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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-10-14 · Heft 21 (14.10.1921) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 21 (14.10.1921)
Date
1921-10-14
Page
Seite 242 (sequence 8)
Language
German
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242 wir Juden, infolge unseres Glaubens von fast allen staatlichen Stellungen zuvückgedrängt, keinen Gnftuß aus die Leitung unseres Staatswasens hatten. Wir haben hier nichts anderes' als nur ein Beispiel für die allgemein verbreitete, Gesinnung, die alles, Natur und Menschen, durch die Brille des eigenen Vorteils betrachtet. Freilich die Selbstsucht hat einen Erfolg gehabt. Was die Schlange vorausgesagt: „Wenn ihr vom Baume der Erkenntnis dessen, was nützt und schadet, esset, dann werden euch die Augen ausgehen", d. h. ihr werdet klug werden, ist eingetroffen. Von dem Triebe ersaßt, ,auf alle nur rnögliche Weise unfern Nutzen zu vervielfachen, im Erjagen der Beute dem Mitmenschen überlegen zu fein, haben wir unsere Berstandskväste zu einer noch nie da gewesenen Ueberentwickkuug gebracht. Schon dem Kinde in der Wiege wird nachgesagt, daß es Äug sei. (Nach Kierkegaard). Diese Uebertreibung verzerrt nicht die Wahrheit, sondern läißt gleich ,einem Vergrößerungsglas sie klar und deutlich vor unser geistiges Auge treten. Welch eine Mille von Ueberlegung, Nachdenken, Verstand und Klugheit muß jeder aufwenden, um sich im Lebenskampf zu behaupten! llnser Geschlecht ist berechnend, gewandt, kauert >m!it gespanntester Aufmerksamkeit aus die Schwäche des Mitmenschen, der nicht Mitmensch sondern Konkurrent, Mitbewerber ist. Wir sind nicht weiser, aber klüger geworden, und die Technik ist das Zeugnis unserer praktischen Klugheit. Wir verstehen es, in das Dunkel der Erde hiuabzusteigen und uns von dort eine unbeschränkte Menge von Schätzen zu holen. Wir tauchen in die Tiefen der Wasser und finden die herrlichsten Kostbarkeiten, Perlen, die unser Auge erfreuen. Wir haben viele Geheimnisse der Natur erforscht und stellen ihre Kräfte in unfern Dienst. Wir find Herren der Erde, der Meere und der Lust geworden,. Nachdem wir vom „Baume der Erkenntnis dessen, was nützt oder schaldet", gegessen haben, d. h. nachdem wir uns vom Nützlichkeitsgedanken haben beherrschen lassen, strecken wir unsere Hand auch nach den Früchten des L e b ens - b a u m e s, des zwei'ten Baumes, der in der Mitte des Paradiesgartens gestanden hat. Die DageSblädter haben vor gar nicht langer Zeit berichtet, wie sehr wir uns bemühen, das Leben zu verlängern,. Wir wollen leben, nicht um unserer Mitmenschen willen od,er nur Gottes willen, sondern um unsertwillen. Wohl betet auch der fromme Jude: „Schreibe uns ein, o Gott, in das Buch des Lebens", aber er fügt ausdrücklich hinzu: „um deinetwillen, Herr des Leben s." Das Loben ist an und für sich nicht der Güter höchstes, es soll uns ein Mittel zu einem guten Zweck, nur wegen seines edlen und gottgefälligen, Inhalts wertvoll sein, wir aber schätzen >dws Leben au sich als ,das höchste Gut. Wie gern möchten wir uns dieses höchste Gut, das Leben, recht lange, wo»nöglich gar sür immer, sichern! Und wir sind klug geworden und hoffen, bald an den Lebensbaum zu kommen und von seinen Früchten zu pflücken. Dank unserer Klugheit ist es uns gelungen, eine Fülle von Gütern zu häufen, die selbst das Paradies kaum gekannt haben wird. Und das Endergebnis? Die Erde ist Mm Paradies geworden. Auf ihr wohnt keine glückliche Menschheit. Erbitterung, Verbitterung, Haß, Zwietracht erfüllen die Menschenseelen,,Mangel, Hunger, Krankheit und Elend raffen die Menschen dahin. Unsere Klugheit hat in Narretei geendet. Unsere Klugheit, eine Sklavin der Selbstsucht, hat die Erde, die ein Paradies sein sollte, verwüstet. Sie ist nahe daran, den Menschen aus dem