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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-16 · Heft 19 (16.9.1921) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 19 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
Seite 3 (sequence 13)
Language
German
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3 sationen des Judentums tonangebend gewirkt und nicht minder an allen Fragen des öffentlichen Wohles in unserer Stadt und im Reiche in maßgebender Weise teilgenommen. In religiöser Hinsicht liberal denkend, war er bestrebt, allen religiösen Richtungen in der Gemeinde gerecht Zu werden. Seiner Initiative und seinen Bemühungen ist u. a. die Aufhebung des Schächtverbotes in Sachsen Zu verdanken. Er war eine ganze Persönlichkeit, die auch mit Herz und Hand Wohltätigkeit übte und unterstützte. Sein früher Tod ist ein kaum Zu ersetzender Verlust für unsere Gemeinde und das gesamte deutsche Judentum. Unsere Gemeinde veranstaltete zu Ehren des Heimgegangenen am 30. August eine Trauerfeier in der Synagoge, an welcher, außer den Gemeindemitgliedern, auch die Spitzen der Behörden, die Vertreter der Nachbargemeinden, der Industrie und aller kreise aus der Stadt teilnahmen. Das Gotteshaus vermochte nicht die große Trauerversammlung Zu fasten. Der Sarg war in der mit Trauerschmuck entsprechend dekorierten Synagoge aufgebahrt. Nach Orgelspiel und Gesang des .Synagogenchors und dem von Herrn Kantor G o l d b e r g ergreifend vorgetragenen „Adaunoj mo odom" hielt Herr Rabbiner Dr. Fuchs eine tief eindrucksvolle Trauerrede. Hieran schloffen sich die Ansprachen des Vertreters.des Gemeindevorstandes, der Vertreter -unserer Nachbargemeinden, der Vereinigungen und Institutionen, denen der Verstorbene in leitender Stelle angehört Hatte. Die Trauerseier schloß mit dem El mole Rachamim des Kantors, Cello- und Orgelspiel. Nach der Trauerfeier ordnete sich ein unabsehbarer Trauerzug, welchem 'die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Firma Bachmann u. Ladewig A.-G. voraufgingen. Die sterblichen Ueberreste des Heimgegangenen wurden nach kurzer Andacht auf unserem Friedhose beigesetzt. N. P. München, 9. September. Der Fremdenstrom, der sich im heurigen Sommer über Bayern ergießt, hat cmdji die Gestade des Stasfelsees stark bevöskert. Zahlreiche Familien aus Norddeutschland haben sich in Murnau und Umgebung niedergelassen, um dort' Erholung zu suchen. Schiedlich und friedlich lebten sie nebeneinander — Christen und Juden! Sie aßen und tranken Zusammen, badeten, ruderten oder promenierten gemeinsam an. den Seeufern. Kein Mißton störte das, idyllische Dasein, bis eines Tages im Kurhaus Staffelsee zu Murnauein Freiherr v. Knobloch, aus Kassel mit Frau Gemahlin abstieg. Am anderen Morgen war bereits das ganze Hotel mit Zetteln judenhetzerischen Inhalts verklebt. Am Abend war ein Seefest geplant, das aber wegen des einsetzenden Regens nicht abgehalten wurde. So saßen die Gäste in einer großen Halle dicht am See. Vom Steg her buchtete plötzlich ein heller Schein. Alles eilte zu den Fenstern. Ein mächtiges Hakenkreuz flammte aus. Dies sollte wohl das Zeichen sein für die wüsten Szenen, die sich nun abspielten. Unter Führung des Herrn v. Knobloch stürmten mehrere Hakenkreuzbrüder gegen die Halle los, wobei sie aus Leibeskräften brüllten: „I n d e n raus! S ch l a g t all e Juden tot!" Frauen weinten, Kinder heulten. Ein Münchener Maler stand auf und ging vor die Türe. Gleich lief v. Knobloch mit seiner Horde hinter ihm her. Als der Maler wieder in der Halle erschien, blutete er heftig. Die Hakenkreuzler aber tanzten wie besessen um die entstandene Blutlache herum und gröhlten: „Br a v o! I u de n.- b l >u t!" Endlich rief eine Stimme: „Was habt ihr denn da gemacht, das ist ja gar kein Jude!" Der Wirt suchte seine Gäste so gut wie möglich zu schützen, war aber gegenüber der tollen Bande schier machtlos. Rohe Beschimpfungen hagelte es nur so. Am nächsten Tage wurde Herr v. Knobloch nebst Gemahlin von dem Wirte an die Luft gesetzt. Die „Gemahlin" ist ein bekanntes Kasseler Dämchen, das sich der deutschvölkische Edeling für die Sommerzeit beigelegt hat. Infolge dieser antisemitischen Heldentaten ist ein Teil der Gäste sofort abgereist. Die weitere Folge wird sein, daß sich die tapferen Helden wegen Beleidigung und Körperverletzung — der blutig geschlagene Maler mußte einige Tage das Bett hüten — vor Gericht zu Vera Moor ten haben werden. Gegen Herrn v. Knob loch ist außerdem Anzeige wegen Falschmeldung erstattet. Nürnberg, int August. Dem soeben erschienen 21. Jahresbericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (E. V.) zu Nürnberg für das Jahr 1920 entnehmen wir folgende Details: Im Vordergründe stand die Tagung des Verbandes jüdischer Krankenpflegerinnen, zu der von Nürnberg Herr Dr. F r e ud ent h a l, Frau H e v m und Frau H o p f delegiert waren. In