Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 238 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Temperament getragene, in klassischem Hebräisch gehaltene Rede des Dichters B i a l i k, der an alle einzelne Parteien des Hauses und an die Führer eindringliche Mahnungen zur Lat richtete, hervorzuheben. Er schloß mit den Worten: ,,Auf unserer jetzigen Wanderung müssen wir uns neue Tafeln geben, auf denen ein neues Lebensideal geschrieben steht. Nur 'dann wird das Volk den Führern folgen. Im Kampfe mit Amalek stand Moses auf dem Berge und stützte seine Hände auf Aaron und Chur. Aaron ist das Symbol:t>€§ Priestertums, Chur das der Kunst und des Gewerbes. In unserem jetzigen Kampfe müssen sich unsere Führer ebenfalls auf die Thora und auf die Arbeit stützen; dann, ist unser Sieg sicher." Nach weiteren Aussprachen von Dr. Schmarja L e v i n, David I e l l i n, Dr. C h a j e s , Dr. W e i z m a n n 'schloß Präsident So ko low am 15. September um 3 Uhr morgens den Kongreß. Der ganze Kongreß und alle Gäste, die bis zum Schluffe ausgeharrt hatten, stimmten die Hatitwah an. Wochenschau. B e r i t; n , 10. Oktober. er dritte Band von Bismarcks „Gedanken und E r i n n e r u n g e n" ist soeben erschienen, und wie die Verlagsbuchhandlung I. G. Cotta (Stuttgart) mitteilt, ist dieser lange erwartete Schlußband sofort in einer Auflage von 200 000 Exomvlar'e'N vergrissen, so .daß die -nächste Ausgabe des letzten Werkes des einst die Geschicke der Welt in so hohem Maße bestimmenden langjährigen deutschen Reichskanzlers erst im Anfang November erscheinen kann. Wie schon das von E. van 0er Hellen besorgte Register zum dritten Band bezeugt, ist das 207 Seiten umfassende' Buch (mit dem von Bismarck selbstgewählten Motto: „Zum B e r st ä n d n i s der Vergangenheit un dzur Lehre für die Zuk u n f t") eine Illustration zu dem auf Seite 157 erwähnten Dichterwort: „Was auch der Herrscher Wahnwitz beginnt, das Volk muß es büßen" und somit für die Zukunft ein geschichtliches Ouellenwerk ersten Ranges für alle Völker. Uns als Juden interessieren an dieser Stelle weniger der Briefwechsel zwischen Wilhelm II. und Bismarck über Stöcker und die Berliner S t a d t m i s s i o n , auch nicht der im Anhang mitgeteilte Brief . Kaiser Friedrichs an Bismarck, sondern wir wollen hier vorerst nur auf das Seite 127 von Bismarck benutzte Gleichnis Hinweisen von dem „H o h e n p r i e st e r der I u d e n", das uns -gerade in der I o m - K i p P u r - W o ch e am nächsten angeht. Bei -aller Pietät vor den Manen des alten Reichskanzlers, der ja viel gelesen hatte, auch in religiösen Büchern, scheint uns der hier folgende Satz verfehlt, gerade weil er die vergleichende Charakteristik der Hohenzollern einleiten soll. Also Bismarck schreibt auf Seite 127: „Friedrich Wilhelm IV. hatte an seiner bevorzugten Stellung zu Gott keinen Zweifel; sein ehrlicher Glaube entsprach dem Bilde von dem H o h e n p r i e st e v de r I u d e n, der allein hinter den Vorhang tritt . . ." Gerade bei uns Juden gibt es keinen Vermittler zwischen uns und Gott; auch der Hohepriester trat nur mit der Demut eines in Buße zerknirschten Volkes zur Entsühnung vor Gott den Allmächtigen . . . Auf das ganze Memoirenwerk Bismarcks und aus Bismarcks Beziehungen zu jüdischen Staats- und Finanzmännern des In- und Auslandes werden wir später noch leinmal zurückkommen. * Eugen Dühring, der am Mittwoch, den 21. September, in Nowawes bei- Berlin im 89. Lebensjaihre verstorben ist, war unstreitig der einzige hervorragende (wenn -auch nur ans dem Gebiete der Mechanik und Mathematik) wissenschaftlich tätige Kopf der antisemitischen Partei. Volkstümlich in studentischen Kreisen war Dühring im Jahre 1877, als er nach mehr als zehnjähriger Lehrtätigkeit an der Berliner Universität seines Amtes vom Minister Falk für verlustig erklärt wurde, weil