Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 245 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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m „Dagegen werde ich Maßregeln treffen: ich habe ihn ja bei euch eingeführt", lachte er. „Wie du dastandest, so wenige Schritte von meinem Wagen, die Rechte nach dem niedergefallenen Kinde ausgestreckt, die Linke erhoben, und .Halt!' riefest, wie du mit des Blitzes Schnelle dich bücktest und es fortrisiest, da bäumte! sich Trotz gegen das Vorurteil in mir auf." Miriam lächelte. „Und Mars kam in voller Pracht in das Haus des Juden und ließ sich durch seinen Diener anmelden, ganz wie in seinen Kreisen. Wie schöne Stunden habe ich seitdem mit dir verlebt!" „Bei Senta." „Ich wäre auch zu e u ch gekommen, wenn du es mir erlaubt hättest." „Ich weiß es." Er nahm ihre beiden Hände und preßte sie in den seinen: „Hast du mich lieb?" „Du fragst? Mein warmherziger, treuer Freund! Hätte ich mir jemals träumen lassen, bei Den Christen einen Freund zu finden?" „Miriam, liebe Miriam, komm' herüber!" „Unmöglich; feige ist der Flüchtling!" „Nicht jetzt verlang' ichfs; wir haben ja Zeit. Wenn Rrche herrscht, wenn die Gefahr vorüber und niemand dich als Flüchtling schelten darf, dann komm' zu uns — zu mir, mein ein und mein alles!" „Unmöglich ist's für alle, alle Zeit. Und das ist gut für dich; auch die getaufte Jüdin würde dein Hemmschuh sein." „Ich würde die Waffe ausgeben," sprach er heiß, „mein Bruder ist froh, wenn ich das Gut übernehme, dann kann er reisen und forschen. Du würdest meine Göttin sein, Miriam, du würdest eine milde Herrin sein, die Bauern würden dich lieben, die Nachbarn deinen Verkehr suchen, du würdest den Mittelpunkt bilden, wohin wir kommen, denn keine, keine ist ja wie du von all lden Frauen, die unsere Kreise sind. Jedoch ein Opfer fordert die Gesellschaft, die Kirche, und es ist ein gerechtes Opfer, Miriam, denn wenn das Weib dem Manne folgen soll, so doch zuerst an seinen Hausaltar — und ans dem meinen steht das Kreuz!" Er zog sie an sich; mit sanfter Bewegung »rächte sie sich frei. „Mein Lucius," sprach sie innig, „du bietest mir viel. Eng ist das Getto, denn ein Getto ist's, in das wir uns zurückgezogen haben, wenn die Bezeichnung seinerzeit auch fortfiel, als uns der Staat Bewegungsfreiheit gab. Wir fühlten, daß wir unwillkommen waren, und hielten nach wie vor uns unter uns. Wohl gibt es eine Pforte, die hinausführt; doch wer sie durchschreitet, geht mit einem Fleck auf seiner Ehre von uns, und keine Ehren können ihn vertilgen. Ein Jude wird kein überzeugter Christ, und für Nutzensuchende ist eure Religion zu gut. Soll ich die Scharen derer mehren helfen, die eures Glaubens Reinheit euch beflecken, indem sie ihren eigenen beschmutzen?" Luoius Vangerdio sank auf einen Stuhl und barg das Antlitz in die Hände; Es hallten Schritte auf dem Korridor, an die Tür wurde gepocht, die kleine Senta lief hin und. öffnete. Der Eintretende war David Rosenbaum; er sah den sitzenden Offizier nicht. „In Frau Roservers Wohnung wurde mir gesagt, daß du hier seiest, Miriam", sprach; er. „Ich wollte das Kind dort besuchen," erwiderte sie, „und erfuhr, daß Frau Roserver hier beschäftigt sei." „Willst du mit mir kommen? Wir hatten einen schweren Tag — Beratungen, Besprechungen, ich sehne mich nach dem Frieden der Natur — willst du mit mir kommen in den Park? Vangerdio machte eine Bewegung. „Herr Leutnant", sagte David. Jener erhob sich. „Sie sind David Rosenbaum." „So ist mein Name." „Ich sehe auf den ersten Blick, daß Sie der Mann sind, von dem mir Miriam sprach. Sie werden durchführen, was Sie planen." