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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-10-28 · Heft 22 (28.10.1921) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 22 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
Seite 248 (sequence 2)
Language
German
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248 gezwungenen Auswanderern, die ihre ungastliche vsteuropäifche Heimat (in Rußland und Rumänien) verließen^ um sich im „gelobten" Lunde der vollenden Dollars bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Gern vergaßen sie, sobald es ihnen besser ging, ihre ünfveundliche Heimat und ihre unglücklichen, int alten Galuth schmachtenden Brüder. Alle Versuche, diese neugebackenen jüdischen Amerikaner zu organisieren und für das Gesamtschicksal ihres Volkes und seines großen Schrifttums zu interessieren, «schlugen fehl. Die Hoffnung, aus „Dollarmenschen", Anbetern des Mammons, selbstbewußte Jilden zu machen, war geschwunden. Der Krieg hat auch hier nrit einem Schlage einen erfreulichen Wandel geschaffen. Die Juden Amerikas «haben sich „valliiert", die verschiedenen Parteien haben eine große, das jüdische Gesamtinterefft wahrende Vereinigung ins Leben gerufen. Das Zentrum bildet der Jüdisch-Amerikanische Kongreß, der im Bunde mit den großen europäischen Organisationen berufen wäre, iry Namen des Gesamtjudentums das Wort zu ergreifen und durch Taten zu beweisen, daß Israel „nicht mehr einer Herde ohne Hirten gleiche". — Was wir endlich als dritte Äktivpvst in dem Kontobuch des Judentums buchen können, das ist die durch den Niedergang der Türkei spruchreis gewordene Palästinafrage. Zwar dürsten die schon von Theodor Herzjl unternommenen und dann fortgesetzten Versuche zur Erlangung eines Charters vorläufig erfolglos bleiben, auch sind die an die Balfouvsche Deklaration geknüpften Hoffnungen bisher nicht in Erfüllung gegangen. Auch darf man den Versprechungen der oft allzu freigebigen Staatsmänner in den „siegreichen" Staaten nicht allzusehr trauen. Die Entente versprach ja auch den Russen Galizien, wo sich aber inzwischen Polen, Frankreichs Schoßkind, festgesetzt hat. Daß aber in Palästina unter britischem Einfluß in den nächsten Jahren zugunsten der Juden gewaltige Veränderungen sich vollziehen werden, steht so ziemlich fest. Jedenfalls bildet die Frage einer jüdischen Heimstätte im Heiligen Lande einen der Programmpunkte in der hohen Politik der europäischen Großmächte und sie wird in den Beratungszimmern der „Weltbeherrscher" nicht eher von der Tagesordnung abgesetzt werden, als bis sie eine gerechte und wahrhaft humane Lüning gesunden haben wird. Der Lritgeilt. Von I. Basch (Berlin). enige Jahrzehnte leitete eine Regierung von streng konservativem Geiste die Geschicke des deutschen Volkes, dessen dOOjähriger Aufstieg alle Völker des Erdballs mit Bewunderung, aber auch zugleich mit bänger Besorgnis erfüllte. Ein spinnwebfeines Netz diplomatischer Künste und Ränke, von Konkurrenzneid, Rachedurst und Ländergier gesponnen, hemmte den Ausblick und die Bewegungsfreiheit der deutschen Staatslenker, und mit unwiderstehlicher Gewalt entluden die Wetterlvolken, die schon lange den Horizont verdüstert hatten, ihre verderbenbringenden Blitze. Der Riesenbau, der für die Eivigkeit verankert schien, wankte und stürzte in weniger als fünf Jahren zusammen. Als die bisherigen Machthaber bemerkten, daß die ängstlich gehütete Staatsform in Stücke gegangen war, suchten und sanden sie ein neues Betätignngsgebiet. Die deutsche Kultur- und Geistrswelt schien von dem Chaos bedroht und bedurfte, um in ihrer Wesensart ilnversehrt zu Weiben, energischen Schutzes. Nun galt es, für den überspannten Nationalismus einen Gegner zu finden, auf den sich in harmonischem Einklang die Verantwortung für Geschehnisse der