Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 254 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Vergnügen, auf welches die machtstrotzenüe Mehrheit nicht verzichten mag. Es liegt demnach zwischen Juden -und vielen Deutschen eine unglückliche Ehe vor. Solche Ehen Pflegen um so unglückLicher zu werden, je nachgiebiger sich der abgestoßene Teil zeigt. Vielleicht bringt dieser Vergleich die national-deutschen Juden zum Nachdenken über ihre Mstwilationslust. Denn die Antisemiten meinen nicht das Judentum allein, sondern vielmehr das jüdische Volk, die Assimilanten und die Judenchristen. Mit dem Minus der nationaldeutschen Juden und der Halbheit der Zentralisten. ist bis :heute nichts erreicht worden, obwohl diese sogar die tüchtigsten Führer gehabt haben. Der Antisemitismus -tobt, tobt schlimmer als vor 20 Jahren. Die Zentralvereinler haben meist in den Fehlern der -Gegner die Ursachen allein gesucht und vielleicht suchen müssen, weil sie es nicht wagen konnten, die Mitglieder zu freien Männern zu erziehen. Der Zionismus hat sich richtiger sogleich an die Jugend gewandt. Erst in allerletzter Zeit folgt darin der Zentralverein, sieht aber häufig, daß seine Jugend zu dem zionistischen Ideal sich herübersehnt und dem zentralistischen Philistertum nicht folgen will. Gelingt es den Zionisten, Erfolge im Aufbau ihrer Ideen zu erringen,, so wird der Ue'bertritt noch stärker werden. Uebergang zu produktiver Arbeit, Abgang vom Geschäfts- - leben-, und denwissenschaftlichen Berufen, Sport und Körperpflege an Stelle der in jüdischen Kreisen überschätzten Kopfarbeit, freies lind naives Bekennen seiner Rasse und. des Judentums, Kenntnisse der jüdischen Geschichte, Sprache und Literatur sind die Ziele der Zionisten und teilweise der Zentralsten, während die Nationaldeutschen und ihre Gesinnungsgenossen im Zentralverein in Assi-mÄa.tion Deckung suchen wie das Chamäleon in der Mimikry, dabei aber den Boden des Judentums unter den Füßen verlieren. Es wäre schade für die Welt, wenn die jüdische Rasse ausstüribe und die Engländer Gelegenheit finden sollten, dereinst zu einzelnen noch übrig gebliebenen Exemplaren zu wallfahren, um die Reste dieser hervorragenden Nation zu oewuirdern, wie Heine es drastisch ausgedrückt hat.. Die Menschheit hat selbst das größte Interesse -an ihrer Erhaltung, sagt Sombart. Gelingt es den Zionisten, eine eigene Kultur im eigenen Lande Palästina zu -schaffen, so können der Menschheit vielleicht noch große Kulturfortschritte erneut von den Juden erwachsen. Diese Gedanken mögen die Engländer bei der Balfour-Deklaration mit bewogen haben, die Herzl-Schöpsung auf praktischen Boden zu stellen. Es mögen allerdings auch egoistische Beweggründe gewesen sein, wie die beiden anderen Gruppen behaupten. Jedenfalls besteht eine Judennot. Die Juden sind das »unglücklichste Volk der Welt, obgleich es vielen im einzelnen sehr gut zu gehen scheint. Sie haben seit der Gleichiberechtig-ung im westlichen Europa überraschend schnell die abendländische Kultur nachgeholt., sie sogar häufig stark gefördert und neue Wege geschaffen. Der konstitutionelle Staat mußte ihnen die Gleichberechtigung verleihen, da er keine Ausnahmen vertrug. Nicht durch menschliches Rechtsempfinden -also ist sie ihnen zuteil geworden, selbst nicht im „Lande der Dichter und Denker". Ja, was man ihnen zu geben gezwungen war, nahm die Preußische Verwaltung ihnen zum Teil wieder yffen und hinterlistig fort. Die Ungerechtigkeit mußte sich rächen. Die Zählung der Juden im Kriege nach Art von Vfeh zeigte die antisemitische Sinnesart in klarster Weise wieder, brachte aber der Regierung und Militärverwaltung selbst nur Blamage. Dabei habe ich persönlich die unge-heuerlichsten Drückebergereien