Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Quellen keine Rede. Dara-nf hat der gegenwärtnz beste Kenner dieser Frage, Untb-erto Cassuto in Florenz, in tiefeindringenden Untersuchungen schon früher und auch jetzt wieder *) nachdrücklich hingewiesen. Unbestreitbar hingegen 'bleibt .Jrnlnanuels Abhängigkeit von Dantes Dichtung. Immanuel hat bekanntlich nicht mir in hebräischer, sondern auch in italienischer Sprache gedichtet; er verleugnet den Hebräer nicht, wenn er italienische Verse inacht, und verrät den Einfluß der italienischen Poesie, wenn er hebräisch schreibt. In der äußeren Form, in der Auffassung und in der Wortwahl folgt er dem Vorbild der italienischen Lyriker seiner Zeit. Keiner aber hat eine stärkere'Wirkung auf Immanuel ausgeübt als der florentinische Dichterfürst. In Dantes Spuren wandelt Immanuel in seiner gesamten Dichtung, vor allem aber sind sie in seiner Vision von „Himmel und Hölle" am Schluß seiner bekannten Makamen'sammlung „Mechabberoth" deutlich erkennbar. Der Grundgedanke, der Aufbau, die Darstellungsweife, das ganze Gedicht und zahlreiche Einzelheiten schließen sich eng an die „Göttliche Komödie" an, bleiben freilich an Gehalt weit hinter ihr zurück. Wir wissen, daß Immanuel seine Dichtung erst lange nach der Abfassung von Dantes unsterblichem Werk verfaßt hat, und es kann nach den vielen nachweisbaren Parallelen kein Zweifel darüber bestehen, daß Immanuel sich Dantes gewaltige Komposition zum Vorbild genommen hat. Freilich ist auch diese scheinbar feststehende Tatsache neuerdings zum Problem geworden. Ein spanischer Gelehrter, Asin Palacios, hat in einem aufsehenerregenden und wegen seiner Gelehrsamkeit bewundernswerten Buche Parallelen zwischen Dantes „Göttlicher Komödie" und den eschatölogrschen Darstellungen der 'arabischen Lileratu'.r nachgewiesen und daran den Schluß geknüpft, daß Dante von den Arabern abhängig und daß einer der Vermittler zwischen ihnen eben unser Immanuel mit seiner Dichtung ist. Auf den ersten Blick frappiert die neue Anschauung, aber bei näherer Prüfung erweist sie sich als unhaltbar. Die Parallelen zwischen Dante, Immanuel und den muslimischen Schriftstellern reichen nicht weiter als der gemeinsame Besitz volkstümlicher religiöser Ueberlieserungen der monotheistischen Religionen und gehen vielleicht schon auf uralte babylonische Anschauungen zurück. Wären sie in der christlichen Welt so verbreitet gewesen, wie Palacios annimmt, so hätte sie Dante aus christlichen Quellen nehmen können und nicht erst bei Arabern und Juden eine Anleihe machen müssen. Die Uebereinstimmuug zwischen Immanuel und Dante ist mitunter bis zur Wahl einzelner Bilder und Worte überraschend, die Zeitfolge der beiden Gedichte so klar, die Beziehungen Immanuels zu dem italienischen Dichterkreis so gesichert, daß seine Abhängigkeit von dem berühmten Vorbild Dantes nicht in Frage gezogen werden kann. Ein anderer jüdischer Dichter, welcher in den Spuren Dantes wandelte, ist Mose da Riet: (1388—1460), der, umgekehrt wie Immanuel, erft in den päpstlichen Marken und dann in Rom gelebt hat. Er verfaßte eine Dichtung unter dem Titel „Mikdasch mec'at" (das Heiligtum im Kleinen), die ans zwei Teilen, dem Vorhof in fünf und dem Tempel in acht Gesängen, besteht. In der Form — er hat die Terza rima in die hebräische Poesie eingeführt — und im Inhalt folgte er den Spuren Dantes und war itr feiner Nachahmung so glücklich, daß man ihm den Ehrennamen eines ,hebräischen Dante" erteilt hat. In gewaltigen Zügen und flammenden Bildern malt er die himmlischen Gesichte, die Pforten des Paradieses öffnen sich, die Scharen der Engel und seligen Geister, nach ihrem Range geordnet, versammeln sich um ihn. Sein Werk ist ein schönes