Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 241 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229503--76426-3289020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
241 und dem Leben im Hause, am Familientische besteht, Zurückdrängung des Hebräischen, Vas uns weiter, soweit Juden auf Erden wohnen, einen sollte. Dispensnahme von Erlernung desselben ist an der Tagesordnung; diesem Einhalt zu tun, war schwer. Aufbau, nicht Niederreißen sollte die Losung auch unserer Zeit sein. Der einzelne vermag hier wenig gegen entgegenstehendes Vorurteil, ganz anders aber bekommt das Streben nach Erhaltung des historisch Bewährten Ansehen bei Vereinigung berufener Wortführer, wie von Lehrern, Rabbinern, und nicht zuletzt auch Schriftleitern unserer jüdischen Blätter, soweit sie nicht ausschließlich einem bestimmten Parteiprogramm dienen. Heute, bei Trennung von Staat und Kirche, wie sie in die neue Verfassung des Deutschen Reiches ausgenommen ist, da die Gemeinden des Landes sich mehr und mehr auf sich selbst gestellt sehen, sind erst recht Spaltungen wie bei den Fragen des Kultus, des öffentlichen.Gottesdienstes zu verhüten, indem Ersparnisse in den Kultuskosten immer dringender werden. Der historischen Schule gehört unzweifelhaft die Zukunft im Leben wie in der Wissenschaft. So wird es zum Bedürfnisse der Zeit, eine im Sinne dieser Schule die Lösung der religiösen Fragen in die Hand nehmende Partei der Mitte ins Leben treten zu sehen: kommt sie eines Tages doch, so wird ihr Wahrzeichen der Name Marcus Brann sein. T. in L. Gut und böse. Betrachtung zur biblischen Erzählung vom Sündenfall. Von Rabbiner Dr. A u c r b n ch (Ebbing). ie gering auch sonst die Bibelkenntn^s sein mag, die Geschichte vom Sündenfall kennt doch jeder. Sie prägt sich in den frühesten Kindheitstagen derartig fest unserm Geiste eig, daß es uns unmöglich ist, sie zu vergessen. Woran das liegen mag? Erstens ist es die Begebenheit selbst, die, dazu noch mit vollendeter Kunst davgestellt, auf die Seele sinen stark erregenden, bezaubernden und geheimnisvollen Eindruck macht. Paradies! Schon Das Wort genügt, um in uns die Vorstellung größter Naturpracht und unsagbaren Glückes wachzurusen. Unser Auge ergötzt sich an den Bäumen, die mit den schönsten Früchten beladen find. Die Ströme, die durch den Garten fließen, sorgen dafür, daß er stets ein frischgrünes Aussehen hat. An zwei Bäutnen haftet unser Blick mit Angst,' Scheu, Ehrfurcht und Begierde. Es find dies d e r Erkenntnisbaum und der Lebensbaum. So beschaffen ist die Wohnstätte des ersten Menschenpaares. Doch sein Glück wird vernichtet von einem grauenhaften, gleichzeitig aber unwiderstehliche Anziehungskraft ausübenden Wesen. Aufrecht ist sein Gang wie der eines Menschen. Seine lebhaften, sich schnell bewegenden, blitzenden Angen zeugen von der größten Verschlagenheit. iSchlagsertig, verwirrt es des Gegners Gedanken, lähmt dessen Denktätigkeit undversetzt ihn gleichsam in >einen künstlichem Halbschlaf. Es ist die Schlange, die später verdammt wird, aus dem Bauche zu kriechen. Mit ihr läßt sich der Mensch in ein Gespräch ein und verliert das Paradies. Neben der äußeren Handlung ist es zweitens der Gedankengehast, der den Hörer oder Leser fesselt und ihn nachdenklich werden läßt. Warum dürfen die Menschen nicht vom Erkenntnisbaum essen? Warum greift der Mensch von vornherein gleich nach den Früchten des Erkenntnisbaumes und nicht, was doch natürlicher wäre, nach denen des Lebensbaumes? Wer merkt nicht, daß hier die größten Menschheitsfragen aufgeworfen werden! Wir wollen versuchen den Schleier, der über dem tieferen Sinne der Erzählung vom Sündenfall liegt, ein wenig zu heben. Der ErkenntniSbaum wird in der Heiligen Schrift näher iniaißj ninnpl?ter Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen