Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 2× ep/1047930
- Hebron 1× ep/1047559
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oder aber einer durch äußeren Druck und gemeinsaure Gefahr erzeugten losen Einheit betrachten? Haben die kleinen und großen Parteien, die sich hier unter einem Dach mühsam znsammengefunden haben, seit der Vollendung des Werkes daran gedacht, daß es jetzt eine Lebensnotwendigkeit des deutschen Judentums ist, eine innere Harmonie zu schaffen und den vernichtenden Kampf gegeneinander endlich und endgültig anfzngeben? Die geistigen und religiösen Gegensätze sollen nicht verschwinden, sie schaffen Leben, erzeugen dauernde Erneuerung, regen fortschreitende Entwicklung an, aber der fanatische Haß muß aushvrcn, nicht „um des lieben Friedens willen", sondern aus reiner Liebe zum jüdischen Gesamtgeist lind zur jüdischen Lebcnsansicht. Die Eiferer in allen Lagern möchten wir an das tiefe Wort Ralph Waldo Emersons erinnern: „Ter Unduldsame auf religiösem Gebiet merkt nicht, daß er das Himinelstor sich selbst verschließt, indem er versucht, andere auszuschließen." Wir dürfen uns nicht täuschen: die allgemeine Zeitrichtnng ist religiös destruktiv. Hier ist der gemeinsame starke Feind. Nlir eine kraftvolle Betonung der zeitlosen religiösen Werte des Judentums, ein harmonisches Jncinandcrwirken der religiösen Parteien kann den Bestand unserer Gemeinschaft sichern. Ter Rahmen, den vorläufig die Gesamtorganisation darstellt, soll ein Bild des ewigen jüdischen Geistes aufnehmen. Nur so wird das deutsche Judentum ein wertvolles Glied in -der jüdischen Gesamtheit und ein uor.veildiger Faktor in der Kulturentwicklung der Mensckp heit werden. Der xn. Lionittenkonsretz in Karlsbad. (Von nufer ent Korrespondenten.) (M. Karlsb a i>, 15. September. 4. Palästina-Kolonisation. ach Abschluß der Generaldebatte wurde die Hauptarbeit den .L / 4,für jede einzelne Materie gebildeten Kommissionen übertragen. Das Plenum des Kongresses, hörte die Referate und knüpfte daran eine Debatte. Zn den letzten Kongreßtagen wurden die Berichte der Kommissionen kurz erörtert und über sie abgestimmt. Zur Palästinafrage hielt das erste Referat Dr. R u p p i n. Aus seinen Ausführungen geht hervor, daß in ^Palästina jetzt etwa 90 000 Juden unter 700 000 Arabern leben. 15 000 Juden sind in den landwirtschaftlichen Kolonien, etwa 3000 bei den öffentlichen Arbeiten der Regierung und den zionistischen Gesellschaften beschäftigt; die übrigen wohnen in den sechs Städten Jerusalem (das die größere Hälfte der städtischen Juden aufweist, nämlich 35 000 bis 40 000), ferner in Jaffa, Haifa, Liberias, Hebron und Sased. Die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung ist keineswegs stabil. Die landwirtschaftlichen Kolonien im Süden leiden unter häufigen Absatzkrisen, die Ackerbaukolonien im Norden unter ungenügenden Erträgen; die Juden in den Städten haben nur zum Teil als Kausleute, Handwerker und Beamte eine halbwegs auskömmliche Existenz, die übrigen sind auf Unterstützungen ganz oder teilweise angewiesen. Das letzte Jahr war für die Palästinaarbeit ganz besonders schwer infolge des sehr fühlbaren Mangels an Geldmitteln. Immerhin hat die Kolonisation in den letzten Jahren zwei große Kreditposten aufzuweisen, nämlich die Einwanderung von mehreren tausend Ehaluzim und den Erwerb großer Bodenslächen in Stadt und Land. Es wurden etwa 80 000 Dunam erstklassigen landwirtschaftlichen Bodens teils vom Jüdischen Nationalfonds, teils von der Palestine Land Development Eonrpanh angekauft. Weiter wurden eine Agrarbank gegründet und die Verhandlungen wegen des großen Bewässerungsprojektes des Ingenieurs Rothenberg dem Abschluß nahegebracht. Die größte Schwierigkeit bildet die landwirtschaftliche Kolonisation, in welcher die Entwicklung nicht über die Vorkriegszeit hlnausgekommen ist. Es gibt noch keine landwirtschaftliche Betriebsform in Palästina, welche ohne Heranziehung fremder Arbeitskräfte ein gewisses Existenzminimum verbürgt. Dr. Nuppin verbreitete sich über die neuen Pläne für die Ausgestaltung der Kolonisation, über die Förderung des Bauwesens, die Ausgestaltung der Achusoth, die Förderung des wirtschaftlichen Jusormatiouslvesens zum Zwecke der Heranziehung von Privaten, Errichtung von Werkstättenhäusern, das Verkehrswesen und vor allem hie Beschaffung billigen Kredits in