Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 236 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Von den Sandbänken der Bedenken und vorbei an den Klippen der Verneinungen zu dom bergenden Hafen erprobten und 'bewährten Gottvertrauens. Uns macht der Wissensstolz nicht irre. Was unsere Thora an ewigen Werten bietet, bleibt wahr, ob Haeckel oder Reinke recht hat; es ist an kein System der Kosmologie oder Biologie gebunden, es ist die Lehre von dem Sinn -des Lebens, der in der -Erfüllung des Guten besteht, des Guten, das seinen Bürgen in Gott hat. Gott, der unendliche Weltgrund, ist uns 'die Gewähr -dafür, daß zuletzt nicht 'die Natur Wer den Geist, sondern der Geist über die Natur den Sieg behält. Insofern behält der Ausspruch Kants recht: Der einzig mögliche Beweis für das Dasein Gottes ist der moralische. Nur im Anschlüsse an diese weltüberlegene Wirklichkeit des Göttlichen vermögen wir u'ns von den Fesseln der Leidenschaften zu befreien und können Gott -danken, der uns erlöst zur ewigen Freiheit. Wie wir ihm für diese Gnadengäbe danken wollen, zeigt uns der Feststrauß: der herzförmige Ethrog will uns anregen, die Ketten der Selbstsucht abzustreifen und in liebreicher Anteilnahme dem Nächsten herzliche Liebe zu schenken. Werberrrse für alle möglichen Werke der Humanität ergehen in diesen Tagen und wünschen warme Herzen und willige Hände zu finden. Versagen wir uns solchen Stimmen nicht. Ich will nur auf eines an dieser Stelle Hinweisen. Groß ist die Not der jüdischen Kültusbeamten in den deutschen Landesteilen, die nicht wie wir in Württemberg der Segnungen des gemeinsamen Zusammenschlusses zu einer israelitischen Landeskirche sich erfreuen. Helfen wir auch da nach Kräften! Gleichen wir der Palme, die mit allem, womit sie Gott ausgerüstet hat, nützt und dient, mit der süßen Frucht, mit dem schattenden Laubdache, mit dem festen Holze, mit dem starken Baste, und zeigen wir zaddik katamar jifracli, der Gerechte gleicht wirklich der Palme. Seien wir mild wie die zarte Mhrthe und haben wir feinsinniges Verständnis für die Eigenart unserer Mitmenschen! Es geht heute so viel schrilles, scharfes Wesen durch unsere erregte Welt. Wir brauchen Stimmen, in denen Seele und Zartgefühl sich offenbart, Stimmen, welche die grellen Dissonanzen in wohllautende Harmonie auflösen und von Streit und Hader erlösen. . Menschen brauchen wir, die still und anspruchslos wie die bescheidene Bachweide in das Pslanzengewinde sich einstigen. Solche Menschen helfen den Sehnsuchtsruf des Gebetes seiner Erfüllung nahe zu bringen, wejeassu kullam aguddah aclias. Mögen alle zu einem Bunde werden! Bon ihnen gilt, den wahrhaft Dankbaren, der Iubelgesang: „In Seelen, die das Leben aushalten und Mitleid üben und menschlich walten, mit vereinten Waffen wirken und schaffen, trotz Hohn und Spott — da ist Gott!" Der XU. Liomltenlmnmek in Karlsbad. (V o n u n f e r c m Korrespo n d e n t e n.) (Schluß.) M. K nrlsba d, 15. September. 6. Keren Hajessod. er Keren Hajessod bildete bekanntlich einen Hauptdifferenzpnnkt in dem Streite mit den Amerikanern. Der Gedanke des Keren Hajessod war hervorgegangen ans dein Kompromiß zwischen verschiedenen Anschauungen und Programmen. Es gab drei Hauptanschauungen: 1. Beschaffung einer jüdischen Anleihe, 2. die Einrichtung des Keren Hajessod als reinen Opferfonds, 3. den Aufbau Palästinas mit Hilfe des wohlverstandenen wirtschaftlichen Interesses der Juden zu vollziehen. Nennenswerte Erfolge, die im Verhältnis zu dem präliminierten Betrage von 25 Millionen Pfund stehen, hat der Keren Hajessod bisher nicht aufzuweisen. Die Keren- Hajessod-Kommission schlug nun für die künftige Gestaltung des Fonds, dessen Prinzip vom Kongreß einhellig gebilligt wurde, vor, daß die Zertifikatinhaber eines Landes oder einer Lündergruppe Vertreter in den Council des Keren Hajessod wählen. Das Direktorium des Keren Hajessod besteht aus sechs bis zehn Mitgliedern, von denen eine Hälfte auf Grund der Proportionalwahl vorn Council, die andere Hälfte von der Exekutive der zionistischen Organisation zu bestimmen ist. Provisorisch soll die zionistische Organisation bis zur Gründung des Council alle Stellen des