ernster Beratung wurden trotz aller Sorgen von den zahlreich erschienenen Delegierten eine hundertprozentige Erhöhung des Gehalts, Teuerungszulagen gewährt, die Urlaubs- und Anschaffungsgelder für die noch im Dienste Stehenden erhöht, für die Dienstbeschädigten oder Dienstuntauglichen große Ruhegehalte festgesetzt. Es ist schwer bei den jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen, den drückenden Sorgen um drohende Defizite am Grundsatz der freiwilligen Pflegen sestzuhalten, und die Verwaltung muß dabei stets auf die Einsicht derer bauen, die sie in Anspruch nehmen. — Der Verein ist mit fünfzehn Schwestern in das Jahr 1920 getreten, von denen drei im Laufe des Berichtsjahres ausschieden. Im April traten nach vollendeter Lehrzeit und gut bestandenem Examen zwei neue Schwestern ein, und Ende des Jahres nahm die Verwaltung noch eine dritte neue Schwester auf, die nicht in Breslau, sondern im orthodoxen Krankenhaus in Frankfurt ausgebildet und staatlich geprüft ist. Die Arbeit war für alle Schwestern auch in diesem Jahr eine reichliche, aber freudig geleistete; alle waren aufopfernd und hilfsbereit, wenn es galt, in außergewöhnlichen Fällen auch Außergewöhnliches zu wirken. 1463 Tagpslegen, 1714 Nachtwachen, 982 Voll- Pslegen wurden in 211 Pflegestellen absolviert, 1071 ambulante Krankenbesuche wurden gemacht, sechzehnmal bei Operationen, dreimal bei Narkosen assistiert, in der Armenpflege 220 Besuche abgestattet. Schwester Auguste leitete wieder das Kinderheim in Förth und zwar nicht nur als jüdisches Ferienheim im Sommer, sondern auch für unterernährte, von der Stadt zugewiesene christliche Kinder im Winter in gewohnter Pflichttreue. Dem Berichte zufolge wird der Nachwuchs stark vermißt, denn nur drei Schwestern sind noch zur Ausbildung in Breslau. Eine größere Propaganda ist durch Aufrufe in Bayern bereits eingeleitet, aber bis jetzt war das Werben noch nicht von Erfolg gekrönt. Das Chanukafest wurde in gewohnter Weise am 12. Dezember mit den Schwestern gefeiert; reiche Gaben von Berwaltungsmitgliedern, dankbaren Patienten und Gönnern schufen die Möglichkeit, den Schwestern Ueberraschungen zu bereiten, wie sie in unserer geldarmen Zeit, die das Schenken einengt, doppelt dankbar empfunden werden. Reicher als sonst flössen auf einen Hilferuf hin die Gaben, sie haben das Heim vor drückender Not bewahrt, . imd so konnte haushälterischer Sinn ein gesundes Arbeiten trotz aller Verteuerung ermöglichen. Zum Schluß des Berichtes wird allen Spendern, Freunden und Gönnern des Vereins und seiner Bestrebungen der Dank der VorschndsMft und des Ausschusses ausgesprochen. Die Kassenabrechnung für das Jahr 1920 schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 195 833,22 Mark. Das Gesamtvermögen des Vereins beträgt 698 726,90 Mark. er. Kassel, 9. September. Die G k ü n düng ei n e r Ortsgruppe Kassel des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten fand in den Räumen der Sinailoge statt. Die Ortsgruppe bezweckt ebenso wie die übrigen Zweigstellen des, Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Deutschlands den Zusammenschluß der jüdischen Frontsoldaten Deutschlands zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen, insbesondere die Wahrung der Ehre der ehemaligen jüdischen Krieger im deutschen Heer. Die Versammlung erfreute sich starker Beteiligung aus allen Kreisen der Gemeinde. Nach einer Begrüßungsansprache von Herrn Regierungsrat Dr. Stern hielt Herr Engelbert eine Ansprache. Nach einer lebhaften Aussprach? wurde unter großer Begeisterung die Gründung 'der Ortsgruppe beschlossen, die mit etwa 100 Mitgliedern ins Leben-treten wird. L. Wiesbaden, 9. September. Einer der besten, edelsten und hilfsreichsten Männer aus unserer altisraelitischen Kultusgemeinde ist im kräftigsten Manuesalter von 47 Jahren dahingerasst worden. Herr Hugo Wolfs, Sohn des bekannten Wiesbadener Stadtrats Benjamin Wolfs, des Begründers der vorgenannten Jüdischen Gemeinde, wurde mitten in seiner Geschäftstätigkeit vom Tode ereilt. Der Dahingeschiedeue war Vorstand des Israelitischen Unterstützungs- Vereins sowie des Vereins zur Errichtung eines israelitischen Krankenhauses und Schwesternheims und anderer hiesiger Wohltätigkeitsinstitute. An der Bahre sprachen Rabbiner Dr. K a h n, Dr. Land sberg für die Loge, Max Heß für den Iluterstützungsverein und Negierungsbaumeister H e ß für das Krankenhaus. Der Heimgegangene hat auch aus eigenen Mitteln viel Werke der Liebe geübt. Herr Wolfs hinterläßt eine Witwe und einen jungen Sohn, die Gott trösten möge. — Karlsruhe, 9. September. Die Versuche der Antisemiten, durch ihre Wühlereien einen Keil in die deutsche Arbeiterschaft zu treiben, um sie durch ein soziales Scheinprogramm vom Klassenkämps zum Rassenkampf abzulenken, findet jetzt auch die Aufmerksamkeit der

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