der bevorzugten Herrenkaste erlebt, wie sie bei Juden nicht vorkamen und Vorkommen konnten. - iSchluß folgt.) , Ssbvslfnkvrn on allen Leiden, die uns das Galuth auferlegt, ist wohl das das schlimmste, daß es den meisten unter uns'den Sabbat nahm. Ich sehe im Geiste manchen von eucfy, meine lieben Leser, aufbegehren, daß dem nicht so sei, daß man ihn sich nicht nehmen lassen brauche, wenn man es nicht wolle, aber wenn wir mit offenen Augen unsere Umwelt. befrachten, so 'müssen wir doch feststellen, daß eine erhebliche Anzahl, und nicht gerade von den Schlechtesten, von den Harten Notwendigkeiten des Lebens gezwungen wird» die Heiligkeit des Sabbats zu verletzen. Das ist aber traurig, tiöftraurig! Ich will heute nicht davon sprechen, wie man. Abhilfe für ' diese Dinge schaffen könnte; es müßte in vielen Dingen Stückwerk bleiben. Reden will ich von dem Frieden, der in unser Herz zieht, wenn wir uns bemühen, den Sabbatgedanken, ganz-in uns aufzunehmen, und wenn wir den Sabbat wirklich zu erleben suchen. Armselig die, die glauben, für unseren Nuhetag am Sonntag einen Ersatz finden zu können. Dies-wäre ein Ersatz, wie wir ahn im Kriege für so viele Dinge kennengelernt und rasch nachher wieder Mer Bord geworfen haben. Nie kann der laute, geräuschvolle Sonntag den Sabbat Zersetzen. Nicht suchen wir am . Sabbat Unterhaltung, das lärmende Vergnügen, die Zerstreuung, wie das schöne Wort lautet, wir suchen den Frieden, die innere Sammlung, die Ruhe. Was aber täte uns mehr not in unserer rasenden, jagenden Gegenwart als dies? Wir fliehen an unseren) Ruhetage nicht vor uns selbst in die Umwelt; an diesem Tage wollen wir uns sammeln, um -den Kampf der folgenden Woche mit um so größerer Kraft aufnehmen zu können. Wohl dem, dem am Freitagabend bei den Klängen des L'cho dodi auch der Frieden ins Herz zieht, der wie . ein König in bei) Kreis seiner Familie zurückkehrt und mit dem Segen über Wein und Brot alles Häßliche von sich ab streifen kan n, was ihn die ganze Woche bedrängt hat. Wir wollen den. Sabbat hüten und an ihn denken. Hüten sollen wir ihn vor allem Unreinen, vor allem, das seine Heiligkeit verletzen kann. Gerade darin, daß man an diesem Tage keinerlei Werktagsarbeit verrichten soll, liegt sein seelischer Gewinn. Man tut an ihm nicht das, was man alle Tage tut. Ich möchte Werktagsarbeit aber auch nennen, wenn man sich an diesem Tage auch nur in Gedanken mit dem beschäftigt, was den meisten Menschen das Leben ausmacht, bis zu einer» gewissen Grade auch ausmachen muß, der Sorge um das tägliche Brot, das Geld. Der würde in meinen Augen den Frieden des Sabbats viel mehr verletzt haben, der solchen Gedanken Raum gibt, als der, der äußere Arbeit verrichtet, verrichten muß. Und doch mag gegendieses seelische Reinhalten des Sabbats am meisten gesündigt werden. Den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht soll der Sabbat darstellen. An ihm sich in die Thora zu versenken, ist freudiger Genus; Ich bekenne es offen: erst als gereistem Menschen haben sich mir ihre Schönheiten erschlossen; doch dies ist eine Vermessenheit, drum will ich lieber sagen, beginnen sich mir ihre Schönheiten zu erschließen. Es gibt wohl keinen Augenblick des täglichen Lebens, für den man picht aus ihr Trost und Erhebung finden könnte, und off glaubt mau. wenn man gerade so ganz und gar erfüllt ist von den Ereignissen der Gegenwart, in ihr das erlösende Wort zu finden. Feierstunden des Geistes sind es, wenn man am Sabbat zu der Bibel greift, weM man über die Jahrtausende hinweg seine Gedanken hinlenkt zu dem, von dem unser Wissen ansgegangen.-ist: - Wir werden uns -dann erst so ganz und gar Aar. daß das Abendland sich immer mehr und mehr von jenen reinen Bahnen entfernt, hat,.