verschiedensten Formen. lieber den Nationalfonds berichtete Professor W a r b it r g. Der Nationalfvnds besitzt zurzeit ein Vermögen von ungefähr einer halben Million englischer Pfund, von denen drei Fünftel in Palästina investiert, zwei Fünftel in bar vorhanden sind. Er stellt einen der stärksten Finanzposten der zionistischen Organisation dar. Der Referent behandelte dann die Frage der Propaganda und der weiteren praktischen Tätigkeit des. Nationalfonds, das mit dem Keren Hajessod getroffene Abkommen, laut welchem von diesem 20 Prozent an den Nationalsonds abzusühren sistd, und auch die Frage des künftigen Sitzes des Hauptbnreaus, für welchen rtx trotz des Widerspruches der Exekutive Palästina vorschlug. Dr. Svskin, der nächste Referent, erörterte die Fr^ge der iuteusiven landwirtschaftlichen Kolonisation durch Ausnutzung der Wasserkräfte, sowie der Wärme- und Lichtguellen. Bei Anwendung der von ihm empfohlenen Methoden glaubt er, mit einem Betrage von 300 Pfund pro Familie auskommen zu können, während bisher nicht weniger als 1000 Pfund berechnet wurden. Das letzte Referat zur Pälüstiuasrage, nämlich über die Einwanderung, wurde von Dr. Eder gehalten, der die bisherige Praxis der Einwanderung ausführlich schilderte und zu dem Ergebnis gelangte, daß bei vorsichtigster Schätzung Palästina im nächsten Jahre etwa 15 000 neue arbeitende. Einwanderer, für welche die zionistische Organisation unter den jetzt bestehenden Verordnungen die Verantwortung übernehmen kann, ausnehmen dürfte. Damit ist natürlich nicht die Gesamtzahl der voraussichtlich Einwanderndeu festgestellt. Aus den lLachverstäudigeu'-Aellßeruugen, die sich an die genannten Referate knüpftetr, sind besonders «die Ausführungen von Davis T r i-e s ch hervorzuheben, der sein bekanntes Garteustadtprojett vertrat, das noch seiner Meinung besser als jede andere Form der landwirtschaftlichen Kolonisation der jüdischen Eigenart angepaßt erscheint. Die Diskussion, welche sehr eingehend sämtliche von den. Referenten aufgeworfene Probleme behandelte, \mx besonders durch die Aeußerungen der Delegierten -aus Palästina interessant. Es ist klar, daß ihnen schon deshalb eine Bedeutung zuzumessen ist, weil es nicht genügen kann, theoretische Pläne z.u entwerfen, ohne die Eigenart der Landesverhältnisfe zu kennen. Auf Grund der Vorschläge der Kommission wurde beschlossen, daß außer den für den Jüdischen Nationalfonds bestimmten 20 Prozent weitere 30 Prozent von .den Eingängen des Keren Hajessodfür Zwecke der laudtoirtschastlichen Kolonisation verwendet werden sollen. Die imt erworbenen Bodenslächen sollen sofort in Kuiltu.r.genommen werden, und zwar als definitive Siedlungen, soweit sie nicht als Lehrfarmen oder Versuchsstationen verwendet werden. Es soll mit allen Mitteln eine höchstmögliche Intensivierung der Landwirtschaft angestrebt werden. Durch Sachverständige, vorzugsweise aus Ländern, deren klimatische und soustige Bedingungen denen Palästinas ähnlich sind, soll das Kolonisationswerk in Palästina studiert werden. Zur Förderung der städtischen Kolonisation soll die Privatinitiative in weitestem Umfange herangezogen werden. Die Schaffung einer Handels- und Jndustriebank und des Kredits irr verschiedensten Formen, sowie die Errichtung einer Auskunftsstelle bei der zionistischen Kommission in Palästinasollen gefördert werden; -ebenso soll eine Reform des Zolltarifes angestrebt werden. Zur Leitung des Si-edlungswerkes ist ein Kolonifationsamt einzusetzen unter einem Vorsitzenden, der Mitglied der Exekutive der zionistischen Organisation sein -muß. Aus Grund der Vorschläge der Vereinigung der jüdischen Ingenieure wurde weiter die Einrichtung eines technischen Zentralamtes beschlossen; dann soll eine spezielle Institution errichtet werdet!, um die Errichtung u>nd Inbetriebsetzung des Technikums in Haifa durchzuführen. Hinsichtlich der Regulierung der Palästinawanderung wurde eine Reihe von wichtigen Leitsätzen ausgestellt. Die zwischen den Vertretern der Arbeiterpartei -und einigen bisherigen Leitern der Palästinaämter strittige Frage, ob die Leitung einer einzigen verantwortlichen Person oder einer aus Vertretern der verschiedenen Richtungen zusammengesetzten Körperschaft übertragen werden soll, wurde im letzten Sinne' entschieden. Ferner soll danach gestrebt' werden das ganze Transportwesen nickst mehr privaten Unternehmern zu