Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
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b'cm Wottc^'namen t]c|'tcmpclkut Gefäßen zum Ausdruck. Ncberblickt mau die gesamte Entwicklung israelitischer Kleinkunst, so kommt man zu dem Resultat, daß das israelitische Volk in der Kleinkunst wie auch auf anderen Profanen Gebieten ganz im Bann fremder Kulturen stand, daß sich seine religiöse Sonderstellung und Eigenart darum um so schärfer abhebt. Der Redner schloß mit folgenden Worten: „Ist der S ch l it ß z u k ü h n oder vielleicht unberechtigt, w e u n ich behaupte, daß die s e s a u ch an k ü n st - l e r i s ch e n I d e e n a r m e u n d u n s e l b st ä n d i g e V 0 l k s i ch n i e m a l s ü b e r d a s r e l i g i ö s e N i v e a u seiner l) e idni 1 ch e u U m in dt z u s eine m e r h a b e n e n G 0 t t e s b e g r i f f, z u r I d e e ei n 2 s u n i v e r s a l e n Einflusses seines Glan b e n s u n d H 0 f f e n s I) ä 11 c e r h e b cn k ö n n e n , w e n n n i ch t Gottes G e i st I s r a e l ü b e r n a t ü r l i ch e r l e u ch t e t u n d des A l l m ä ch t i g e n A r m s e i n B 0 l k g e f ü h rthätte, des A l l iv, ä ch tigen, der das S ch w a ch e a u s e r w ä h l t, n in d a s S t a r k e z u b e >s ch ä m e n. I e m e h r d i e s e r ü b e r n a t ü r l i ch e g ö t t l i ch e Z u g in der E n t w i ck - l u n g s g e s ch i ch t e des a l t t e st a m e n t l i ch e n B u n - desvolkes geleugnet wird, um so lauter werden ihn die Ruin e u verkünden, die d u r ch die r a st lose Arbeit de r A r ch ä 0 l 0 g e n das Licht d e r S 0 n n e w i e d e r s ch a u e n." Okuert tzkgkl-Forlchung. Bon Tr. S. Asch ne r (Berlin), it einem gewissen ivehmütigen Gefühl liest man heute Franz Rosenzweigs anregende Schrift „Hegel und der Staat" *), die, von Meineckes Werk „Weltbürgertum und Rationalstaat" angeregt, es unternahm, Hegels Staatsphilosophie au der historischen Entwicklung, Preußens besonders, gr messen und zum Gedanken des größeren Deutschlands zu erweitern, der sich vor dem Krieg organisch zu entwickeln schien aus dem veralteten Bismarckschen Gefüge, bis der unselige Weltkrieg ihm Halt gebot und andere noch nicht absehbare Bahnen wies, die jedenfalls alle nach dem Bereich des Sozialismus und Liberalismus führen, deren philosophische Abhängigkeit vom Hegeltum Rosenzweig übrigens sehr lehrreich entwickelt hat. Hegels Zentralbegriff ist die Staatsidee, die Ausdruck der Weltlogik, der „Vernunft" ist. Gegenüber Platons Staat habe erst der christliche Germanenstaat. die Freiheit aller verwirklicht. Diese erkennt Hegel vornehmlich in der freien Berufswahl, die Stein lmd Hardenberg ül Preußen eingeführt hatten. Hegels Freiheit ist gesellschaftlich, nicht politisch. Die Freiheit erfüllt sich im Laufe der Weltgeschichte. Sie ist ein Prozeß. Der Staat selbst geht aus überindividueller Staatsgesinnung hervor, einem von Hegel geprägten neuen sittlichen Wert, anstatt der von Kant geschaffenen unstaatlichen, typisch menschlichen Sittlichkeit. Diese Staatsmoral ist gut preußisch, wie überhaupt Hegels Staatsdenken sich mit dem des damaligen Preußentums immer mehr deckt. Ter Staat ist nicht bloß Moral, er ist, wie schon bei Hobbes, Macht, er ist freier Wille. Vom Staat aus deduziert der große Denker die Verfassung, vom Staat aus die Institution des Gottesgnadenkönigtums. Wie dann weiter die Selbstverwaltung, das Zweikammersystem, das Heer, die Stände nsw. mit scharfer Wendung gegen die Berechtigung der Parteien und des Wahlrechts behandelt werden, ist heute mehr denn je unaktuell geworden oder veraltet. Bezeichnend bleibt allemal die Abkehr Hegels vom Nationalen nnb Patriotischen, die scharfe Hervorkehrung des sittlichen Verhältnisses zwischen Mensch und Staat, wie sie so unbedingt'nur im alten Rom, in Preußen und, was weder Hegel st. München und Berlin 1920, Verlag von