Denkmal feiner ausgedehnten Bilh In einem Aufsatz „Dante und Malmello" für das im Druck beiindliche Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 5682 (1922). düng; die von dem Dichter vorgeführteu un-d angesprochenen Gestalten sind die Heroen der griechischen Philosophie und der jüdischen Literatur. Das Werk hatte einen gewaltigen Erfolg; es wurde nicht nur häufig durch Abschriften verbreitet, sondern auch'wiederholt ins Italienische übersetzt und sogar in der Synagoge verwendet. In neuerer Zeit wurde die „Göttliche Komödie" wiederholt ins Hebräische übertragen und auf diesem Wege einem zahlreichen Leserkreise zugänglich gemacht. Man darf daher mit Recht von einem starken Einfluß Dantes auf die jüdische Literatur sprechen und den: unsterblichen Genius dafür Dank zollen. Allein das Judentum steht Dante nicht bloß empfangend, sondern auch gebend gegenüber. Denn was bedeuten all die Entlehnungen aus seinen Dichtungen gegenüber dem unschätzbaren Einfluß, den die jüdische Literatur, das biblische und das apokalyptische Schrifttum, und die bei den christlichen Schriftstellern des Mittelalters erhaltenen Reste jüdischer Weltanschauung auf Dante ansgeübt haben? Diese Gaben sind selten erwähnt, wissenschaftlich noch kaum sestgestellt. Aber sind nicht gerade das die wertvollsten Wohltaten, die von den Menschen als scheinbar selbstverständliche hingenommen und ohne Kenntnis des Urhebers genossen werden? „O unbekannter Reichtum, wahrhaft'ges Gut!" (Par. XI, 82.) I. E. Lin GeLenkblatt. Bchon von alters her kann Man innerhalb des Jndenlnms zwei gegensätzliche Geistesrichtü.igen feststellen, die, oft streng voneinander geschieden, zuweilen auch miteinander verschmolzen, dem Nationalcharakter ihr Gepräge verliehen haben: eine realistische und eine idealistische. Während die der ersteren Znneigenden ihr Talent, den scharfen Verstand, den Sinn fürs Gegenständliche und für die Erfordernisse des praktischen Lebens zu gebrauchen wissen, um sich Reichtum, Stellung, Macht zu erobern, haben die anderen immer nur das eine Ziel, ihren Ideen gemäß zu leben, wofür ihnen keine Mühe zu heiß, kein Opfer zu schwer ist. In unserer leidenschaftlichen, vom, Kampf aller gegen alle durchwühltcn Zeit, in der die ersteren einen besonders günstigen Boden für die Auswertung ihrer Begabung finden und damit den kaum ein wenig in den Hintergrund getretenen Haß der Massen zu neuen Flammen ansachen, ist es vielleicht nicht unangebracht, das Andenken solcher Männer neu zu beleben, die ihr Glück allein im Kampfe für den sittlichen und kulturellen Fortschritt ihres Volkes erblickten und die damit erst das Rechtssundament legten, ohne das die mitteleuropäischen Juden das Getto vielleicht heute noch nicht voll überwunden hätten. Da mag es wohl auch erlaubt sei», einen Kranz am Grabe eines Mannes niederzulegc'n, dessen Geburtstag sich kürzlich zum h u n d c r t sten Male jährte und der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mit in der vordersten Reihe der Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden stand: D a v id H o n igm a n n. Er ward um 15, August 1821 in Kempen, einem kleinen Städtchen an der preußisch-polnischen Grenze, als Sohn eines einfachen frommen Kleinkaufmanns alten Schlages geboren. Seine Mutter gehörte, wie Wilhelm Goldbaum bezeugt, zu „jenen klugen alten Jüdinnen, die immer ein gescheites Wort ans der Zunge haben und bis in ihr höchstes Alter von einer erstaunlichen Lebenskraft und Lebensweisheit sind". In seinem Büchlein: „Aus einem Knabenleben vor 50 Jahren" beschreibt Honig - m a n n das damalige Leben und Treiben der kleinen Gettogemeinden und führt uns vor Augen, wie er, tief bewegt vom leidenschaftlichen Trieb, seine Kenntnisse zu