Vergangenheit und künftige Gefährdung deS Volkstums am bequemsten abwälzenließ; eine solche wehrlose Minderheit bildeten die Juden. Dank konservativer Unfähigkeit in FrageüderLinNere» Kolonisation wären die fremdstämmischen Minderheiten an der Peripherie des Reiches aus dem Volksverbande ausgeschieden, und den erstarkten Linksparteien sowie dem Zentrum gegenüber war des Mutes besserer Teil; dje Vorsicht, geboten, so daß allein die Juden als gesahrlöse Gegner übrigblieben. ,/ . Gerade die deutschvölkische Gruppe sollte schweigend mit hingebungsvollstem Eifer an dem Wiederaufbau ihres armen, zu Boden getretenen Vaterlandes Mitarbeiten und nicht durch zersetzendes und negierendes Verhalten ihren besonders im Anslande recht anrüchigen Nationalismus noch mehr in Mißkredit bringen. Mit beispielloser Skrupellosigkeit wird durch. Statistik, Trugschlüsse, Schlagwörter, inhaltslose Phrasen die urteilslose Menge gegen die Juden zu «beeinflussen versucht und hierdurch „Brot und Spiele" ersetzt. Wird ein Jude in Wirklichkeit oder in der Phantasie solcher Hetzer vom Strafrichter verurteilt, so wird diese Staatsaktion getreulich registriert und zur Kenntnis eines größeren Kreises gebracht. Zugegeben wird allerdings, daß das statistische Material eins zu beweisen scheint: der deutsche Verbrecher neigt mchr zu Roheitsdelikten, der jüdische mehr zu solchen des Intellekts. Es sprechen in dieser Frage besonders Erziehung, Beschäftigung, individuelle Anlagen usw. mit. Der deutschvölkische Geist sucht krampfhaft nach Beweisen dafür, daß die deutschen Kulturgüter durch den wesensfremden jüdischen Geist gefährdet seien, und diese Versuche, den Begriff „wesensfremd" zu interpretieren, zeigen doch manchmal einen 'bedenklichen Grad von Geistesverwirrung. So wird behauptet, das Alte Testament, eine Sammlung von Mythen, Symbolen, Visionen, Poesien, sei nur zum Teil jüdischen Geistes; ein anderer zweifelt einen Hermann Cohen als objektiven Kanfforscher an, andere — und das sind die Schlauesten — berauschen sich ohne Angabe der Tatsachen an ihren eigenen Phrasen. Deutschvölkische Gesinnung mutz im Grunde genommen dem Antisemitismus huldigen, denn letzterer dient neben dem weniger zugkräftigen Monarchismus als Parole; im Antisemitismus ruhen die starken alldeutschen Wurzeln und lästiges Gerank gedeiht am üppigsten auf unkultiviertem Boden. Sollen die Juden es wirklich bedauern, solchen Volksverhetzern wesensfremd zu sein? Sollte ein solches Bewußtsein nicht vielmehr jedes mit Vernunft begabte Wesen mit außerordentlicher Befriedigung erfüllen? Ja, die Erbpächter der Vaterlandsliebe haben kein Interesse für die Raffenverhältnisse ihres Landes, deshalb widmen sie ihre ganze arische Geisteskraft dem Rassenstudium. Als Machthaber schätzten die Konservativen den Volkswillen recht gering ein, die Regungen der Volksseele fanden keine Beachtung, und demgemäß war von einer staatsbürgerlichen Erziehung, d. h. einer bewußten Willensrichtung zum Staat, nur wenig zu verspüren. Die fremdstämmischen Teile der Volksgemeinschaft wiesen stolz die deuffchen Bildungselemente zurück; allerdings war die Art der Darbietung wenig geeignet, nationale Gesinnung zu erregen und nachhaltig zu beleben. Die kolonisatorischen Versuche in Heimat und Fremde beweisen zur Evidenz, daß das psychologischc Rüstzeug der anglo - amerikanischen Raffe in Kolonisationsfragen dem des wenig geschulten Deutschen weit überlegen ist. Die etwas planlose Ostmarkenpolitik hat es den nationalen Minderheiten wahrlich nicht leicht gemacht, für ihr neues Vaterland den Grad von Gemeinschaftsgefühl zu erreichen, das im Wohl des Staatsganzen seine höchste Befriedigung findet. Bürgertum im sitllichen Sinne läßt sich weder durch Zuckerbrot noch durch Peitsche erzielen.

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