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. „Finnland: s ch e r Merkur" nennt sich eine Zeitschrift, welche -alb 1. Oktober vierzehntäglich im Verlage von Chr.Andro, Berlin, W 50, erscheint und den, Zweck verfolgt, die deutschen Kaufleute und Fabrikanten über die Wirtschaftslage Finnlands zu unterrichten. Die Schriftleitung der Zeitschrift hat Herr Ludwig v. Gernet, Berlin-Wilmersdorf, der bisherige langjährige literarische Mitarbeiter der -amtlichen deutschen Vertretungen in Finnland, übernommen. Das Geleitwort für die erste Nummer hat der bekannte Finnl'andfreund, Geheimrat Professor Dr. Rudolf Eucken (Jena), geschrieben und außer einem Artikel über! die Wivtschasts'lage Finnlands von Dr. Ramsay, Direktor der Finska Anfartygs-A./B. in Helsingsors, enthält die erste Nummer Nachrichten über das Wirtschaftsleben Finnlands, die für jeden mit Finnland in Wirtschaftsbeziehungen stehenden deutschen Kaufmann von Interesse sein dürften. Tie Zeitschrift ist fernerhin Organ für die Berofsentlichuug der Mitteilungen der Deiltsch-Finntändischen Vereinigung Lübeck-Hamburg-Bremen. * — M a r g it l i e s Heinrich: Kritik des Zionismus. II. Teil: Der Zionismus als Volksbewegung. R. Löwiht Verlag, Wien und Berlin, 1920. Preis brosch. 20 M., geb. 25 M. Hat der Verfasser im ersten Teile die doppelten Wurzeln aufgezeigt, die den Zionismus einmal zu einer Gesellschafts-, einer Volksbewegung, zum andernmal zu einer Gemeinschaftsbewegung werden lassen, so wird im Zweiten Teile zunächst der Zionismus als Volksbewegung in seiner bisherigen Evolution kritisch dargestellt. Zion und Galuth, die ursprünglich einander kompromißlos ausschließenden. Gegensätze, werden hier harmonisch «aneinandergesügt und die Ueberwindung des Baseler Programms durch Einbeziehung des Galuth-Programms ergibt sich organisch, Schritt für Schritt, mit jenem gedrängten architektonischen Aufbau, dem auch der erste Teil seine einfache Klarheit verdankt. %* * — Anton N u h : Juden und Deutsche. Erich Reiß Verlag, Berlin. 114 Seiten. Ein merkwürdiges und seltsames Buch. Mitunter möchte man fragen, ob eigentlich der Verfasser selbst seine Worte verstanden hat, denn durch Einfachheit und Durchsichtigkeit des Stils zeichnet sich, das Buch nicht aus. Das hat es allerdings mit einer bestimmten Richtung der Moderne gemein, aber man weiß nicht immer, ob das Chaotische und Undurchsichtige der Wertgestaltung aus der nicht zu bändigenden Fülle der inneren Schau emporwächst. Es ist jedenfalls kein Vorzug eines Buches, wenn man aus Schritt und Tritt Nachdenken muß, nicht etwa um das Gelesene weiter zu tragen, weil man in ihm Spiegel des Lebens fand, sondern Nachdenken muß, „was hat der Verfasser eigentlich gesagt?" Tenor des Ganzen scheint folgendes zu sein. Die Tragik, die aus 'der Existenz des Juden liegt, stammt im tiefsten und letzten daher, daß sein Liebesleben nicht naiv und hingebend genug sei, er habe die freie Beziehung der Geschlechter zueinander in ein Gewaltverhältnis des Mannes gegenüber dem Weibe herabgewürdigt, in einen Besitz, und so seien sie die Schöpfer der Ehe als eines Knechtungsinstituts geworden. „Ihre Erotik verhält sich zur Leidenschaft wie Reden zum Zeugen." Und daraus resultiere eine in den Geschlechtern sortwirkende Unnaivitüt, ein Familienhocken, das zur seelischen Inzucht wird, Selbsthaß, und in seiner Fortwirkung Haß der anderen gegen ihn. Gar nicht zu reden von der Analogie mit der Erbsünde. Aber was soll das alles bedeuten? Seit wann sind die Juden Schöpfer der Ehe? Hat es sie vor ihnen nicht gegeben? Und was soll nun wenden? Soll man die freie Liebe einführen, damit das innere Sein der Juden besser wird? Hütte sie von Anfang an sein sollen? Das Buch heißt Juden und Deutsche, denn es will den Nachweis führen, daß die Deutschen demselben Schicksal unterliegen wie die Juden, in der Unnaivität des Geschlechtslebens wie in dem Selbsthaß und dem Hingestelltsein der anderen ans