Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 250 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Regierung zugestellt worden. Das schicksalsschwer Dokument besteht aus einem Sonderschreiben und aus dem Wortlaut der Entscheidung der Aliierten -sowie den Vorschriften, die bei ihrer Anwendung befolgt werden sollen. Das Sonderschreiben erinnert an die Entstehung des oberschlesischen Problems, an die Bedingungen, unter denen der Oberste Rat den Völkerbundsrat in dieser Angelegenheit anrief, ferner an die Gründe, die dafür bestimmend waren, außer der territorialen Teilung auch wirtschaftliche Maßnahmen festzusetzen in der Absicht, den -Fortbestand des Wirtschaftslebens im Industriegebiet sicherzustellen. Es endet mit der klaren Bestätigung des Uebereinkommens der Großmächte und ihres Willens, den Inhalt durch beide Parteien befolgt zu sehen, sowie mit der Androhung von Zwangsmaßnahmen, falls einer der Beteiligten sich weigern sollte, zu unterzeichnen. Der zweite Teil der den Vertretern Deutschlands und Polens übergebenen Mitteilung enthält die Angabe der Grenzlinie zwischen Deutschland und Polen in Oberschlesien, sowie die Aufzählung der Uebergangsmaßnahmen, die dazu bestimmt sind, den Fortbestand des Wirtschaftslebens in Oberschlesien nach der Teilung sicherzustellen und die Schwierigkeiten der Uebergangsperiode zu beschränken. Die harte Notwendigkeit, die Deutschland zwingt, sich auch in dies Unrecht zu schicken, fordert aber gleichzeitig gebieterisch, daß wir uns darauf besinnen, was die nächste Zukunft von uns verlangt. Wie dem gesamten deutschen Volke bleibt auch den blühenden jüdischen Gemeinden in den nun Polen zugeteilten Gebieten Oberschlesiens nur die Hoffnung aus die Zukunft, daß dieses Unrecht zil irgendeiner besseren Zeit wieder gutgemach,t wird. Polen fällt bei dieser Teilung ein Geschenk in den Schoß, mit dem es kaum umzugehen weiß. Es ist über seine Aufnahmefähigkeit bedacht worden. Bei ihm liegt die Zukunft des verlorenen Teiles Oberschlesiens nicht in guten Händen. Das hat auch die Entente eingesehen, die deshalb das uns entrissene Land llicht sofort ohne jede Einschränkung der Warschauer Regierung überließ. . Aus eine lange Uebergangszeit von 15 Jahren hinaus bleibt der augenblickliche Zustand im ganzen Industriegebiet trotz der sofortigen politischen Trennung in vieler Hinsicht unverändert erhalten. * In der Festnummier zum Ordenstag der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B., Oktober 1921, veröffentlicht Rabbiner Dr. Leo Baeck folgenden zeitgemäßen Aufruf, dessen Beachtung wir auch unseren Lesern dringend empfehlen: Dem inneren Leben der .deutschen Ju-deuheit droht eine Gefahr. Die Heimatshäuser ihres religiösen Eigentums drohen zu verfallen. Alles geistige Besitztum kann nie bloß überliefert, nie bloß vererbt sein, es will immer neu geschaffen, immer neu verwirklicht sein. In der wissenschaftlichen Arbeit, >iin der wissenschaftlichen Erziehung wird es so gegeben. Durch sie wird imnrer wieder ein »neues Geschlecht in die Welt -der Gedanken! hineingeftellt, um in chnen zu wachsen! und sie ans sich 'hervorwachsen zu lkassen, da.mi,t ein neues Geschlecht der Gedanken sein Loben begründe. Es ist der Stolz der deutschen Juden, daß sie i-n dieser -geistigen Welt des Judentums immer gestanden haben, gebend und führend. Führende Gedarrten sind seit mehr denn einem Jahrhundert von ihnen! au-sgiegangen, Gedanken, welche die Juden aller Länder in »ihre Richtung zogen. Das Judentum in Deutschland ist -das Judentum für die Welt geworden. Es ist so geworden, weil die Wissenschaft des Judentums in Deuts-chliand innner ihren Platz gehabt -hat, weil sie hier ihre Lehrer und Jünger, Jünger für alle Länder, gesunden hat. Aber die Wissenschaft will lieben. Ein Spruch der Väter sagt: „Wenn keine Nahrung ist, kann die Thora nicht leben." Und diese Möglichkeiten des Lebens drohen zu versiegen. Unsere