Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 2 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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2 -- daß eine ununterbrochene Reise vom Heimntsland aus vorliegt. Zn bemerken ist noch, daß in ganz besonderen Fällen eine Einreisebewilligung von bol. I. Obed Smith. Superintendent of Emigration fvr Canada, 1 Regent Street,' London, erteilt werden kann. E. M. Berlin, 13. Scpteinber. T e r R e i ch s b u n d jüdische r Frontsoldaten, der etwa 15 000 ehemalige jüdische Soldaten des deutschen Heeres umfaßt, die ihre Dienstleistung in der Front- Zone eilnvandfrei nachgewiesen haben, hat seine Wirksamkeit in verstärktem Maße auf das erzieherische Gebiet ausgedehnt. Insbesondere gilt sein Kamps jetzt den üblen Auswüchsen des Luxus, der sich immer noch in weiten Kreisen des deutschen Volkes breitmacht. In Verfolg dieses Zieles erläßt der Reichst) und jüd i sch e r F r o n ts o l da te n folgenden beherzigenswerten Aufruf: „Das Elend und die Trauer, die der Krieg in Tausende und aber Tausende gesenkt hat, die Entbehrungen und Krankheiten, die aus eingefallenen Wangen und schwächlichen Leibern schmerzliche Sprache reden, dies alles ist leider an zu vielen Deutschen eindruckslos vorübergegangen. Schrankenloser Aufwand und Putz machen sich breit. Frauen behängen sich mit glitzernden Geschmeiden, wo Tausende von Müttern um ihre im Kriege gefallenen Söhne weinen. Vermögen werden für Schmausereien und Ueppigkeiten verschleudert, wo Tausende von- Kindern dahinsiechen in bitterster Not. An diesem schmählichen Tun sind auch Juden beteiligt. Während die erdrückende Mehrzahl von uns deutschen Juden die harte Zeit voll Schmerz über das Unglück des Vaterlandes in Einfachheit und Bescheidenheit durchlebt, versündigen sich jene gegen der Stunde ernstes Gebot und belasten so die deutsche Jndenheit mit 'ihrer Schuld. Diesem schändlichen Treiben und der Gefahr, die es birgt, zu steuern, haben wir j ii d i s ch e n F r v n t s o l d a te n, die wir mit unserem Leben nicht nur das Vaterland, sondern auch die Ehre des Judentums beschirmt haben, ein besonderes Rechts Wir werden diese Ehre nicht von einigen Gewissenlosen besudeln lassen. Ihr aber, die ihr mit uns fühlt, kämpft m i t u n s! Jeder wirke ernstlich in seinem Bereiche, daß kein deutscher Jude seinem deutschen Vaterlande und seinem Judentum Unehre mache zur hämischen Freude des boshaften Gegners. Ruft jenen zu: Hinaus aus den Gaststätten der Völlerei! Fort aus dem Taumel wahnwitziger Vergnügungen! Herunter mit dun eitlen Tand! Zurück zur Einsachh eit und zu m Lebensernst! Reichsbund jüdischer Frontsoldaten." El. W. Berlin, 13. September. Fünf Zöglinge vom Reichenhieimsehen Waisenhause, die zur Erholung im Jüdischen Kurhospital in Kobbe'rg weilten, unternahmen eine Fahrt in einem kleinen Ruderboote, das auf offener See konterte, und alle Insassen fielen ins Wasser. Ein Lotsenkntter rettete sie. Einer der Geretteten, der fünfzehnjährige Heinz Raves von hier, welcher, von Unwohlsein befallen, sich über das Fahrzeug lehnte, verlor das Gleichgewicht, stürzte in die Wellen hinab und erlitt hier seinen Tod. Nach einigen Tagen wurde die Leiche gefunden nnb hierher übergeführt. Am Sonntag, 4. d. M., fand die Beerdigung von der Neuen Halle, Wei.