bezeichnet. Was erhofft der Mensch von dem Genüsse der Früchte dieses Baumes? Offenbar, das Gute und Böse zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Aber wußte er nicht schon vorher, was gut und böse sei? Dem unberdorbenen Menschen mußte als >gut gelten, den Willen Gottes zu tun, als böse, Gott ungehorsam zu sein. Warum lockte es ihn also nach! den Früchten des Erkenntnisbaumes? Die Antwort daraus finden wir,, wenn wir ans die ursprüngliche Bedeutung der hebräischen Worte 212 und in zurückgehen. G u t u n d b ö s e waren in den Anfängen der hebräischen Sprache wie wohl in den allermeisten Sprachen überhaupt nicht das S i t t l i ch g u t e und -böse, sondern das Nützliche und Schädliche. Hier gelangen wir z>nm Kernpunkt der Sache. Die Schlange, die Feindin der Gottheit und Verführerin des Menschen, weckt in chm den Trieb zu erkennen, nicht was Mt — -auch nicht was wahr ist, — sondern was ihm nützen oder schaden kann. Sie drängt den Menschen und seinen Erkenntnistrieb auf die Straße ab, auf welcher der Nutzen gesucht wird, und verschuldet dadurch die Entartung des Erkenntnistriebes wie eine allgemein-sittliche Entartung. Sie entzündet in der Menschenseele eine stickige, den freien Atem benehmend« und Fieber «erzeugende Schweselflamme. Sie macht den Menschen selbstsüchtig, dadurch unzufrieden und unglücklich und treibt ihn endlich ans dem Paradiese. Wie zufrieden war doch der Mensch, bevor er die Bekanntschaft mit der Gott hassenden Schlange machte! Lebte er ja im Paradiese. Konnte er da einen Mangel spüren? Aber min treibt, beunruhigt und quält thn die Gier zu erfahren, wie er sein Wohlbefinden steigern und die Lebensgüter vermehren könne. Ihn beschäftigt jetzt nur die eine Frage: „Wie läßt sich mein Nutzen vergrößern?" Gottes Gebot nicht mehr achtend, langt er hastig nach dem Baume der Erkenntnis dessen, was nützt und schadet, und muß diese Sünde «mit dem Paradiesgkück büßen. Er strebt nach größerem Glück und geht des denkbar größten Glückes, des Paradiesglückes, verlustig. Damit wück» uns «eine Wahrheit enthüllt, die jeden Ernsten erschreckt. In der Erzählung vom Sündenfall warnt die Heilige Schrift die menschliche Kultur vor dem abschüssigen Wege, der in die Grabesnacht der Verzweiflung führt — und den wir gehen. Denn wir sind an der Selbstsucht erkrankt. Sie hat die Menschliche Gesellschaft derart vergiftet, daß diese zufammenbröchen müßte, wenn der Eigennutz plötzlich ausgeschaltet würde, wie der an Gift Gewöhnte, sobald ihm das Gift entzogen wird. Unsere größte Leidenschaft gilt demr Geld« und kann niemals befriedigt werden. Heißt es doch in den Sprüchen Salomonis 27, 20: „So wie die Hölle und das Verderben niemals satt werden, so wird des Menschen Gier nie satt." Wer sich zu erforschen bemüht, was wahr ist, und nicht was nützt, ist uns ein Müßiggänger; der Künder der Gottes¬ und Menschenliebe erscheint uns als unpraktischer Träumer, dessen Worten keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist man sich doch, dessen sicher, daß man auS ihnen nicht lernt, wie nmn zu Hab und «Gut kommt, wohlhabend oder gar reich wird. Wir schmecken Nicht davor zurück, anderen zu schaden, wenn wir uns nur dadurch nützen. Wir bauen unser Glück aus dem Unglück des Mitmenschen aus. Aus dem Sockel gedemübigter, geknechteter und gequälter Völker erhebt sich die Macht und Größe der Nationen. Wie viele machen sich kein Gewissen daraus. Unschuldige zu belasten, um sich von eigener Schuld zu entlasten! Wie viele klagen an, um sich zu entschuldigen! So suchen die Schuldbeladensten den schwächsten und darum wehrlosesten Teil des deutschen Volkes, uns Juden, verantwortlich 311t machen für das trlänenreiche nationale Unglück, von dem wir Deutsche heimgesncht worden sind, obwohl