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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-30 · Heft 20 (30.9.1921) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 20 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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H5. Jahrgang. Nr. 20 Allgemeine Berlin, 30. September 1921 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlaq: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. » JTnhstft ♦ Harmonie. Von Rabbiner Tr. Löwe n st a 111 m (Svandan). .— Der YII. Zionistenkongresz in Karlsbad. sFvrts.) (Von unserem K o r r e s p v n d e n t e n.) — Woche n s ch a u. — Zur Tante-Gedenkfeier. Von I. E. — Ein Gedenkblatt (mit Bild). Von —g—. I Israelitische Kleinkunst. Von S. Rvtschild (Worms). — Neuere -Lenel-Forschung Von Tr. S. Aschner (Berlin). — Feuilleton: Posaunenklang. Gedicht von S. K a i] (Gelsenkirchen). — Der Fall Berjack. Don L b d i a Aue r b a ch. s3. Forts.) — Literarische M i t t e i l u n g e n< Der Gemeindevote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Hamburg, Nordbausen, Mainz. Wien. — V o n A' a h und Fern_ hgrmonir. j n c u I a h r s g e d a n k e n. Von!Kn6'l>iucv Tr. V ü w r u st n m m (Tpandou). aß das Leben ein ethisches Kunstwerk sei. für dessen Schöpfung wir die Gesamtheit unserer Kräfte einznsetzen haben, ist ein Gedanke, in dem sich alle ideal gerich- . toten Menschen znfammenf-inden. Mit dieser Auffassung ist notwendig die Forderung verknüpft, daß das wesentliche Merkmal des Daseins die Harmonie sein inüsse, da ein Kunstwerk ohne Harmonie undenkbar ist. Freilich bewegen wir uns in unserem Fühlen und Wollen und ans den kleinen und großen Schauplätzen unseres Wirkens in Gegensätzen, die oft so grell erscheinen, daß wir an einer gerechten Weltordnung glauben zweifeln zu müssen. Wie in der Natur das Gesetz der Polarität herrscht, das sich in Ursache und Wirkung, Druck und Gegendruck, Anziehungs- und Abstoßungskrast offenbart, so vollzieht sich der Kreislauf des individuellen und sozialen Lebens in weitgreifenden Dissonanzen, die um so schriller klingen, je weiter man sich von ihrer Ausgleichung und Harmonisierung entfernt. Denn Harmonie ist nicht etwas, das in den Dingen liegt, sondern drückt eine Wertung der Welt durch unseren Geist aus. Wir sind es, die Harmonie in das All und das Leben hineintragen, weil ohne den Glauben an sie unsere sittliche Existenz in Frage gestellt ist. Harmonie ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern ein Wert, ja ein im tiefsten Sinne ethischer und religiöser Wert. Ihr entgegengesetzter Pol ist sittliche Anarchie, Auflösung alles Bindenden, Zerfall der Teile, die, in einheitlicher Verknüpfung eine starke Macht, jetzt zur Kraftlosigkeit und zum Untergang verurteilt sind. Nur in der Religion lösen sich alle Disharmonien gänzlich auf, ein Gedanke, der vielleicht einen mystischen Untergrund hat, aber die lebensnotwendige Basis unseres gesamten Seins bietet. Das Judentum hat dieser Auffassung mit starkem Beivnßtsein Rechnung getragen, indem es den Gedanken der Harmonie zu dem alles überragenden Leitmotiv des Jahresanfangs gemacht hat. Der ganze tiefreligiöse Gehalt des Neujahrsfestes, des Versöhnungstages und der dazwischenliegenden „Tage der Rückkehr" erschöpft sich in der Erneuerung der Lebensharmonie, die sich ausprägen soll in der Herbeiführung der Einheit mit uns selbst, mit den Menschen, mit Gott. Der unendliche Geist, als vollkommenste Einheit, ist das Urbild aller Harmonie, die Harmonie selbst. In. Gott gibt es keine Gegensätze und Konflikte. Sein Name ist nach einem tiefsinnigen Wort unserer Weisen „Schalom", d. h. unendliche Harmonie. Er stiftet Harmonie in seinen Höhen, im großen All, er möge Harmonie schaffen im Mikrokosmos, in der kleinen Welt der Menschenkinder: so klingt das tägliche Gebet des Juden-ans auf den Höhepunkten seiner Andacht. Und des Psalmensängers inniger Wunsch gestaltet sich zu der Bitte: „Mache mein Herz und Gemüt einheitlich", so s daß alle Strebungen und Begierden und Gefühle in wundersamem Einklang zusammenstimmen. So ist es unsere Aufgabe, mit unserer ganzen Kraft die Einheit des inneren und äußeren Lebens zu schaffen und zu vollenden, ein Abbild der göttlichen Harmonie zu werden. Diese seelische Konsonanz geht uns in dem Getriebe der Tatsachen und in den Verklammerungen des Daseins verloren, aber wir können ohne sie nicht dauernd leben, weil der Mensch das ihm einwohnende Verlangen nach Einheit verwirklichen und eine Ganzheit sein will und muß. Darum tritt der große Versöhnungsgedanke mit seiner Allgewalt an uns heran, und Versöhnung ist Harmonie, ist Herstellung des Gleichgewichts der sinnlichen und sittlichen Welt in der Persönlichkeit. Diese Auflösung aller Dissonanzen ist Tffchuba, d. h. Rückkehr zum natürlichen sittlichen Zustand, zu Gott, denr Urquell aller Einheit und Harmonie. So können wir ein neues Lebensstadium beginnen und vollziehen eine geistige und moralische Wiedergeburt, die uns ermöglicht, den Kampf des Daseins wieder aufzunehmen, der freilich um so gefahrvoller wird, je weiter wir uns von der errungenen Harmonie entfernen. Er vernichtet unsere sittliche Existenz, wenn wir die Dissonanzen nicht mehr auszugleichen vermögen. Während aber der einzelne untergehen kann, muß die Gemeinschaft leben. Auch bei ihr, und bei ihr ganz besonders, ist die notwendigste Lebensbedingung die Harmonie. Einheit ist hier nicht genug. Auch der rohe, ungefüge Stein bildet eine Einheit; zahllose Atome haben sich in ihm durch das Naturgesetz der Kohäsion verbunden, aber eine Harmonie nehmen wir an ihm nicht wahr. Gesamtheiten, die nur eine Einheit bilden, zusammengehalten durch die äußere Nötigung der Umstände, müssen auseinandersallen, wenn der Zwang aufhört. Folgt aber der Zusammenschluß einem Gesetz innerer Notwendigkeit, beruht die Einheit auf dem ethischen Drange, höhere Menschheitswerte zu schaffen, dann entsteht Einheitlichkeit, reiche, lebendige Gliederung, Harmonie. Jede Gruppe und jeder Kreis reiht sich in das wunderbare I Gefüge ein mit sittlicher Freiheit und Freiwilligkeit, mit echter Begeisterung, unter freudiger Aufopferung früherer partiknlaristischer Tendenzen. Sollen wir die Gesamtorganisation, die die deutsche Juden- .heit im abgelaufenen Jahre als ihr größtes Werk geschaffen hat, unter dem Gesichtspunkt Harmonischer Einheitlichkeit

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