Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 22 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 249 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Die Worte „DeutschviMsch" und „Alldeutsch" sind Formen für einen kautlschukaxtigen Inhalt, und dieser wiederum ist' charakteristisch für die unklaren Bvstrebuntzen der ganzen Richtung. Deutschvölkisch ohne /chauvinistischen Beigeschmack ist derjenige, dessen Taten dem deutschen Volkskörper zum Wöhle gereichen, zurzeit also alle Gruppen, die, jeder pessimistischen Devise abhold, ihre besten Kräfte daran setzen, um Neu - Deutschland zu einem kraft- und lebensvollen Organismus zu gestalten. OiE, sind diejenigen deutschvölkisch, die vom Schmollwinkel aus",mit verschränkten Armen alle notwendigen Maßnahmen - und, Reformen abfällig kritisieAn, VoWteilen die, vate^änLrsche Gesinnung absprechen und' vor allein die J u p e^n z u entrechten suchen? Mer gerade diese Gruppe, ör'e w<D:enaftonale Gesinnung in Erbpacht zu hr^en glaubt, -entfaltet in parteipolitischem Interesse eine recht geräuschvolle Tätigkeit, die soziale Sittlichkeit, bewußtes Gemeinschaftsleben durch die niederen Instinkte, wie Haß, Gewalttätigkeit, Leidenschaftlichkeit, zu ersetzen sucht, und es ist eine Erfahrungstatsache, daß Krankheitskeime in einem geschwächten, wenig widerstandsfähigen Körper den allerbesten Nährboden finden. Ein Wort aus gewichtigem Munde, der Dolchstoß von hinten halbe 1918 alles verschuldet, dient ganz erheblich deutschvölkischer Propaganda. Wer hat eigentlich diesen Dolchstoß verschuldet? Wer hat aus die unsäglichen Leiden des hungernden, frierenden, in Not und.Verzweiflung dahinsiechenden Volkes geachtet, wer für das Meer von Tränen und die Ströme Blutes^anderes als ein paar Trostesworte gehabt? Und als seit August 1918 auch dem harmlosesten Gemüt zum Bewußtsein kam, daß alle Opfer umsonst gebracht worden waren, da gewann das Wort Revolution die Kraft einer Beschwörungsformel und der 9. November sah einen impulsiven Akt der Verzweiflung, der die Monarchie durch die So u v e r ä n it ä t d e s Volkes ersetzte. Das tragische Verhängnis des Deutschen Reiches lehrte nicht überall beten. Not lehrt auch fluchen. Der bisher als „vaterlaüdslos" bezeichnete Volksteil überwand den Seelenschmerz und raffte sich zu positiver Arbeitsleistung auf, während ein anderer Teil, von dem ftüheren Machtbewußtsein belebt, das seelische Gleichgewicht nicht wieder zu erlangen vermag und in die Ferne schweift, um Schuldige zu entdecken. Nicht Raftenmerkmale, Schädel- oder NaserMldung sind unbedingte Voraussetzungen für höchstes geistiges und sittliches Streben, sondern in jedem Menschen kann die Idee edler Menschlichkeit zum schaftenden Prinzip der Gemeinschaft werden. Die Rassentheorie untergräbt den Kulturwillea und häuft neuen Konfliktstoff zu dem bei Lösung der schwierigen Nationalitätenprobleme der Gegenwart bereits überreichlich vorhandenen. Jedes Einzelwesen muß von Pflichtbewußtscin getragen werden und jede nationale Individualität hat ihre weltgeschichtliche Mission zu erfüllen; den Grad der Kulturarbeit bewertet die Geschichte, nicht deutschvölkischer Phrasenschwall. Dompora mutantur. Als im vorigen Jahrhundert eine ähnliche katastrophale Niederlage die Schöpfung Friedriche des Großen aus der Reihe der Nationen zu Beseitigen drohte,- erfolgte eine geistige und sittliche Wiedergeburt des preußischen Volkes: eine Lebensreform, die den Willen über den Egoismus des Einzelwesens hinaus einer zielbewußten Arbeitsgemeinschaft dienstbar machte. . Trotz des lähmenden Politischen Druckes erblühte ein herrliches Geistesleben. . I» einem gewissen Gegensatz zur Klassizität