Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 246 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229503--76431-3289025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
246 sie, nur daß bei dem Deutschen wegen der Jugend seines Volkstums und seiner Kultur alles Primitiver sei als bei den älteren und darum bewußteren Inden. Gerade die Ähnlichkeit des Geistes aber -erzeuge, wie so oft, Abneigung zwischen den Gleichgesinnten, weil man die Wirkung der Fehler zu gut kenne. Neben dem vielen Fragwürdigen, von einem, der einfach empfindet, gar nicht Nachzufühlendes, ist mancherlei gut Beobachtetes; einiges sei angeführt. Gut ist, was über die Ostjuden gesagt ist, wie töricht jene modegeworden-e Verhimmelung der Ostjuden ist, die in ihnen den Urjuden sehen will, und es ist durchaus treffend gesagt, daß sie zum Vorbild er'he'ben heiße: ,-das Mittelalter zurückwünschen als Heilung der Neuzeit". Vorzüglich ist folgendes gesagt: „Man sage nicht, daß ihr Talmudatavismus sie in den Advokatenberuf dränge. Es ist vielmehr die historische Gewohnheit, sich der fremden, ihnen im letzten Ende feindlichen Sache als der eigenen anzunehmen." Treffend ist ferner die Charakterisierung eines gewissen Zionismus als Jmitationsnationalismus und schon die Sehnsucht nach „der ganz neuen, auf Erden noch nicht geschauten Heimat, die nicht Scholle, Strauch und Hügel ist, sondern die Landschastsprojektion druck- und lügenfreier Menschenliebe". — Druck, Papier und Ausstattung sind vorzüglich. D r e n e m a n n (Offenbach a. M.). * — N e u e Gleichnisse aus d e m jüdischen Schrifttum für das j ü >d i s ch e L e b e n. Von Dr. Felix Kanter, Rabbiner in Zwittau. Tr. Kanter, der fast jährlich die jüdische Literatur mit einer ncu.cn Schrift bereichert (von gelegentlichen gediegenen Aufsätzen in Zeitschriften nicht zu sprechen), stellte sich auch diesmal mit einergründlichen und lehrreichen Arbeit ein. Diese betrifft eine neue Folge von Gleichnissen und Erzählungen zu den 1911 erschienenen. Die überaus warme Aufnahme, welche Presse und Publikum der ersten Schrift widmeten, gab ihm Veranlassung, eine Fortsetzung folgen zu lassen. In der Tat verdient aber auch diese Publikation alles Lob. Bietet sie doch treffliche Gleichnisse, dem Leben entnommen, welche die Anwendung sittlich-religiöser Ideen auf das Leben lehren. — Parabeln galten im religiösen Schrifttum, der alten Völker als das beste Mittel, um Ethos und Religion den breiten Volksmassen verständlich.zu machen, um religiöse Satzungen mundgerecht darzustellen und .deren Wert ad oculos zu demonstrieren. Das aus dem Leben fließende Gleichnis sollte quasi den ethischen Gehalt einer religiösen Lehre erläutern und deren Notwendigkeit für das Leben vor Äugen führen. Schon die ältesten Partien der Bibel kleideten große Gedanken in Gleichnisse, um sie ihren Zeitgenossen verständlicher vorzutragen. Man denke an die schönen Gleichnisse eines Jotham, Nathan, Joab usw., an die zahlreichen kurzen, aber kernigen Sentenzen, welche die Heilige Schirift als Produkt jener Zeiten aufbewahrt hat. Aber atuh Talmud und Midrasch enthalten eine Unmasse von Tier-, Baum- oder Königsgleichnissen, die dem damaligen Volksmunde entstammten und einen didaktischen Zweck verfolgen. Die geistigen Lehrer der vor- und nachchristlichen Jahrhunderte trugen sie in ihren homiletischen Vorlesungen in den öffentlichen Lehrhäusern bzw. in den Volkshoch^- schulen vor und erzielten auch die schönsten Erfolge. Selbst die Schöpfer des Neuen Testaments kleideten' ihre religiösen Ermahnungen in Parabeln und Sprüche, die' oft mit denen des Midrasch parallel laufen. Ja sogar Mohammed verdankt seine besonderen rhetorischen Erfolge im Koran nur der Anwendung von Gleichnissen (Mathol), die freilich jüdischen Ursprung verraten. (Vgl. meine Arbeiten über Koranexegese.) In neuerer Zeit tat sich aus diesem Gebiete der bekannte Dubnoer Magid (Prediger) hervor, der seine religiösen Vorträge mit packenden Gleichnissen zu schmücken verstand. Kanter verarbeitet in der vorliegenden Abhandlung im jüdischen Schrifttum verstreute Gleichnisse, zieht aus ihnen ethische Lehren für unsere Gegenwart und verwertet den wahren sittlichen Gehalt, den ethischen Kern derselben, für das religiöse Leben. Die Auswahl des Stoffes, die schöne, ausdrucksvolle Sprache und die gelungene Zusanunenstellung