Direktoriums besetzen. Von den Mitteln des Keren Hajessod sollen 20 Prozent für den Jüdischen Nationalfonds, 50 Prozent für nationale Anlagen und 30 Prozent für wirtschaftliche Anlagen verwendet werden. Der Zionistenkongreß wendet sich an das ganze jüdische Volk mit der Aufforderung, für den Keren Hajessod beizusteuern und ihn so zu einem allgemein jüdischen Fonds zu machen. Der Kongreß erklärte die Erfüllung der Maaßer-Pslicht als obligatorisch für jeden Zionisten und bestimmte, daß Zionisten, die ihrer Maaßer-Pflicht nickt Nachkommen, Ehrenämter in der Organisation nicht bekleiden dürfen. Der Haupteinwand, welcher gegen die Vorschläge der Kommission erhoben wurde, bestand darin, daß die den Zertisikatinhabern zugebilligten Rechte als Scheinrechte bezeichnet wurden, gegen die die zionistische Organisation unnötigerweise auf direkte Einflußnahme bei dem Aufbau Palästinas verzichtet, während es zweifellos sei, daß es den Zeichnern genügen würde, eine Kontrolle über die ordnungsmäßige Verwendung der Gelder zu besitzen, ohne an ihrer Verwaltung selbst teilzunehmen. Weiter bestand eine Meinungsverschiedenheit in der Frage der Verwendung der Erträgnisse von den gewinnbringenden Anlagen. Julius S i m o n vertrat die Ansicht, daß man den Inhabern von Zertifikaten keinen Anspruch auf eventuelle Erträgnisse aus gewinnbringenden Anlagen Zusagen dürfe, sondern daß Vermögen und Erträgnisse des Keren Hajessod ausschließlich Eigentunl des jüdischen Volkes bleiben müssen. Dieser Antrag wurde ebenso wie die bezüglich der Verwaltung des Keren Hajessod gestellten Abänderunasantrüge vom Kongreß abgelehnt und beschlossen, daß die Erträgnisse aus wirtschaftlichen Anlagen des Keren Hajessod dem Jnvestmentfonds des Keren Hajessod verbleiben sollen, jedoch soll der Council das Recht haben, vom 1. Januar 1927 ab über einen Betrag der Erträgnisse, der 5 Prozent des auf den Anteil der wirtschaftlichen Anlagen entfallenden Kapitals des Keren Hajessod nicht übersteigt, zu verfügen. Ob es in der Tat möglich sein wird, die unbedingt für den Fonds nötigen Mittel aufzubringen, ist ein Problem, das im engsten Zusammenhänge mit den Verhältnissen in Amerika steht. Aus der Generaldebatte und den in der Kommission gepflogenen Aeußernngen der amerikanischen Delegierten sind sie der Ueberzeugung, daß eine große Kraftanstrengung, die sich zunächst an die großen Massen in Amerika wendet und unmittelbar die potenten Schichten mitreißen wird, von Erfolg gekrönt sein werde. Es sollen nach dem Kongreß geeignete Kräfte nach Amerika kommen, welche dort das Keren-Hajessod-Werk organisieren. Der Keren Hajessod bleibt jedenfalls für die allernächste Zeit der wichtigste Fonds, aus dem die zionistische. Organisation ihre Palästinaarbeit wird bestreiten müssen. Von seinen Erträgnissen wird ihr Ausmaß abhängig sein. 7. Budget. In vielfacher Hinsicht bildete die Bndgetberatung des Kongresses eine der erfreulichsten Erscheinungen. Bei den früheren Kongressen hatte man einfach ohne weitere Debatte Budgets bewilligt; diesmal gab es um das Budget eine sehr lebhafte Debatte, ja, stellenweise ein sehr heißes Ringen. Freilich wurde, wie dies! auch nicht anders möglich ist, nicht immer mit der nötigen Sachkenntnis vorgegangen, und bisweilen machte sich auch ein recht' engherziger Ressortstandpunlkt einzelner Referenten geltend. Das von der Finanztonnnission vorgelegte Budget schien nicht in allen Teilen den Ansprüchen der verschiedenen Ressorts zu genügen und reicht m der Tat nur aus, mn das in Palästina Bestehende zu erhalten und in mäßigem Umfange Neues zu unternehmen. Das sogenannte regelmäßige Palästinabndget, nämlich nationale Investitionen und lausende Ausgaben, beträgt 656 000 Pfund, dazu kommen noch für Bodenankauf und Amelioratiouen 300 000 Pfund, für ertragbringende Anlagen, insbesondere Kredite, 550 000 Pfund, insgesamt 1A Millionen Pfund. Neben diesem Budget, das den Vorrang vor allen anderen Ausgaben haben soll, wurde noch ein außerordentliches Budget ausgestellt, dessen Deckung erst nach Befriedigung des ordentlichen Budgets in Frage kommt. Bon den Posten des außerordentlichen Budgets sind besonders Ausgaben für Erhöhung der Lehrergehälter, für