Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 234 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229502--76414-3289007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
234 Anstürmer!" Tie Polizeimannschaft gehorchte, doch merkbar loiderwillig. „Gasse frei von Nichtbewohnern!" erscholl das zweite Kommando. Das Volk murrte. „Blank ziehen!" Es geschah; das Volk wich zurück. „Posten ans Tor! Zwei zum Eingang!" Samters Blick 'siel auf den Rabbiner und seine Tochter. „Ist Ihnen etwas geschehen?" fragte er hinüber. „Sie kamen zur rechten Zeit, Herr Leutnant," sprach der Rabbiner, „meine arme, elende Gemeinde." „Ja, es ist eine böse Zeit, aber sie geht ja auch vorüber." Er reichte beiden die Hand: „Guten Mut behalten! Es gab und gibt ja auch Chriftenverfolgungen, und wir bleiben doch oben ans." „Wahr, Herr Leutnant. Und die Zeit wird kommen, da der Geist siegt über den Wahn, der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit über die Bosheit und Lüge, die die Menschen ihrer Gottähnlichkeit entkleidet. Vertrauen wir auf Gott!" * Einige Wochen nach dem Morde fand eine der nicht häufigen, in elegantestem Stile gehaltenen Festlichkeiten statt, welcher die Räume des vornehmsten Klubs dienten. Die Festteilnehmer gehörten der Aristokratie und Plutokratie an, allch Englands Kreise waren vertreten; desgleichen gehörten Aushelserinnen im Garderobenran'me, ihren Vereinigungszielen getreu, zum Bunde der Engländer. Sie verstanden diskret, ltnb ohne beachtet zu werden, zu beobachten. -- Miriam, Rabbi Jehudas Tochter, und die Garderobenfrau unterhielten sich miteinander: „'s wird 'ne feine Sache heut, Fräulein Miriam," sagte die Frau, „aber spät fängt's an. 's ist 'ne schöne Stelle, die ich hier habe, nur auf die Sachen aufpassen, keine Nummern verwechseln und nachher richtig abliefern, das ist alles, und dafür 20 inländische Schilling sür einen einzigen Abend, eine nette Nebeneinnahme." „Und die kleine Senta", fragte Miriam, das sich an sie lehnende fünfjährige Töchterchen Frau Roservers streichelnd, „ist die ganze Nacht hier und kommt nicht ins Bett?" „Die lege ich in der kleinen Tienerstube aufs Sofa, da schläft sie wie ein Murmeltier; in drei Minuten ist sie fort und sieht und hört nichts, und ain anderen Morgen wundert sie sich, wo der noble Kaffee und das große Stück Torte Herkommen. Ach, Fräulein Miriam, wenn mir das Kind zermalmt worden wäre, nicht denken darf ich dran. Daß Sie mir mein Kind gerettet haben, das wird Ihnen die Mutter Gottes lohnen; Sie glauben ja nicht dran, aber sie lohnt's Ihnen doch, die muß Sie ja lieb haben, auch, wenn die Juden uns hassen." „Tie Juden hassen die Christen nicht", sprach Miriam traurig. „Doch, doch", rneinte die Frau. „Sie nicht, von Ihnen glaub' ich's ja nicht, und Viele andere vielleicht allch nicht, aber die meisten doch, llnd viel Grund, uns zu lieben, haben Ihre Leute ja allch nicht." „Frau Roserver, an Ritualmord glauben Sie doch nicht?" „Gott, nein," gab diese verlegen zur Antwort, „man. weiß ja nicht, was solche Religion alles verlangt, und wenn man den Herrn Landrat reden hört und Den Gutsherrn llnd den Inspektor, wenn sie eine Versammlung abhalten und sagen, wir müssen alle gegen die Juden sein, und wenn sie schändliche Sachen von ihnen erzählen, da weiß man \a nicht, was man glauben soll und was nicht ~~ man weiß ja nicht . . ." Es pochte; Frau Roserver öffnete. „Ach, der Herr Offizier," rief sie, „solange vor dem Anfang, nur, ums Kind zu sehen. Sieh mal, Senta, wer da kommt." Die Kleine sprang auf ihn zu: er hob sie hoch. „Hallo, alles heil?" rief er, „keine Schramme mehr? Na, über ein Vierteljahr ist's ja nun auch her. Tll Racker, wenn du noch mal nicht aufpassen wirst, roenn ein Allto kommt." Er reichte ihr eine Puppe. Das Kind lies glückselig mit seinem Schatz in eine Ecke des Saales, i in der es ganz verborgen saß neben einer Aushelserin, welche! Garderobenmarken mit Oe'sen versah; auch diese konnte nicht bemerkt werden. „Ich vergaß aber auch rein, warum ich selber so früh