Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 21 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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85. Isbvgang. Nt. 21 Berlin, 14. Oktober 1921 Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Begründet von kabdiner Dr. Ludwig Pbilippfon Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. —- Postscheckkonto 324. 4 Dank. Zum Hüttenfeste. Von VezirkHvabbiner Dr. Vee ryiUjUU, mantl (Heitbronn). — Der XII. Zionistenkonaref; in Karlsbad. Von unserem Korrespondent? n. sSchlutz.j — Wochenschau. — Zur Erinnerung cm Professor Dr. M. Braun, s. A. Von T. in L. — Gut und Böse. Betrachtung zur biblischen Erzählung vom Sündenfall. Von Rabbiner Dr. A u e r b a >ch, (Elbing). — Kriegsbriese eines britischen Arztes aus Palästina. Von F.Lieberrna n n. Feuilleton: Deine Sukko. Gedicht von S. K a tz (Gelsenkirchen). — Der Fall Berjack. Von Lvdia Auerbach. s4. Forts.s — Literarische Mitteilungen. — Vüchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Neustadt (Oberschlesien), Breslau, Hamburg. Leipzig, Karlsruhe, Posen, Budapest. — Von Nah und Fern. Sank. Zum Hültenfeste. Bon Bezirksrnbbincr Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). nter „Naturwissenschaftliches" sagt Goeche einmal: „Man weiß eigentlich das, was man weiß, nur sür sich selbst." Diese Schwierigkeit, dem andern restlose Klarheit dom eigenen Fühlen und Erleben zu geben, wird auch in der Welt der Frömmigkeit spürbar. Jeder Jude hat seinen eigenen Schulchan-aruch, meinten die Altvordern und bekannten damit. wie stark bei aller gesetzlichen Bindung die persönliche Färbung des religiösen Lebens ist. So gehen auch die Gedanken darüber weit auseinander, welches die stärkste Wurzel des Gottesglaubens in der Menschenseele ist. Wenn der Talmud ahabah und jirah (Liebe und Furcht) in diesem Zusammenhang nennt, so gibt er, wie es auch die Mystik tut, der Liebe, oder schärfer der von Ehrfurcht erfüllten Liebe (rechimu im dechilu) den Vorzug. Sie ist der Mutterboden des Dankes, nicht für dies und das. sondern für alles. Sie läßt das ganze Leben als eine Gnadengabe aus Gottes Hand entgegennehmen. Dies Dankgesühl adelt den Frommen, gibt seiner Art zu sein etwas von jenem frohen Heldentum, das mutig den Kampf mit den Widerwärtigkeiten der Welt aufnimmt. Der fein? Seelenergvünder hat richtig gesehen: „Dank, sagt man, drückt den Menschen, den undankbaren nur, kein besserer Hinweis ist für niederen Sinn." Gukkot ist das Fest des Dankes. Jener Rabbi hat die Predigt des Feststraußes gut gedeutet, der in ihr in Blumensprache das Psalmenwort umschrieben findet: „Schmecket und schaut, wie gütig ist der Ewige; selig der Mensch, der bei ihm sich birgt." In seinem Sinne führt das alte SchriftUm weiter aus? „Vier haben besonderen Anlaß zu danken: wer krank war und Heilung fand, wer durch Wüsten zog und über .des Meeres tiefe Fluten, und wer befreit war ans Fesseln und Hast." Genesung! Nach bangen, langen Wochen des Siechtums Heilung. Es gibt ein wunderschönes Bild eines neueren Künstlers. Ein Krankenzimmer. Sonnenschein. Hinter dem Kranken steht eine Lichtgestalt mit dem Stern auf demsieghaften Haupte! Ja, dem zum Leben Zurückgekehrten, dem Tode Entronnenen ist neue Hoffnung geschenkt: Wieder kann er rüstig schassen, wieder kann er in fleißiger, segensreicher Arbeit seine Hände «gen und -hinausstrahlen lassen die Lichtflut, die Gott in den Tagen der Krankheit ihm in die Seels strömen lieh. Er konnte nicht arbeiten und muhte feiernum Zeit zu haben, damit Gott an ihm arbeiten kann. In der Finsternis des Leides, in der Dunkelkammer der Schmerzen sollte sich das Bild des Göttlichen in seinem Innern entfalten: „Unter Leiden, unter Schmerzen prägt der Meister in die Geister sein allgeltend Bildnis >ein," Die eigenen Nöte schürfen den Sinn für die Not der anderen. Ein großes Mitgefühl wird in der Seele rege. Es ist ja jetzt freilich keine Zeit für Neugründungen. Und wir hier in unserem gottbegnadeten Schwabenlande, dessen reiche Ernteschätze auf Kornfeldern und Weingärten uns an biblische Segensbilder gemahnen, müssen uns redlich mühen, unser Mersheim und unser Waisenhaus allen Hemmungen und Hindernissen der schwierigen Zeitläufte zum Trotz leistungsfähig zu erhalten, aber wir denken jetzt schon daran, so wie Gott bessere Tage gibt, eine Heilstätte für kranke Gkaubensgenosisn zu gründen, wo ihre religiöse Lebensordnung verständnisvolle Rücksicht finden wird. Dank schuldet, wer durch Wüsten zog! Einsame Wegstrecken im Grau des unfruchtbaren Alltags, unter den Nebeln der Sorgen un!d Mißerfolge! Auch die Wüstenwandcrung kann eine Gnadrnreise sein, wenn sie zum Sinai führt, wenn wir dem lebendigen Gotte da begegnen, wenn unsere schwanken Lebenszelte jenen Festhütten gleichen, durch deren dünne Laubdecks die Sterne stillen Gottvertrauens freundlich hineinleuchten. Für viele unter uns gebietet die steigende Teuerung intmer größeren Verzicht, immer mehr drückende Entsagung. Armes Deutschland, das ist nicht nur der w-ehlsidige Ruf des Mitleids, es ist eine tiestraurige Wirklichkeit. Doch waanotcha tarbeni. Die von Gott gefügte Armut will uns reich machen an inneren- Gütern! Ich nenne nur Gebet und Gotteslehre. Der große deutsche Dichter sagt in seinem berühmten Erziehungsroman: „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich wäre, einige vernünftige Worte sprechen." Wir haben mehr, wir haben die Weisungen des lebendigen Gottes, „sie sind unser Leben und die Dauer unser« Ta-ge" und ihrer freuen wir uns auch in den Wüsteneien des Leben-s. Wer in das Meer des Zweifels niedertauchte und vor Verzweiflung gerettet blieb, er danke! Nicht jeder, der in die Tiefe der Welträtsel forschend herniederstieg, vernimmt in den fernsten Gründen die Wunderstimme, von der jener Tauch« in der talm-udischen Sage dem Römerkaiser Hadrian berichtet: „Herrlich in der Höhe ist der Ewige." Manch einer leidet Schiffbrnch äu seiner gottgegründeten Lebens^- und Weltanschauung. Wir haben vor jeder redlichen Ueberzeugnng Achtung, liege sie noch weit von.unserem Glauben ab, wenn sie nur ehrlich errungen ist. Wir wissen, es ist sajata ckesebmaja, Stütze des Himmels, wie unsere Väter sagten, hindurchzufinden durch den Strudel der Fragen und hinweg