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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-30 · Heft 20 (30.9.1921) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 20 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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231 seit 1869 als juristischer Beirat eine prominente Stellung einnahm. Daneben entwickelte er aber auch im Interesse der schlesischen Hauptstadt, seiner zweiten Heimat, eine rege, ersprießliche Tätigkeit. Er war einer der ersten Juden, die das Vertrauen der Mitbürger zum Stadtverordneten erwählte, und er hat dem Kollegium länger als ein Vierteljahrhundert, bis zu seinenr Tode, angehört. Wie sehr seine Verdienste auf kommunalem Gebiete anerkannt wurden, geht daraus hervor, daß er von der Stadtverordnetenversammlung schon früh als Abgeordneter in den Provinzialland'tag entsandt wurde, wo der konservative schlesische Hochadel die führende Rolle spielte: für einen Juden sicherlich eine besondere Auszeichnung, die er ebenfalls bis zu seinem Tode genoß. Es ist klar, daß ihm dieses vielseitige Wirken nicht Zeit ließ, seinen literarischen Neigungen, denen er von Kind auf treu geblieben war, sich gleich intensiv hinzugebenwie er es gern getan hätte. Trotzdem blieb er auch aus diesem Gebiet nicht müßig. Er veröffentlichte zwei geschichtliche Novellen: „Das Grab in S a b b i o n e t a " und „Berel Grenadier", die reichen Beifall fanden und sogar lange nach seinem Tode neu aufgelegt wurden (Verlag: I. Brandeis, Prag), da sie auch heute, trotz des ungeheuren Wandels in unserem literarischen Geschmack, infolge ihrer feinsinnigen, lebendigen und gemütvollen Schilderungen des jüdischen Volkslebens zur Zeit der venezianischen Spätrenaissance und des Siebenjährigen Krieges den Leser belehren und faseln. Auch die nicht lange vor seinem Tode veröffentlichten Lebenserinnerungen, die leider unvollendet blieben, verdienen nicht der Vergessenheit anheimzufallen, da sie feine Beziehungen zu zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten schildern und zur Kenntnis ihres Charakters und ihrer Zeit manches Neue beitragen. Besonders reizvoll sind seine Bemerkungen über Lassalle, mit dem er von der Schulbank her bekannt war, dessen Genie er wohl anerkannte, ohne aber mit seinem, dem eigenen so heterogenen Wesen sympathisieren zu können, und Berthold Auerbach, mit dein ihn innige Freundschaft bis zum Tode verband. Gelegentlich des 100jährigen Geburtstages des großen schwäbischen Dichters wurde mehrfach auch Honigmanns gedacht, u. a. hat der Literarhistoriker M. Necker über ihn einen Aufsatz geschrieben, der auch einige interessante Briefe Auerbachs an den Freund enthielt. Anfang der 80er Jahre begann Honigmann, der, unermüdlieh fleißig, nie Zeit gefunden hatte, auch seiner Gesundheit die nötige Pflege zu widmen, zu kränkeln, ohne in seiner rastlosen Tätigkeit, zu der auch eine still und unauffällig, aber ununterbrochen geübte humanitäre Wirksamkeit kam, nachzulassen. Seine schweren Leiden ertrug er ohne Klage mit der Geduld eines Weisen. Am 22. Juli 1885 raffte ihn der Tod dahin, viel zu früh für seine Familie, seine Freunde und Glaubensgenossen. Mit ihm ging ein Mann dahin, der, den Traditionen einer heute wert zurückliegenden Zeit getreu, verschmähte, seine reiche Begabung, seine vielseitigen Kenntnisse, seine Klugheit, sein hohes Ansehen und seine vielfachen Beziehungen zum Besten der eigenen Lebensstellung auszunutzen, der vielmehr seine Lebensaufgabe darin suchte und fand, zum Wohle der anderen, seines Volkes, seiner Heimat, seiner Glaubensgenossen zu arbeiten, zu schaffen und zu wirken. Den einzigen Dank dafür sah er in dein Lohn den die Tat in sich selbst birgt, und in der Anerkennung, di? seinen Fähigkeiten und der untadligen Reinheit seines makellosen Charakters nicht versagt blieb. So können wir mit den Worten von ihm Abschied nehmen, die ihm Prof. Brann ins Grab nachrief: „Er ist dahingegangen: ein treuer Jude, ein guter Deutscher, ein lauterer