Wissenschaft- lichen. Anstalten sehen ihr Dasein immer mehr eingeengt, die Mittel, die ei.ne frühere Generation ihnen, gewährt hat, haben ihre Bedeu-tuingi verloren, der geminderte Wert des Geldes hat sie omschrumpfen lassen. Will die deutsche Judeniheit es ansehen, daß ihre Wissenschaft, die Quelle ihrer eigenen religiösen Kulötnr, verarme, aus äußerer Armut innerlich verarme? Will das »deutsche Judentum die Stellung verlieren-, die es in der Weltxi-nn-immt and die es der Wissenschaft wesentlich verdankt, die in seiner Mitte arbeiten und schaffenkann?. Mit 'den Häusern der Wissenschaft leiden heute alle die Bildungsstätten,, durch welche «das, was die Wissenschaft erarbeitet hat, -geileihrt und verbreitet werden soll, und ebenso!die Männer, die das Wissen vom Judentum in die Jugend pflanzenwollen. Sie, die die geistigen - Führer fein sollen,, stehen, heute unter denr D rucke des Tages. Die Sorge um »das tägliche Brot ist bei viielen dieser Männer eingekehrt, und damit zugleich die Sorge auch, daß der Nachwuchs aiusbleiberr werde, der bereit ist, in diesen Beruf, »der feine . Männer verlangt, ei-nzutreten. Aus -den kleinen Genreinden besonders kommt unsere Kraft. Wollen wir es untätig, ansehen-, daß sie geistig. verkümmern, daß dort »die Jugend.ohne den Lehrer .der Religion heranwachse? An nuferen Logen ist es, vorerst und vor allen anderen die Antwort zu geben. Wir geloben immer von neuem, die Wissenschaft zu pflegen. Wir können dieses Gelköbnis erfüllen nur, indem wir mitbauen an .den Häusern, in 'denen di-e Wifsenschast leiben kann, und an der Stätte, wo sie wohnen soll. Ba-ühütteu wurden einst die Logen genannt. Bauleute unsereseigensten, kulturellen, gei'stigen Lebens wollen wir sein. Darum helft! Begeisterte Zustimmung hat es aus unserem letzten Ordenstag gefunden, daß unsere deutschen Logen einen großen Kulturfonds, ein großes Werk im Geistigen, schassen sollen. Nicht als eine Steuer sollte dies auserlegt sein, sondern als eine Gabe der Freiwilligkeit soll es gegeben werden aus jeder Loge heraus, Loge mit Loge wetteifernd. Ihr habt die Frage vernommen. Wir evlvarten die Au-twort. * Die alleimerteste Partei. Im alten Herrenhause fand am 9. d. M. 'der erste „Parteitag" der schon vor Monaten gegründeten Deutschsozialen Partei statt, die bei den jüngsten Stadtverordnetenwahlen zum ersten Male in Berlin mit einer eigenen Liste ans den Plan trat. Zum ersten Vorsitzenden des Parteitages wurde der bekannte Richard Kunze gewählt, det erklärte, daß -man in erster Lime beim internationalen Kapital den Hebel ansetzen müsse. Daneben müsse eine Verstaatlichung des Bank- und Börsenwesens verlangt werden und eine Regelung der Judensrage durch Ausweisung aller seit idem 1. August 1914 eingewanderten Juden, durch Stellung der in Deutschland verbleibenden Juden unter Fremdenrecht und durch Einführung 'des numerus clausus bei der Besetzung der öffentlichen Aemter und beim Besuch .der Hochschulen durch Juden. Die Juden haben mir zwar 'den ehrenvollen Beinamen „Knüppel-Kunze" verliehen; in Wirklichkeit sind wir die wahren Freunde der Juden, indem wir verhindern wollen, daß das Volk sie schließlich einmal abschlachtet. Die Rede Hergts auf dem Münchener Parteitag, die er zur Verteidigung gegenüber dem Vorwurf gehalten hat, daß die Deutschnationalen an 'der Ermordung Erzbergers schuld seien, ließ durchblicken, daß Hergt die Schuld an 'dem Morde uns, .den Deutschvölkischen, zuschiebt. (Zurufe: „Hergt ist auch ein Judenknecht!") * Dcirtsch-vöMsches Turnen. Seit Jahren besteht ein über ganz Deutschland verbreiteter „Juugstu'rm"-Vevem', der sich diie körperliche Erziehung, der Jugend zur Aufgabe gestellt und der insbesondere nach Aufhebung, der will--. tärifchen Dienstpflicht segensreich gewirkt hat. Nach seinenr Statut enthält sich der „Jungsturm" jeglicher Stellungnahme zu« pMtifchen und -religi-öfen Tagelsfragen. Vor -einiger Zeit: löste der Landes-