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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-30 · Heft 20 (30.9.1921) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 20 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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227 überlassen, sondern noch Möglichkeit in den Händen der zionistischen Organisation zn konzentrieren. In bezug auf den National so nds ivnrde beschlossen, das Hauptburea-u so ras-ch als möglich nach Pa- Inftin.n Zu verlegen. Endlich erklärte sich der Kongreß für eine Zentralisierung des gesamten Lanitäts- und Krankenwesens in Palästina und zu diesem Behuse für Errichtung eines Sanitätsdepartements „Wand Habriuth" am Litze der zionistischen Leitung in Palästina. 5. Die Kulturfrage. Tie Kulturdebatte wurde alter Kongreßübung gemäß zum größten Teil in hebräischer Sprache geführt. Ans dem Referate von Dr. L u r i e ergibt sich, daß gegenwärtig fast das ganze Schulwesen unter Aufsicht der zionistischen Organisation steht. Es sind jetzt im Lande 53 Kindergärten, 63 Volksschulen, 3 Mittelschulen, 3 Lehrerseminare, 6 Spezialschulen, 7 Handlverkerschulen; insgesamt werden diese Schulen von 12 830 Schülern besucht. Das Schulwerk leidet unter großen finanziellen Schwierigkeiten; die Lehrer sind schlecht besoldet, es fehlt an Unterrichtsmitteln und an geeigneten Schulräumen. Die Aufrechterhaltung des Unterrichts in vollem Umfange war zum Teil nur dadurch, möglich, daß die schlecht besoldeten Lehrer sich freiwillig entschlossen haben, zwei Wochenstunden irnentgeltlich zu erteilen. In der Debatte wurde neben der Frage der materiellen Sicherung auch die religiöse Frage berührt, aber sie nahm in den Erörterungen der Kulturfrage aus dem Kongresse keinen zentralen Platz ein. Der Kongreß erklärte sich in seinen Beschlüssen einstimmig dafür, daß die Kulturarbeit ein unentbehrlicher Teil der zionistischen Tätigkeit für die Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina geworden ist. Er verpflichtete die Rationalfvndsleitung, die für die Schulgebäude notwendigen Terrmins zu erwerben. Er forderte weiter eine Förderlmg der Nationalbibliothek, sprach Professor Einstein und dem Komitee der amerikanischen Aerzte den Dank für die Förderung der medizinischen Fakultät der künftigen Universität in Jerusalem aus und appellierte an alle Kultnrkrüfte des Judentums in der Diaspora, sich für die Verbreitung des Hebräischen nachdrücklichste einzusetzen. Sämtliche Anträge wurden ohne Debatte angenommen. (Schluß folgt.) Wochknlchau. * " Berli n, 27. September, us München wird unter dem 25.September geschrieben: Zu Tausenden sind hier durch Alttos von „völkischer" Seite Flugblätter mit der Ueberschrift „Die Sowjetjuden als Minister" verteilt worden. Das wüste Hetzblatt gipfelt in den Sätzen: Nicht um Bayern handelt es sich. Nicht mit Kahr und nicht uw Pöhner! Glicht um Roth und nicht um Unitarismus -und- Föderalismus, sondern darum, ob heute die Berliner Sowjetjuden, Rathenau und Genossen bereits 'dein Reiche ihren Willen aufzuzwingen vermögen, ob der Organisator der Kriegsgesellschasten- Auswucherung Deutschlands bereits Minister schasst und wirft iw ganzen Reich so, wie es ihm gefällt, oder ob reicht wenigstens an einer Stelle sich noch der Deutsche selbst regiert. Nicht weil wir Bayern sind, werden wir von Berlin verfolgt, sondern weil diese Juden iit uns die letzten Deutschen sehen. Und dazu finden sich Männer bereit, Handlangerdienste zu leisten. Dazu findet der Sowjetjude bereits Verbündete unter uns! Weg mit den Bonzen und Ministerschiebern! Es ist nicht bekannrgeworden, daß die Polizei des Herrn Pöhner auch nur einen der Verbreiter dieses Schaudwerks verhaftet hat. * Das Urteil in dem Prozeß wegen des M emmin g e r L a u d f r i e d e n s b r u ch e s, verübt gegen dortige jüdische K a u s l e u t e, ist Mitte dieses Monats vom Memminger Volksgericht verkündet worden. Es stellt lediglich den Tatbestand schweren Hausfriedensbruches gegen Dr. Sirius und Ewald Heil und des einfachen Hausfriedensbruchs gegen die beiden anderen Mitglieder des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbunöes fest. Die beiden Erstgenannten wurden zu einem Monat Gefängnis, die beiden anderen zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt und allen vieren Bewährungsfrist für die gesamte Strafe bis 1. Oktober 1923 gewährt. Die übrigen Angeklagten wurden sämtlich freigesprochen. In der Verhandlung wurde von mehreren Zeugen erwähnt, daß ein dortiger O <b e r l a n d e s g e r i ch t s r a t einige Zeit vorher öffentlich erklärt hätte, gegen Wucherer und Schieber müsse endlich zur Selbsthilf e gegriffen werden. * Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Hamburg. Unter großer Beteiligung ging in Hamburg die diesjährige Generalversammlung des Vereins zur Abwehr das Antisemitismus vor sich. Nachdem am Sonnabend, den 17. September, die Vorstands- und Ausschußsitzung sich mit internen Fragen befaßt hatte, fand die Hauptversammlung am Sonntag, den 18. September, im großen Saal des Euriohauses statt. Der Vorsitzende Reichsminister a. D. und Reichstagsäbgeordneter Dr. Gothein eröffnet die Sitzung mit begrüßenden Worten an die zahlreich Erschienenen. Besonders schwer leiden wir unter der Verwirrung der Geister gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Gerade jetzt gelte es, einmütig zusaunnenzustehen für den Wiederaufbau des Vaterlandes. Die Verhetzung, die zum Morde Erzbergers geführt hat, gehe von den Leuten ans, die jetzt die Mordbuben abschüttelu möchten. In diesen schweren Zeiten sei es unsere Aufgabe, die Sittlichkeit aufs höchste zu entwickeln. Aus warmer Liebe zum Vaterlande kämpfen wir, streiten wir für die Sittlichkeit, und zu diesem Kampfe rufen )vir alle rechtlich Denkenden aus. (Lebhafter Beifall.) Hauptpastor Felden (Bremen) führt dann in seinem Bortrage „A n H se m i t i s ch e Ai e tho d e rt" laus: Die Hoffnung Mommsens, daß der Antisemitismus bald verschwinden würde, sei nicht eiugetvoffen, im Gegenteil, es sei schlimmer als je. Die antisemitischen Aiethodeu seien teils die der „canaille“, teils die dogmatischer Fanatiker. Der Haß verallgemeinert, und wenn einmal ein Jude etwas begangen habe, so heiße es: „Die Juden". Gewiß üüen die Juden nicht alle ohne Fehl, sei es aber bei den Christen nicht ebenso? Der Antisemitismus geht zurück auf das Gefühl des Anderss e i n. Des weiteren beruhe der Antisemitismus auf einem schrecklich v e r z e r r t e n N a t i o n a l i s m n s. Der Antisemitismus sei heute Modesache. Ter Nährboden für die antisemitische Bewegung sei die U n b i l d u u g , die blindlings alles glaubhaft erscheinen lasse. Aber auch Gebildete schluckten kritiklos die vergifteten antisemitischen Pillen, wie sie beispielsweise in den „Weisen von Zion" ihnen gereicht werden. Mit solchen Märchen hausierten die Antisemiten. Für Deutschlands Entwicklung bildet der A n t i s e m i t i s m u s eine große Gefahr. Unsere Zeit erfordert die Zusammenfassung aller Kräfte für den Wiederaufbau des deutschen Volkes. Er schließt mit dem Worte Jeremias Gotthelss: „K e i n e K rast darf v e rl o r e n gehen!" Hierauf spricht Herr Otto Krebs über „A r b e i t e r s ch a f t u n d A n t i s e m i t i s m u s". Schon früher habe man von antisemitischer Seite versucht, die Arbeiter gegen die Juden auszuwiegeln. Bei den einigermaßen Kundigen können diese Bemühungen nicht Erfolg haben, weil sie die richtigen Verhältnisse kannten. Die Arbeiterschaft lehnt den Antisemitisuuls grundsätzlich schon seit Jahren ab und heute erst recht. Alle Menschen, die guten Willens, sind unsere Brüder. Darum frage man in der Arbeiterschaft nicht danach, ob Christ oder Jude. Die Arbeiterschaft kennt keine R a s s e n u n t e r sch i e d e , sondern nur eine Wertung nach der ethischen Seite hin, und sie wisse sich in dieser Richtung eins mit dem Judentum. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Mit diesem Worte wolle die Arbeiterschaft endlich einmal Ernst machen, damit wir eine freie, glückliche und bessere Menschheit erhalten. Nach der sich an die Vorträge anschließenden Aussprache erstattet der Geschäftsführer Dr. Brr am den Tätigkeitsbericht, aus dem u. a. hervorgeht, daß der- Verein seit Anfang vorigen Jahres seine Mitglied erzähl um mehr als ein Drittel erhöhen konnte. Bei der V o r st a n d s w a h l werden die Herren Dr. Gothein, Rechtsanwalt Dr. B a e r w a l d und Justizrat Dr. G e h r k e (Frankfurt a. M.)> Dr. S'üdekum (Berlin) und Mdg. S. Marburg

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