Leben zu treiben, wie der Genuß der Erkenntnissrucht den Menschen, dem dabei die Augen ausgegangen waren, aus dem Paradies gesagt hat. Trübe ist das Bivd von der Geistesverfassung der heutigen Menschheit. Dennoch brauchen wir nicht zu verzweifeln. Wir kennen die Ursache unserer Krankheit, aber auch! das Heilmittel. Es ist uns verkündet worden: „ 2D Nv was für uns gut ist." Wir dürfen nicht bloß an unfern Nutzen denken, versuchen wir es mit dem Gegenteil! Seien wir gerecht, gütig und demütig! Bald werden wir gewahr werden, welch neues Leben in unserer Seele beginnt, welch neue Kräfte in ihr erwachen, welche Freude in unser Herz einziehh wie zufrieden und glücklich wir werden! Wir sind gerettet und gesegnet, wenn wir die Lehre des Propheten Micha (6, 8) befolgen: „Es ist dir, o Mensch, gesagt worden, was gut ist: Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln mit deinem Gotte." Lriessbrirke" eines britischen Achtes aus OsMins. Bon F. Liebermann. r. Saluman ist ein Arzt und Gutsbesitzer in England, der in Berlin studiert und dann sich bekannt gemacht hat durch botanische Forschungen, besonders in Mendels Vererbungslehre, und durch anthropologische Aussätze über die Rasse der Juden. Jetzt Vorsitzender der A n g 1 o - J e - wish historical society, fühlt m sich nicht bloß dem Blute nach, sondern in tiefer Religiosität innig und stolz als Jude. Ohne die Notwendigkeit der Beseitigung vieler orthodoxen Formen zu verkennen, liebt er Altertum, Literatur, Sprache, Zeremonien und Ritus der Hebräer und wünscht nur letztere beide verinnerlicht. Er erstrebt die Wiedergeburt der jüdischen Nation in Palästina, aber — in bewußtem Gegensatz zu anderen Zionisten — nicht aus Historizismus, weil dieses Land das der Väter war, sondern weil der Jude durch Bodenbau eigener Hand (nicht mit Arabern als Arbeitern) sich neu beleben müsse und hier die natürliche künftige Heimat finde. Eine Siedlung jüdischen> Lebens geht ihm über Jerusalem; die Gewinnung des Moriahselsens gilt ihm keinen jüdischen Blutstropfen wert; die Herstellung des Tempels und vollends des biblischen Opfevdienstes lehnt er ab. Eine Zukunft zufriedener, bodenständiger, aufrechter Menschen erhofft er von der fröhlichen Kinderschar der bäuerlichen Siedler, die schon heute körperlich stärker ausschauen, als ihre Eltern aus Rußland. Das also neu erstandene Palästina werde im künftigen Jahrhundert den geistigen Mittelpunkt und das sittliche Muster für alle Judenschasten der Erdebilden und;daher auch diese heben. (Diese Vorstellung; kann ich nicht teilen: Palästinas jüdische Bauern stehen an Zahl zu allen Juden heute wie Vi zu 100 und wenn sie sich verdreißigsachen sollten zu der höchstmöglichen Million — wo bleiben dann Christen und Mohammedaner dort? —, wie 1 zu 14. Bisher empfangen sie Ideen (auch ethische), Technik, wirtschaftliche Grundlage und Organisation durchaus vom Westen; weshalb sollen sie sich plötzlich über die riesenhafte Ueberzahl emporschwingen?) Als reifer Mann, weit gereist und viel belesen, trat Salaman freiwillig als Militärarzt beim jüdischen Bataillon der Britischen Armee ein, das sich aus zionistischen Freiwilligen Britanniens und Osteuropas rekrutierte. Er bekleidete Hauptmaunsrang. Die Briese, die er April 1918 bis März 1919 heimsandte, übergibt er nun der Qesfentlichßeit. Er schreibt lebhaft nnd anschaulich, 'bisweilen humoristisch, einfach und nie ruhmredig; er beobachtet viel und scharf, verrät ein warmes Herz und kühlen Verstand, urtellt auch über seine Parteisache ruhig und frei und' klagt nie über Strapaze, Entbehrung oder Gefahr der eigenen Person. Der tapfere, „Palestine reclaimed. Letters from a Jewish, offieer in Palestine.“ By Redcliffei N. Sa— 1 a m a n, M. D. London, Routledge (August 1920), XII and 2W p.

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