in 29 Kapiteln, die unsere Buß-, Fest- und Fasttage des Jahreszyklus zum Inhalt haben, stempeln das Buch als „Vademekum" für Rabbiner, aber auch für gebildete Laien. Es sind zu Herzen gehende Gedanken, die auch dein Leser die schönsten Anregungen zu vermitteln vermögen. Deshalb sei es bestens empfohlen. Dr. I. Eisenberg. — S. M. Dubnow: Die Jüdische Ges'chichjte. Em geschichtsphilosophischer Versuch. Aus dem Russischen übersetzt von Israel Friedländer. Zweite Auflage. Frankfurt a. M. 1921. Der berühmte jüdische Historiker Dubnow, dem wir das so ausgezeichnete große Geschichtswerk über die Geschichte der Juden verdanken, gibt in dem vorliegenden Abriß einen Ueberblick über die großen Gedanken, die Vergangenheit und Gegenwart verbinden. War es ihm schon in seinem großen Werke eigen, die leitenden Gesichtspunkte mit voller Schärfe hervortreten zu lassen, so versteht er dies in dieser Zusammenfassung noch viel mehr. Es ist eine Schrift, wie wir sie uns besser zur Einführung in die jüdische Geschichte nicht denken können. An der Hand von ihr wird der Religionslehrer imstande sein, dem fortgeschrittenen Schüler das Werden unseres Volkes vor Augen zu führen; sie wird aber auch vor allem dem zu geben sein, der einen ernsten Einblick in die jüdische Vergangenheit zu tun wünscht und der doch nicht die Zeit findet, sofort das größere Werk in die Hand zu nehmen. Wir sind überzeugt, daß er nach der Lektüre dieses Werkes die Lust zu mehr verspüren wird. Schließlich aber hat Dubpow in dieser geschichtsphilosophischen Auseinandersetzung auch dem noch viel zu sagen, der die jüdische Geschichte schon kennt, weil der große Historiker in der ihm eigenen Form die Ideen herauszukristallisieren versteht. Breslau.' Dr. Willy Cohn. * — I izchok-LeY b Perez: Die Zelt. Novellen. Deutsch von Alexander Eliasberg. Verlag Benjamin -Harz, Berlin-Wien 1921. Soviel nnm auch schon von Portz gelesen hat, so ist man doch stets immer wieder aufs neue überrascht und gepackt von der tiefen Innigkeit des Gefühls und der prachtvollen Erzählungskunst, die aus seinen Dichtungen spricht, und man hat stets den Eindruck, daß hierein wirklich guter und überragender Mensch zu uns redet. Wer kann wie er aus dem Leben der Ostjuden erzählen, das er erlebt hak und die er kennt mit all ihren Freuden und all ihren Leiden, mit ihren Vorzügen »und -ihren Schwächen? Aber er liebt sie mit der ganzen Innigkeit, die diesen Menschen eigen ist. In den Kreis des Jahres gliedert er diesmal seine Erzählungen ein, und der ganze herrliche Kranz der jüdischen Feiertage gleitet an unserem Auge vorbei. — Ob er von 'den „furchtbaren Tagen" erzählt, von Sukkoth oder Charmka, immer.erlebt man diese Tage mit ihm mit und immer holt er ihren tiefsten Gehalt heraus. — Es ist schwer, aus der Fülle des Gebotenen etwas Besonderes herauszugreifen, vielleicht aber Übertritt jene Erzählung, „Neila" alle anderen. Trotz aller ergreifenden Tragik welch erquickender Humor, welche Freude an dem Beobachten der Menschen. Perez verzerrt sie nicht, indem er sie mit einer falschen Sentimentalität umgibt, er schildert sie, wie-sie sind. — Wenn es dem Buche gelänge, auch in nichtjüdischen Kreisen Eingang zu finden, könnte es viel dazu beitragen, die so ganz falschen Vorstellungen, die man sich vom Ostjuden macht, zu beseitigen. Breslau. - Dr. Willy C o h n. Lüchrrrinlsuf. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Palästina und Südshrien, Reisehandbuch, im Aufträge der Palestine Expreß Comp, verfaßt von Jesaias Preß (Jerusalem). Mit vier Bildern von E. M. Lilien, drei Karten, fünf Plänen und zwei Grundrissen. 1921. Verlag Benjamin Harz, Jernsalem- Berlin-Wien. 1896 bis 1921. Festschrift zur 25. Wiederkehr .des Tages der Einweihung der neuen Synagoge von Joseph Rosenthal. Königsberg i. Pr., int September 1921. Nr. 14. Katalog des Hübrew Union College, Cincinnati, 1921/1922. Verlagsverzeichnis von A. Marcus u. E. Melber. Verlag in Bonn. Ausgegeben Juni 1921. Der babylonische Talmud. lieber setzt und kurz erläutert von Dr. Nivard Schlögl (O. Cist.), o. ö. Professor für orientalische Sprachen an der Wiener Universität. 1. Lieferung. Wien, Burgverlag, Richter u. Zöllner. Das Licht. Heft 4: Vom Heimatrecht der deutschen Juden. Von Landesräbbiner Dr. Rieger (Braun schweig). Philo-Verlag, Berlin SW* 68, Lindenstraße 13. 1921.