Mensch! Mögen der Zukunft viele seinesgleichen beschieden sein!" —g~ - Urarlitlschr Kleinkunst. Bon S. Rot h s ch i l d (Worms). om 5. bis 8. September tagte dahier die Generalversammlung der G ö r r e s - G e s e l l s ch a f t zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland, welche in einer äußerst wirkungsvollen Dan te - F e i e r ihren Abschluß fand. Die Versammlung war von hervorragenden katholischen Gelehrten besucht, von Prinzen, Ministern und Bischöfen. Außer den geschlossenen geschäftlichen fanden öffentliche Sitzungen statt, die sich in verschiedene Sektionen teilten, in historische, philosophische, juristische Sektionen und solche für Altertumskunde. In letzterer hielt Dr. Kalt, Professor am P r i e st e r s e m i n a r in M a i n z, einen Vortrag über „Israelitische Kleinkunst". Das Thema zog mich an, aber auch der Vortragende, dem ich vor mehreren Jahren Führer in der Synagoge und auf dem Friedhofe gewesen. Später sandte er mir ein ziemlich umfangreiches Buch, das kurz vorher von ihm erschienen war, mit außerordentlicher Gründlichkeit und vieler Sachkenntnis sich mit dem biblischen „Simson" beschäftigte. Dem Vortrage wohnte 'auch der neuernannte Bischof von Mainz bei. Ich will in folgendem versuchen, den Inhalt des Vortrags kurz zu skizzieren. Vielleicht gibt die Skizze Veranlassung zu einer Aussprache in diesen Blättern. Die Ausgrabunasstätten auf palästinischem Boden sind bisher arm an inschriftlichem Material gewesen. Um so größere Bedeutung haben dadurch die dem Gebiete der Kleinkunst ungehörigen Funde, besonders die Keramik, gewonnen. Sie ist der Schlüssel zur Archäologie Palästinas geworden, indem sie die Datierung der Schichten und die umrissene Zeichnung des Bildes israelitischer Külturentwicklung ermöglicht. Allerdings nur eine umrissene Zeichnung, da einerseits die bisher ausgegrabenen Städte erst in der Kriegszeit in den dauernden Besitz Israels kamen ltnb wegen ihrer Lage fremdem Einfluß besonders stark ausgesetzt waren, andererseits es noch an systematischer Bearbeitung der Kleinkunst jener Völker fehlt, von denen die israelitischen Kunsthandwerker ihre Modelle entlehnt haben. So viel aber steht vor allem fest, daß die israelitische Kleinkunst während der ganzen Richterperiod? auf einer noch sehr unentwickelten Stufe gestanden haben muß. Ein Vergleich der spätkanaanitischen und Philistäischen Schichten der Städte in der Sephela zeigt besonders anschaulich den israelitischen Rückstand. Während hier die Keramik unter ägäischmykenischem Einfluß in Form, Technik und gemalter Ornamentierung sich rasch entwickelt, steht sie dort noch auf der Stufe altkanaanitischer Behandlung ohne Töpferscheibe und ohne gemalte Dekoration. Ein eigentliches Kunsthandwerk scheint sich erst in der Königszeit entwickelt zu haben, wie auch die Heilige Schrift andeutet, die eine Reihe von Handwerken erst in der Literatur jener Zeit erwähnt. Die Entwicklung einer eigenen Kleinkunst wurde durch das Bestreben begünstigt, die neugewonnene Politische Selbständigkeit durch Unabhängigkeit, von fremder Kultur zu ergänzen. Der Mangel an Rohmaterial im eigenen Lande ließ allerdings nur die Keramik zu einer gewissen Blüte kommen. Doch steht diese in allen Jahrhunderten weit -hinter der auf dem Markt angebotenen zyprischen und -griechischen Ware zurück: der Ton ist rauher, die Formen sind plumper, gemalte Dekoration fehlt auf vielen Gefäßen vollständig oder stellt einen noch unbeholfenen Versuch dar, die fremden Vorbilder nachzuahmen. Es ist darum begreiflich, daß trotz dieses Strebens, der fremden Konkurrenz zu begegnen, ihr Einfluß sich in den Schriften immer stärker geltend macht (assyrisch-babylonischer Einfluß ist dabei in vorerilischer Zeit noch wenig nachgewiese'n), und in der nachexilischen Zeit den palästinischen Markt völlig beherrscht. Eine für diese letzte Periode bezeichnende Opposition der Jüdischen Gemeinde gegen fremde Ware heidnischen Ursprungs kommt in 'den mit

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