Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 255 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Wie schön aber ift e§, am verdämmernden Sabbatabend -nur einmal ruhig dazufitzen und die ganze Köstlichkeit dieser Stunde anszukosten, auf Hie Stimme feines Innern zu hören, auf die Glücken, Hie da vielleicht wieder zu Ningen beginnen unddie unter dem Druck der werktätigen Arbeit verstummten. Ihr Aengstlichen, die ihr da glaubt, solch Sabbat habe-euch im Kampf um das Dasein hinter die anderen, die - da'arbeiteten, zurückgeworsen, euch möchte ich zurusen: Was - ihr verloren habt und ^verloren zu haben meint, das holt ihr - ein durch die Frische des Gefftes, die ihr heute gewonnen habt, - durch die seelische Spannkraft, di« euch zuteil geworden ist. An einem Herzen, das an solch einem Sabbat zu sich selbst, zur Gotteslehre zurückgekehrt ist, an einem solchen Herzen prallen alle Ausbrüche des Hasses, die irt diesen Tagen aus uns niederprafseln, ohnmächtig ab, sie vermögen Nicht einmal die Schale zu verletzen. Im alten, vielgeschmähtett Getto konnte >der Jude den Sabbat voll auskösteni' '''-'.Ot" toÖr'ltfn dieses Gutes willen nicht alle sogenannten Errungenschaften der abendländischen Kultur hingeben sollten? Wir wollen retten, was sich noch retten laßt. Wir wollen unsere Kinder zur Heilighaltung des Sabbat erziehen, versuchen, in ihre Herzen von diesem Frieden hineinzugießen. Wir wollen hoffen, daß im Land« der Väter die Sabbatheiligung nicht nur ein äußeres Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit sein wird. Wir wollen jene Stunden der SelbsteinWr heilig -halten, weil wir uns erst am Sabbattage bewußt werden, was es heißt, ein Mensch zu sein. . Dr. Willy Cohn (Breslau). Wie dir Juden im Jahre 1548 Oalattma erobern wollten. Von Prof. Dr. S. Krauß (Wien), ine Besonderheit, wie sie sich die beglaubigte Geschichte selten leistet, soll hier kurz besprochen werden. Genau so wie Phantome, sind auch gewisse historische Nachrichten von der. Art, daß sie. uns narren und mit ihrem unverständlichen Wesen uns ärgern. Auch das hier Folgende kann nur als eine Merkwürdigkeit hingestellt werden; eine Erklärung gibt es dafür nicht. In der Autographenfammlung des Germanischen Museums zu Nürnberg befindet sich aus dem Jahre 1540 ein von Sebastian Theodoricus geschriebener Briest), der uns Kunde gibt von einer „Verschwörung" der Juden, die den Zweck hatte, Palästina für die Juden mit Waffengewalt zu erobern. Die Waffen selbst sollten freilich nicht von den Juden geschwungen werden — das mutet ihnen die dichtende Fama nicht zu —, sondern yon christlichen „Fürsten" und Rittern aus verschiedenen Ländern, die die Juden mit ihrem Gelbe gemietet hatten. Das einzig Greifbare an diesen phantastischen Geschichten ist der Umstand, daß irgendein Haudegen von dem Kurfürsten von Brandenburg-) gefangen genommen wurde, und so traf sich in Berlin eine schreiblustige Feder, die diesen welterschütternden Fall in deutscher Sprache nach der Provinz berichtete. Mehr als was dieser Brief und allenfalls ein ihn begleitender Brief des S-- Theodoricus enthält, wissen-wir von der ganzen Sache nicht, denn anderweitige Aufzeichnungen sind uns darüber nicht bekannt geworden. Vorangehend handeln wir von den Personen, die hier genannt werden. Sebastianüs Theodoricus, von seiner Vater- *) Veröffentlicht von Dr. Schmidt (Nürnberg) in „Mitteilungen des Germanischen Museums" 1894, S. 102—104. Herr Rabbiner Dr. M. Freudenthgl (Nürnberg) war so freundlich, mir Ha8 Manuskript in Nürnberg zu kollationieven. *) Kurfürst von Brandenburg war damals Joachim H. (1535—1571). . stadt Windsheim in Franken Windshemius