren, ist von vornherein klar. So hatte also der biedere Magister Ketzmann jedenfalls recht, wenn er meinte, der gefangene Abenteurer habe es nur auf das Geld der Juden abgesehen gehabt. Daß diese in der Wirklichkeit etwas mit der Sache zu tun gehabt hätten, erscheint uns mehr als fraglich. Nicht einmal „gemietet" haben sie wohl die Krieger; die Juden mußten sich sagen, daß das fürste ein gefährliches Spiel gewesen wäre- Was sonst des Tatsächlichen von den Handlungen der Juden berichtet wird: die Juden in Prag hätten allen Salpeter in Deutschland »ufgekauft; die Juden von Krakau hätten 40 „Wägen" voll Pulver gehabt — das mögen wohl Tatsachen sein, doch Nicht solche, die mit der „Wiedereroberung" des Heiligen Landes Zusammenhängen, sondern geschäftliche Unternehmungen. der Juden, die ihnen falsch ausgelegt wurden. Nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal .wäre es gewesen, daß die Fama die Juden auf ihre Schwingen genommen hat; damals hatten sie Freunde an den evangelischen Schwärmern; jetzt —wer sind ihre Freunde? Nur das reale Interesse und die kluge Politik können ihre Bundesgenossen sein! '") Revue des Etudes Juives, Band 51, S. 87—96. ") Gehört zu dem biblischen Zug, der das ganze Zeitalter charakterisiert. Im Zeitalter der Hussitenkriege waren ähnliche Benennungen ausgekommen.