stand zunächst die Aufklärung und später die Romantikdie sich, von den Zeitereignissen abwendend, liebevoll in die Ereignisse der Vergangenheit versenkte und dadurch auf Geschichts-. und Sprachforschung außerordeütlich befruchtend wirkte. Und' 190 Jahre später — statt des Preußischen ein ' deutsches Trümmerfeld. Die Nachfahren einer großen Epoche der Vergangenheit haben auch ihre Külturideale, nur weichen sie von den traditionellen Zielen des Volkes der Dichter und Denker ■ nicht unerheblich ab. Deutschvölkischer Gesinnung entspricht es, an dieniederen Instinkte einer verständnis- und urteilslosen-Menge mit einem Trommelfeuer von Worten und Schriftenzu appellieren sowie durch ein Gemisch von etwas Wahrheit und viel Dichtung Mühe- und Hetzarbeit gegen die Juden zu leisten. „In ferne Weiten wallet die irrende Menschheit" lautet eine Aphorisme in Pestalozzis „Abendstunden eines Einsiedlers". Diese- Mahnung ist auch den alldeutschen Heißspornen gegenüber gerechtfertigt. Nur einige Hinweise auf konservative Unfähigkeit bei Lösung komplizierter Probleme: die Entwicklung des modernen Expansionsstaates hat die ethnologische Kenntnis der Rassen konservativen Staatslenkern nicht erschlossen; letztere haben den Geist ihrer Zeit nach sozialem Ausgleich nicht verstanden und es verabsäumt, den im Vollgefühl seiner Lebenskraft bereiten vierten Stand zur allseitigen staatsbürgerlichen Tätigkeit zuzülassen. Die konservative Regierung hat eine verhängnisvolle Ostmarkenpolitik getrieben. Polnische.wirtschaftlich schwache Existenzen wurden durch Verkauf ihres Besitztums meist in den Stand gesetzt, die Städte zu überschwemmen und sich hier neuen. Berusszweigen, meist dem Handel und der Industrie, mit Erfolg zuzuwenden. Das konservative Monokel ist durch die deutschvölkischc Brille erseht woxden, aber auch jetzt wird der Schein noch für das Sein gehalten. Blindwütend wird der todwunde Bolkskörper mit den gefährlichen Bazillen des Rassen- und Klasienhasses infiziert und nicht beachtet, das; Staaten, deren Expansion mit der deutschen verwandte Entwicklungskeime äufweisen, eine hochentwickelte Volksgemeinschaft besitzen, in der die antisemitische Pestbeule durchaus keinen zersetzenden Einfluß ausüben kann. Einen beachtenswerten Hxfolg haben die deutschvölkischen Bestrebungen zur llsiHMdrückung nationaler Und konfessioneller Minderheiten gezeitigt; ihr Vorbild hat im Auslände Nacheiferung erweckt; aber es ist eine grausame Ironie des Schicksals, baß der von den Alldeutschen belobte Geist des Hasses deutsche Siedlungen in der Diaspora aufs höchste gefährdet. Der polnische Chauvinismus bedroht 600 000 Deutsche als fremdstämmische Elemente mit völliger Entrechtung und die gleichwertige Tschechoslowakei nimmt einer deutschen- Minderheit von 3 Millionen Seelen gegenüber den Herrenstandpunkt ein. Diese Partikulären Vorgänge sind drohende Mahnungen, insbesondere an die deutschvölkischen Hetzprediger, die die finsteren Gewalten des Mittelalters der modernen Weltordnuag gegenüberstellen wollen. Nur im freien Spiel der Kräfte kann sich eine lebensvolle idealistische Kultur entwickeln; der moderne Staat trägt genossenschaftlichen Charakter und kann sich niemals in aussteigender Bahn ^bewegen', wenn, er sich hermetisch gegen alles Fremdstämmische übschliesst. Es gibt ein Volkstum, das auch bas Menschentum nicht verleugnet, und nur Nationen, die sich dessen bewußt sind, schaffen Ewigkeitswerte.. Wochenschau. Berlin, 23. Oktober. ie Würfel sind gefallen! Das Urteil über Ober- Schlesien ist auf Grund der - Entscheiduncl des Völkerbundes von 'den Vertretern der alliierten Mächte ausgefertigt und der deutschen wie der polnischen