genannt, war Doktor der Philosophie und der Medizin und wirkte als öffentlicher Proseffor zu Wittenberg. Sein Lehrer Johann Ketzmann, in dessen Hause er sich aushielt, als er den hierberührten lateinischen Brief an Dr. G. Vogler schrieb, ist der erste evangelische Rektor der Schule zu St. Lorenz in Nürnberg. Derselbe starb 1542. „Philippus", an dessen Famulus Johannes der Brief des „Sabinus" gerichtet ist, ist ohne Zweifel Melanchthon, dessen Schwiegersohn „Sabinus" war. -Dieser letztere hieß eigentlich Georg Schüler, war 1508 in Brandenburg geboren, und von 1538 bis 1541. also in der Zeit, aus der der Brief stammt, Proseffor in Frankfurt a.d-O. Er ward später Professor in Königsberg, lebte aber zuletzt wieder in Frankfurt a.d.O., wo er 1560 starb. Windshemius verfaßte mehrere historische Schriften und ein größeres Werk (observationes politicae — Politische Bemerkungen), doch war es dem ersten Herausgeber der beiden -Briefe, wie auch mir, unmöglich, nachzusehen, ob er unseren Fall noch ferner berührt, da seine Werke nicht zu erlangen find. Die beiden Briefe befinden sich jetzt in einem größeren -Bündel Briefe, die aus dem 16. Jahrhundert stammen; schon ihr erster Besitzer im 16. Jahrhundert hatte, in Ansehung unserer beiden Briefe , den Vermerk „de conjuratione Judaeorum" (Von der Verschwörung der Inden) darauf geschrieben, und mit dieser Marke werden sie noch heute registiert. In Wirklichkeit ist die Bezeichnung wenig paffend, da nicht sowohl die Juden als vielmehr einige angeblich in ihrem Solde stehende „Fürsten" und Ritter die Verschworenen waren. Doch eine Kritik steht uns nicht zu, da wir in der ganzen Sache nicht klar sehen. Wir lassen nun zuerst den lateinischen Brief in deutscher Uebersetzüng auszüglich, dann den deutschen Brief im Original und vollinhaltlich folgen: „Da bereits Na * 3 *) Paulus hierher zu meinem Lehrer Ketzmann einen deutschen Brief gesandt hat, den an den Diener des Philippus dessen Schwiegersohn Sabinus aus Berlin geschrieben halte, u. z., von einer Verschwörung der Juden und der Wiedereroberung ihres Reiches und Priestertums"), so habe ich beschlossen, denselben, da ich weiß, daß du auf Neuigkeiten begierig bist und dich an ihnen recht ergötzest, zugleich mit der Meinung meines Lehrers Ketzmann darüber, wie er selber es mir aufgetragen, dir in Abschrift einzuhändigen. So wisse denn, daß M5 * * 8) Ketzmann meint, daß jener, der sich der Goten") und Juden König zu sein rühmt, nur darin lügt'), daß er unter dem Vovwande, nämlich der Wiedereroberung des Heiligen Landes und des Priestertums, mit seinen Scharen die reichsten Juden all ihres Geldes und ihrer Reichtümer entblößt und beraubt, denn sie hatten zu diesem Zwecke die ganze Menge Geldes zusammengetragen, das sie mit ihrem Wucher schon seit vielen Jahren aus ganz Deutschland herausgesogen hatten. ... ... Datum im Hause Ketzmanns am 4. Dezember bei Tagesanbruch, nimm es also gut auf"). Im Jahre des Herrn 1540. . . . Wenn ich noch irgendwelche Neuigkeiten, die des Schreibens wert sind, haben sollte, werde ich sie dir nicht vorenthalten. Dein dir von Herzen zugeneigter Sebastianüs Theodoricus')." *) Na — Magister. Den genannten Paulus kann ich nicht identifizieren. *) Sacerdotium. Der Begriff ist hier nicht klar. r') N — Magister Lehrer. ö Die Gottae sind offenbar die Schweden oder Norweger. ') Das Wort confingere heißt Vortäuschen, lügen. 8) boni (lies bene) ig-itur consule; die Worte habe ich -nach Freudenthals Deutung wiedergegeben; f derselbe) schlägt auch vor: „Nimm damit vorsieb!" *9) Hier folgt (lateinisch) der Vermerk: „Es folgen, die Nachrichten von der Verschwörung der Juden."