N. Oldenbourg. noch Rosenzweig zu wissen schienen, bei uns Juden hervortrat. Freilich sah Hegel die Vollendung der' Vernunft nur im Christentum ausgeprägt. Das Judentum war ihm nur eine markante Uebergangsstufe zu diesem. Cohen freilich denkt da anders und richtiger. Die Religion ist für Hegel nur individuell und rein seelisch, so den überindividuellen, objektiv wirklichen Staat ergänzend und mit ihm zusammenwirkend. So hat Hegel schon mit 25 Jahren gedacht, als er Mendelssohns wundervolle, gerade für Preußen so entscheidende Staatsschrift „Jerusalem" gelesen hatte, die ja auch Wilhelm v. Humboldts Staatsidee so tief befruchtet hat, wie ich seinerzeit in meiner Preisschrift nachgewiesen. Natürlich war Hegel tolerant. Das „Geschrei"', das sich 1819 gegen die Juden erhob, verachtete er und schürfte die tolerante Durchführung des Judengesetzes von 1811/12 nachdrücklich ein. Gedankenfreiheit, die individuelle Vielfältigkeit der Religionen hielt er geradezu für ein Glück. Sehr anziehend sind nun die Beziehungen Hegels zu Stahls Konservativismus sowie zu Marx aufgedeckt. Beide drücken den Staatsgedanken herab zugunsten der anderen Lebensmächte innerhalb der Nation oder Gesellschaft. Hegel blieb ihnen 31t störrisch in der Verherrlichung der Gegenwart stehen, so daß noch Heines Dualität Hellene - - Nazarener von hier aus sich entwickeln konntest. Am konsequentesten lebte Hegels Staa'tskult in der nationalliberalen Idee fort, bei Haym, Rümelin, Treitschke, mit deren Lehre Bismarcks Ueberzeugungen sich zunächst berührten, nur daß sie eben den so fruchtbaren Begriff des Nationalen hinzufügten, während Marx aus dem Hegelschen Staatsbewußtsein das internationale proletarische Klassenbewußtsein machte. Wie sich bei Hegel die gesellschaftliche Freiheit entwickelt ohne die Kirche, so bei Marx das dem Zukunftsstaat entgegengehende, unkirchliche Proletariat. Hegel ist also veraltet, weil er weder Nation noch Gesellschaft in ihrer Trächtigkeit durchschaut hat, ohne die sein Staat zur luftigen Konstruktion verblassen mußte. Nach der Julirevolution — zu dieser Zeit zwang er übrigens den Juden Gans der reaktionär-romantischen, von Savigny geführten Berliner Juristenfakultät auf — nahm Hegels Staatsbegriff gegenüber dem aufbegehrenden Ultramonta'nismus eine schroff protestantische Färbung an, die dem heraufziehenden Kulturkampf gemäß war, während er in blasser Revolutionsfurcht sich gegenüber der furchtbaren Lebensmacht des Volkes hinter dem Bollwerk des preußischen Königsgedankens verschanzte. Der platonische „Sekretär des Weltgeistes" war alt geworden und erschauerte vor der Möglichkeit, daß etwa auch im Volk sich einmal der Weltgeist, die Weltvernünft offenbaren könnte. Was würde er erst heute gesagt haben? Rosenzweig ist ein kraftvoller Stilist, seine historische Porträtierung ist wirkungsreich und farbig, die Entwicklung des Systems, auch im Vergleich mit Kant, Fichte, Schelling, besser mit Rousseau und Montesquieu, jedoch nicht immer anschaulich genug. Man wird aber die Bündigkeit des Urteils, die Sicherheit der Begriffsbestimmung und allgemeinen Wertung ebenso anerkennen wie, relativ, das Resultat, das indessen nachdem nun einmal Bismarcks Schöpfung sich als so vergänglich nnb zweifelhaft erwiesen, gründlicher Umarbeitung bedarf. Rosenzweigs Zweifel an der deutschen Geschichte und den deutschen Geschicken teilen wir durchaus nicht. „Alles hat seine Zeit", sagt der Prediger; das Meinen hat sie, also auch das Lachen, die mageren Jahre, also auch die fetten. Oh, wer jetzt Prophetenaugen hätte, die Zukunft sähe, die schon rosenrot hinter den Nachtwolken der Gegenwart heraufkommt! Was, was wird es sein am Ende? -) Heim hat sie aber nicht so sehr vom Hegel als von den Schlegels und diese vom Kantianer Schiller. Schlegel: Klassrsch- Rmnantisch, Schiiller: Naiv-Sentimental, vgl. mdy Nietzsche: Uebermensch — Herdenmensch,