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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-30 · Heft 20 (30.9.1921) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 20 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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230 erweitern, sich nicht mit dem „Lernen", -d. h. dein Talmudstudium, im Beth-Hamidrasch begnügte, sondern jede Gelegenheit währnahm, um sich auch die deutsche Sprache und sogar ein wenig die französische und etwas Literatur anzueignen. Der Zufall führte ihn zu einem Winkeladvokaten, bei dem er als Kopist und Schreiber nicht nur seine Sprachkenntnisse und die angeborene Fähigkeit, sich gewandt mit der Feder auszudrücken, vervollkommnete, sondern auch tieferen Einblick in praktische Lebensvebhältnisse und eine gewisse Geschicklichkeit in der Auskunfts- und Raterteilung an die Parteien erlangte, die ihm später beim juristischen Studium zugute kam. Besonders wertvoll war es aber für den lernbegierigen Knaben, daß ihm sein Chef, ein leidenschaftlicher Literaturfreund, die Lektüre aller im Orte erhältlichen Bücher, insbesondere der dramatischen Literatur, ermöglichte und in ihm dabei durch gemeinsame Besprechung des Inhalts und der Form die Grundlage zu späterer kritischer Betrachtungsweise legte. Nach einigem Kampfe gelang es dem wissensdurstigen Knaben, die Einwilligung der Eltern zum Studium in der Großstadt zu erhalten. Er absolvierte dort, indem er sich notdürftig durch Stundengeben sortbrachte, das Gymnasium, bezvg nach vortrefflich bestandener Prüfung die Breslauer Universität, um sich dem Studium der Philosophie und Literaturgeschichte zu widmen. Schon 1844 erschien aus der Feder des jungen Studenten in einer 'angesehenen Zeitschrift, Theodor M u n d t s „Freihafen", ein literarhistorischer Essay: Die deutsche Belletristik als Vorkämpferin der Emanzipation der Juden, der durch Stoff und Stil ein gewisses Aussehen verursachte und ihn in persönliche Berührung mit mehreren angesehenen jüdischen Autoren brachte, u. a. mit Berth o l d Auerbach, der damals allerdings erst seine Romane „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann" veröffentlicht hatte und von seinem späteren Ruhme nod) nichts träumte. Bald darauf fand eine vielversprechende Novelle - „I a d w i g a" i n Webers „Illustrierter Zeitschrift" Aufnahme und ermunternde Anerkennung, und einige Gedichte wurden von Gustav F r e y t a g gewürdigt, in seinem „Studenten-Almanach" abgedruckt zu werden. Honigmanns literarische Laufbahn schien also schon im besten Fahrwasser zu sein, als die Bekanntschaft mit Abraham Geiger und seinem Kreise ihr mit einem Schlage eine unerwartete Wendung gab. Geiger und seine Freunde wußten dem talentvollen, für alles Edle und Schöne begeisterten Jüngling bald die Ueberzeugung beizubringen, daß, um die Juden aus ihrer Pariastellung zu befreien, der Kampf mit den Gewalten des Staats und des Vorurteils nur durch die Waffen des Rechts entschieden werden könne und daß es daher die Verpflichtung jedes Israeliten sei, der die nötige Begabung besäße, sich in diesen Waffen zu üben und sie zu gebrauchen. Das bedeutete die Umsattelung vom philosophischen Studium zum juristischen, bedeutete aber auch die Aufgabe einer neigungsgemäßen allssichtsreichen Karriere sowie eine unsichere Zukunft, denn damals stand den Juden nicht einmal die Advokatur, geschweige denn die Richter- oder Beamtenlausbahn offen. Trotzdem zögerte Honigmann nicht lange, sondern warf sich mit Eifer und Energie auf die Jurisprudenz an den Universitäten von Berlin und Heidelberg, wo er 1846 die Doktorwürde erwarb. Dann kehrte