der im übrigen hochbegabte Dühring in seiner „Kritik zur Geschichte der Mechanik" Helmholtz des Plagiats beschuldigt hatte an Robert Mayers Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Dieser Fall von Absetzung eines Privatdozenten erregte -als angeblich grobe Verletzung der akademischen Lehrfreiheit 1877 -Moßes Aussehen weit über die akademischen Kreise hinaus. Erst jetzt begann Dühring über „Verjudung" aller deutschen Universitäten zu schreien und zu schreiben: kurz der durch seine Absetzung und durch körperliche Nebel — Dühring war erblindet — verbitterte Mann würde Antisemit. Sein 1881 erschienenes Buch „Die Ueberschätzung Lessings durch die Juden" ist geradezu albern. Sein Werk „Die Schädlichkeit der Juden als Rasse" usw. haben wir nicht gelesen; die ^Deutsche Zeitung" lobt es in ihrem längeren Nekrolog auf Dühring. Und das genügt . . . Sicher ist, daß Dühring schon 30 Jahre vor seinem wirklichen Tode sich geistig überlebt hatte. -* , Antisemitische Stadtverordnetendebatte. Im Berliner Stadtparlament, dessen Sitten durch ein schönes Zusammenwirken von äußerster Neckten und äußerster Linken auf einen erheblichen Tiefstand gelangt sind, gab es neulich eine Antrsemitendebatte — fröhlich vom Zaun gebrochen von den Deutschnationalen, die einen Antrag gegen den Zuzug von Personen ohne Reichs- und Staatsangehörigkeit einbrachten. Der Deutschnationale Dä nicke wandte sich besonders gegen die Zuwanderung von Ostjuden. die Seuchengefahren mitschleppten und deutschen Arbeitern die Arbeitsmöglichkeiten schmälerten. Zum Schluß forderte der Redner eine Art Judenstatistik in der Richtung,, daß sestgeftellt würde, wie stark der Anteil der Ostjuden an der Einwanderung sei, und wieviel deutsche Flüchtlinge keine Wohnung finden könnten. Der Kommunist Letz stellte dem den Zustrom an russischen Gegenrevolutionären gegenüber. Die zahlreichen polnischen Arbeiter seien erst durch Deutschnationale nach Deutschland gebracht worden. Der Demokrat Lew i n forderte, daß frei werdende Wohnverdienten Ordnungsruf: er hatte den geschmackvollen, geistig wie sittlich einem Seelsorger so wohl unstehenden Zwischenruf gemacht: „Die Juden sind eine Seuche!" Stadtverordneter Weinberg (U. Soz.) nannte seinerseits den Pfarrer Koch einen Hanswurst und wurde ebenfalls zur Ordnung gerufen. Der Demokrat Lew in forderte, daß freiwerdende Wohnrämne in Berlin in erster Linie der einheimischen Bevölkerung und nicht Zugewanderten zur Verfügung gestellt würden — wobei, deren Konfession ganz gleichgültig sei. Stadtverordneter Waldeck -Manasse erklärte es für eine Schmach, daß hundert Jahre nach Lessings Tode noch derartige antisemitische Reden gehalten werden könnten. Schlußbemerkungen der Deutsch-nationalen Dänicke und Koch führten zu der rein antisenütischen Tendenz ihrer Anträge zurück: diese verfielen der Ablehnung. * Eine Enthüllung im badischen Landtaa. K a r l s r u h e, 24. September. In der gestrigen Sitzung des badischen Landtages -machte der Staatspräsident aufsehenerreaende Mitteilungen' über 'das Bestebeil von politischen Geheimorganisationen und deren Bestimmungen, die von der Staatsanwaltschaft ansgesunden wurden. Diese Bestimmungen der Gehei morganisationen haben folgenden Wortlaut: „Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage: a) G e i sti-ge Ziele: Weiterpflege und- Verbreitung de'7 nationalen Gedankens, Bekämpfung alles Anti nationalen mld Internationalen, Bekämpfung .des Judentums, der Sozial demokratie und der linksrndikalen Parteien, Bekämpfung der antinationalen Weimarer Verfassung in Wort und Schrift. Aufklärung weiter Kreise über diese Verfassung, Unterstützung einer für Deutschland allein möglichen Verfassung aus föderalistischer Grundlage. b) Materie! l e Z i e l e: Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zu dem Zwecke, die vollständige' Revolutio-