gekommen bin", sagte Frau Roserver, „ich wollte ja ein bißcheli in der Küche helfen; bleiben Sie ruhig noch hier, Fräulein Miriam. Der Herr Offizier geht ja doch nicht noch mal nach Hause, er ist ja schon in vollem Staat, und ich weiß, er plaudert gern ein bißchen mit Ihnen; Sie haben ja erfahren, daß er kein schauerlicher Mörder ist", lachte sie im Hinansgehen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Ter Verband bcr Vereine für jüdisch e G e - schichte und Literatur in Deutschland war bestrebt, das Jahrbuch für 1921 zu'M 'Rasch Haschanah 5682 zu veröffentlichen. Durch widrige llmstände ist die Fertigstellung des Jahrbuchs verzögert. worden, doch ist der Druck im Gange und die Ausgabe svätestens im November zu erwarten. Das Jahrbuch enthält eine Reihe wertvoller Aufsatz-?, zum Teil von aktuellem Interesse. Bestellungen werden schon jetzt entgegengenommen. * — Ter durch den Krieg unterbrochene Truck von Tr. I. T h e v - d o r s „Bereschit Rabba" ist feit einiger Zeit wieder ausgenommen. Jetzt ist die ausstehende. Lieferung IX, zweite Lieferung erschienen. Ter Preis beträgt 20 Mark. Ten Vertag und Versand hat die Buchhandlung M. Poppelauer, Berlin C 2, Neue Friedrichstraße 59, übernommen. Tort sind auch die früheren Lieferungen zu haben * H e i n r i ch Hei n e s s ä m t l i ch e W e r k e. Mit Einlei tnngen und Anmerkungen herausgegeben von Paul Beher, K a r ( O u e n z e t und K a r l H a n n s W e g c n. c r. Leipzig, Hesse u. Becker, Verlag. 5 Halbleineubände. 110 Mark. Wenn Verdächtigungen, Verleumdungen und Schmähungen töten tonnten, dann wäre Heine längst inansetot. Es gibt wohl keinen zweiten Dichter, den. man so planmäßig verfolgt und verunglimpft hat wie ihn. Und siehe du, man h.at das biegenteil von dem erreicht, was inan erreichen wollte: Heine ist heute lebendiger denn je. Auch die Angriffe, die unsere jüngsten Litern tu rsnobsgegen ihn gerichtet haben, sind zuschanden geworden. Heines „Rvmanzero" und seine „Letzten Gedichte" wiegen Hunderte von modernen Lyrikbändchen -auf. Wer das leugnet, .muß auf beiden Augen blind fein. Auch den P r o f a i ke r hat man nicht gelten lasten wollen, und doch hat Nietzsche, dieser hellhörige Stilist, Heines Prosa mit bem höchsten Lobe ausgezeichnet. Was Nietzsche über Heine gesagt hat, ist dessen bestes Denkmal: ein steinernes, würde eher verwittern als die mächtigen Worte des Einsiedlers von Sits-Maria ... Eine neue Heine-Ausgabe nimmt man mit gemischten Empfindungen zur Hand. Man fürchtet den Schulineisterton, den die meisten Herausgeber anschlagen. Aber bei der neuen Ausgabe des Verlages Hesse n. Becker wird man angenehm enttäuscht. Tie drei Herausgeber, obwohl alle drei gelehrte Herren, enthalten sich aller Kritteleien. Vielleicht deshalb, weil sie Heine so gründlich kennen. Denn bas ist das Merkwürdige: je näher man Heine kennenle'rnt, desto inehr gewinnt er. Er hat von seinen Freunden viel Undank erfahren. Selbst Immermann, gewiß ein untadliger Mensch, hat sich, wie Ouenzel in der Einleitung zum siebenten Teile mit Recht hervorhebt, nach der Platen-Affäre merkwürdig kühl über ihn geäußert. Was für ein prächtiger Kerl Heine — trotz alledem! — war, bewies er vor allem in dem Kampfe gegen den feigen Menzel. Es ist hier nicht der Ort, dem weiter nachzugehen; in Paul Behers trefflicher Lebens beschreibung des Dichters (Teil 1) und in den Einleitungen kann man darüber allerlei finden. Im allgemeinen können wir uns mir den Urteilen der drei Herausgeber einverstandeg erklären. Gefestett hat uns besonders Quenzels Einleitung zur „Romantischen Schule" (Teil 11): Quenzel trifft fast immer den Nagel auf den Kopf und scheint die Romantik aufs eingehendste studiert zu haben. Durch Heines Artikel über Frankreich geleitet Wegener mit vollkommener Sicherheit (Teil 9 und 10); er hat auch auf die Anmerkungen großen Fleiß verwandt. Praktisch erweist sich ein gut gearbeitetes Namenverzeichnis, das für uns Fachleute von großem Werte ist. Die gut ausgvsMtete Ausgabe darf empfohlen ivettfen. Dr. R. S.