er nach Breslau zurück, wo er zunächst als Hilfsarbeiter im Magistrat Gelegenheit fand, seine gründlichen Kenntnisse und seine Gewissenhaftigkeit zu bewähren, die ihm nach einiger Zeit eine Stelle als Generalsekretär der noch nicht lange bestehenden oberschlesischen Eisenbahngesellschaft verschaffte. Die dort entfaltete umfassende Tätigkeit brachte ihn bald in den Ruf eines ausgezeichneten Fachmanns auf dem Gebiet der Bahnverwaltung; obwohl ohne die geringsten Kapitalsinteressen wurde er später lediglich dank seiner Tüchtigkeit und seines Ansehens zum Vorsitzenden des Auffichtsrats der Breslau - Freiburger und der Posen - Kreuzburger Eisenbahngesellschasten gewählt und bekleidete diese Aemter bis zu deren Verstaatlichung. Anfangs der 70er Jahre wurde er juristischer Direktor der ^Schlesischen Vereinsbank, nach deren Liquidierung er kein Amt mehr annahm, sich vielmehr nur noch der Schriftstellerei und seiner weitverzweigten öffentlichen Tätigkeit widmete. Als feinsinniger Theater- und Literaturkritiker, aber auch als politisier Mitarbeiter war er regelmäßig und dauernd an den großen Breslauer freisinnigen Zeitungen tätig. Schon als Gymnasiast hatte er seinem jüngeren Landsmann, dem später berühmt gewordenen Führer der nationalliberalen Partei, E d u.a r d Laster, der ebenso wie er den Uebergang vom Talmud zur Wissenschaft suchte. Unterricht erteilt; er schloß sich dann mit Begeisterung den politischen Anschauungen des Jugendfreundes an. Das Jahr 184N fand ihn in den vorderen Reihen der Kämpfer für die Freiheit, und er wußte ebenso idiurch sein zündendes Wort wie durch klugen besonnenen Rat für die Rechte des Volkes zu wirken. Zu gleicher Zeit begann er aber eine rege Tätigkeit für das Judentum zu entsallten. Einer für damalige Verhältnisse ziemlich kühnen Streitschrift: „Herr Geheimrat Wohlsarth und die Juden" folgte eine umfangreiche Broschüre: „Das gute Recht der Preußen jüdischen Bekenntnisses". (Leipzig, . Georg Wigand, 1847), die nicht ohne Einfluß auf die Abfassung des preußischen Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 blieb. Mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit und mit allen jnristischen Feinheiten verfocht er — wenn wir uns nicht täuschen, publizistisch als Erster -- die These von der politischen Gleichberechtigung der Juden, die er nicht als eine eigene fremde, nur Gastrecht genießende Nation, sondern als einen integrierenden Bestandteil des deutschen Volkes von lediglich anderem Religionsbekenntnis angesehen wissen wollte. Der Zionismus hat diese Anschauung zu zerstören gesucht; man darf aber nicht vergessen, daß sie allein es gewesen ist, welche die geistige und kulturelle Entwicklung des modernen Judentums und seine großen Erfolge auf fast allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens erst ermöglicht hat. Damals hatten diese Reformbestrebungen nach zwei Fronten zu kämpfen, nicht nur gegen die konservativen Mächte der Regierungen und den Antisemitismus der Massen, sondern auch gegen die Orthodoxie der eigenen Glaubensgenossen. Honigmann war seinem Freunde Geiger bei Gründung der Reformgemeinden in hervorragendster Weise behilflich; insbesondere war er es, der ihre Rechtsgrundlagen schuf, ihre Statuten entwarf, ihre Stellung im Staatswesen erkämpfte und schließlich bis zu seinem Tode als Gemeindesyndikus das Errungene festzuhalten und zu erweitern unermüdlich tätig war. Er gehörte auch zu den Gründern des Deutsch-Israelitischen Gemeindebiinds, in dessen Vorstände er David Honigmann geb. am 15. August 1821 zu'Kempen, gest. am 22. Juli 1885 zu Breslau.

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