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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-10-28 · Heft 22 (28.10.1921) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 22 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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85. Jahrgang. Nr. 22 Berlin, 28. Oktober 1921 Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzebntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchbandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch .unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 LN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen sür Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ♦ 2>ic Wirkungen des Weltkrieges auf das Judentum. Von IJIIIJUll ♦ Rabbiner Dr. L. Lazarus (Memel). — Der Zeitgeist. Von, I. B a s ch, (Berlin). — W 0 chenscha u. — Zur Verständigung der deutschen Juden. Von Sanitätsrat Dr. Lase r st e i n (Berlin-Fliedenau). - Sabbatfrieden. Von Dr. Willy Cohn (Breslau). — Wie die Juden int Jahre 1540 Palästina erobern wollten. Von Prof. Tr. S. K rau H «Wien). — Feuilleton: Der Fall Berjack. Von L y d i a A u e 1 - d a ch. sb. Forts.) — Literarische Mitt e ilunae n. — Svre 6) - s a a l. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Berlin-Pankow. Danzig, Breslau. Hamburg. Bocholt, ssöln. Kleve, Lissa, Budapest. — Von Nah und Fern. Die Wirkungen des Weltkrieges suk das Judentum. Von Rabbiner Dr. L. Lazarus (Memel). nicht nur in -den Annalen der Weltgeschichte, auch in den inhaltsreichen Geschichtsbüchern Israels wird -der vor drei Jahren beendigte Weltkrieg als ein Ereignis verewigt werden. das für die zukünftige Entwicklung der Menschheit von entscheideirder Bedeutung sein wird. Wie die Wiederauflichtung des zweiten Tempels und der damit verbundenen jüdischen Sta-atsversassung, wie 600 Jahre später die Zerstörung des elfteren -und die gleichzeitige Auflösung des jüdischen Staates, wie dann die Völkerwanderung und seit dem rlften Jahrhundert -die Kreuzzüge tiefe Einschnitte in- -den TchicksalSgang des „ewigen -Gottesvolkes" verursacht haben, io -wird auch >das beispiellos -wilde und gigantische Völkerringen unserer Tage eine neue Epoche unseres geschichtlichen Daseins eröffnen. Nicht -die unsäglichen Opfer an Gut -und ^tut, -die dieser Krieg auch Israel auserlegt hat. nicht die unbeschr-eibbaren Mühsale und Leiden, die uns -betroffen haben, werden einst auf der „Schicksalswage" -der Völker den AnSichlag geben. Denn die Bilder des Elends, das sich in diesem rtliege so riesengroß vor uns erhob, waren in der an trab schon Momenten so überreichen Geschichte unseres Volkes leine Seltenheit. Die vielen Myriaden durch Schwert. Hunger oder Seuchen u-mgekommener Juden, die ungezählten Tausende in das Feindesland verschleppter, in Gefängnissen und Lazaretten zugrunde -gegangener Brüder und Schwestern, die Hun-dertkausende von unglücklichen Flüchtlingen, die ruhelos von Ort zu Ort. von Land zu Land wandern mußten, die erschütternden Pogrome in Polen und in der Ukraine, in Rußland und Rumänien, neuestens auch in dem vom „weißen Terror" geschüttelten -Horthh-Ungarn: alle diese Greuelzeichm eines beutegierigen, bluttriefenden Zeitalters sind in der tränenreichen Geschichte JsvaM keine neuen, ungewöhnlichen Erscheinungen. Me unter -gewaltigen Gwurtswehen sich emporringende neue Welt hat auch das leiderpröbte Israel unter das Joch ihrer gebieterischen Forderungen und „Kriegsnotwendigkeiten-" gebracht, so daß -esein gerütteltes -Maß an Lpfern jeglicher Art auf sich nehmen mußte. Doch kann dies keinen -Maßstab für die außerordentliche Wichtigkeit der Zeit abgeben, die „gekommen ist und nicht wiederkommcn wird". Wir/die Blu't- und Tatzeugen dieser Zeit, leben der tröstlichen Hoffnung, daß die vielen Opfer nicht umsonst gebracht, die Ströme Blutes nicht vergeblich geflossen sind. Wir haben als Nachkommen der todesmutigen Makkabäer den Mut-bo fleckten Zarismus zerschmettern helfen. Der -auf Gewalttätigkeit und Menschenhaß ausgeba-ute Dhron der Romanow wurde unter den ehernen Tritten geiwaltiger H-eeresmaffen-, unter welchen auch viele Juden gekämpft haben, in Trümmer zerschlagen. Deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten jüdischen Glaubens waren die Rächer -ihrer unter der Knute Nikolaus' II. schmachtenden Brüder und Schwestern. Ungefähr sechs Millionen Juden -im ehemaligen despotischen Zarenreiche wurden freie Männer. Das ist unsere erste „Aktivpost" in dem Riesenkonto dieses Krieges. In Erwägung der unbestrittenen Tatsache, daß die russischen Juden trotz des fürchterlichsten Druckes, unter welchem sie bis dahin gelebt hatten, aus -alsen Gebieten des materiellen und ideellen Lebens -Hervorragendes geleistet haben, darf wohl der zukünftigen Entwicklung der fveigewordenen Kräfte die -schönste Aussicht eröffnet werden, obwohl die -augenblickliche Lage unserer Brüder inder Sowjetrepublik eine recht trostlose -ist. Der vielerprobte, von den Schlacken jahrhundertelanger Knechtschaft geläuterte Stamm wird, -unter den befruchtenden Lichtstrahlen der Freiheit heranreifeird, das ihm verlorengegangene -Selbstbewußtsein allmählich w-iedergewinnen. Die erste Tat, zu -der sich bald nach Ausbruch der Revolu-ti-on unsere russischen Brüder ermannten, war einbemerkenswerter Schritt zu einer grvßangelogten Organisation: die -Summe von einer Million Rubel wurde damals zur Herausgabe vonhebräischen Zeitungen und Schriften gemeinnützigen Inhalts bereitgestellt. Wer den mächtigen Einfluß -einer mit Umsicht geleiteten und geschickt redigierten Presse auf die Politik eines Landes zu ermessen versteht, -der -wird die Bedeutung eines im Dienste des russischen Judentums stehenden Zeitungswesens und Schrifttums für die Zukunft -desdortigen Judentums nicht unterschätzen. Leider sind die an diese Neuorientierung der Verhältnisse geknüpften Hoffnungen durch die Willkür derbolschewistischen Volkskommissare zunichte gemacht worden. Auch der -geplante allgemeine jüdisch-rassische Kongreß, dessen Beschlüsse, und Ergebnisse für -die weitere Gestaltung der jüdischen Verhältnisse in Rußland von einschneidender Wirkung, sein konnten, hat bis heute seine Tätigkeit nicht entfalten , dürfen. Das zweite erfreuliche Resultat, das der traurige Krieg gezeitigt hat, ist die Organ-iisation der drei Millionen amerikanischer Juden. Früher galten diese -nur noch, als völlig ungleichartige, unvereinbare Glieder' des großen jüdischen Volkskörpers, die gewissermaßen als membra disjecta nur mit sehr dünnen, schwachen Fäden -am Ganzen -hingen. Das Gros dieser jüdischen Massen -bestand aus freiwilligen oder

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