ßensee, aus statt. Außer den trauernden Hinterbliebenen, dem Direktor, Erzieher und mehreren Zöglingen vom Reichenheimschen und Auerbachschen Waisenhause nahmen an der Beerdigungsseier viele Verwandte und Bekannte des Verunglückten teil. Herr Gemeinderabbiner Dr. Blumenthal hielt die Leichenrede, welche einen tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung machte. Mit bewegten Worten unternahm es der Geistliche, die niedergebeugte Mutter, Witwe Frau Erna Raves, geborene Grabowski, zu trösten, die durch den jähen Tod die einzige Stütze für ihre Zukunft verlor. & # Berlin, 13. September. Das Jüdische Künstlert h e a t e r hat am 1. September seine Spielzeit im ehemaligen Herrnfeld-Theater in der Kommandantenstraße eröffnet. Unter der Direktion Galeen-Gottowt hat sich ein Künstlerkreis zusammengefunden, dessen Niveau Beachtung verlangen darf und finden wird. Die Fülle der Eindrücke war anfänglich verwirrend, sie zogen bald den Hörer in ihre fremde Welt. Zur Aufführung gelangte Perez Hirschb e i n s „Verlassene Schenke", eine Stilmischung von Modernem und Altem, auch die Handlung ist nicht immer aus gleicher Höhe. Ein Dorfjude verheiratet seine Tochter mit einem jungen Mann, den er für sie gewählt hat. Dem Vetter der Braut gelingt es, die Braut, die er liebt und von der er geliebt wird, während des Tanzes am Hochzeitstage unbemerkt in einen Wald zu entführen, wo ein Kamps starker Leidenschaften anhebt und alle starken urwüchsigen Gefühle zweier Unglücklichen zum Ausdruck kommen.. Dazwischen geisterts in der verlassenen Schenke. Die Mystik spielt in den Realismus hinein. — Die Darstellung des. Stückes war sehr interessant. In Sonja A l o m i s, den Herren A s r o und Z e l a s o und S ch n e y u r stellten sich -dem Berliner Publikum Kräfte vor, die starke Gestaltungskraft besitzen und auch Kunstverständige in ihrem Banne zu halten verstehen. Das Publikum spendete den Darstellern reichen Beifall. r. BveSlarr, 9. September. Zu einer würdigen und erhebenden Feier vereinigten sich jüngst die Chefs und Angestellten der Firma Rudolf P e t e r s d o r f f. Es galt, das Gedächtnis derjenigen Angestellten des hiesigen und Königsberger Hauses zu ehren, die im Weltkriege ihr Leben gelassen haben. In dem mit frischem Grün geschmückten großen Verkaufsräume war eine mit den Namen der gesottenen Helden versehene Gedenktafel aufgestellt, deren Enthüllung und Uebergabe erfolgte. Sotckohl die Chefs der Firma Petersdorff als auch der Obmann des Betriebsrates gedachten in ihren Ansprachen des stillen Heldentums der Kämpfer. Die Tafel solle die Lebenden stets an das Pflichtgefühl und an die Treue der gefallenen Mitarbeiter erinnern, die ihr Höchstes, das Leben, dahingegeben haben. Sie sollen ihnen einen Ansporn bieten, in ihrer Weise mitzuarbeiten, das daniederliegende Vaterland wieder hochzubringen. Chor- und Sologesänge, letztere von Herrn Kantor Wartenberger in zu Herzen gehender Weise vorgetragen, umrahmten die schlichte, aber eindrucksvolle Feier, die mit den erhebenden und hoffnungsfreudigen Klängen des Psalmes „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" ihren Schluß fand. er. Bad Altheide i. Schl., 9. September. Die Versuche, den Antisemitismus auch in unser Bad zu tragen, haben bei der Badeverwaltung eine entschiedene Ablehnung erfahren, die durch folgenden Aushang Ausdruck findet: „In letzter Zeit wird eine antisemitische Agitation besonders durch Ankleben von Zetteln antisemitischen Inhalts in unserem Badeort ausgeübt, gegen die wir hiermit energisch auftreten. Für die Ermittlung von Personen, die Wände mit Inschriften beschmieren und Zettel ankleben, zahlen wir eine Belohnung in Höhe von 300 Mark. Unser Badeort ist eine Erholungsstätte für jedermann, gleichgültig, welcher Konfession er angehört. Badeverwaltung Altheide, gez. Berlitt. Obigen Ausführungen schließt sich an Aerzteverein. gez. Sanitätsrat Dr. Baute." Es war Zeit, der antisemitischen Hetze in unserem idyllischen Heilbad ein Ende zu machen. Wir freuen uns, daß das in so unzweideutiger Weise geschehen ist. L. Halberstadt, 9. September. Unter Beteiligung der ganzen Gemeinde, sämtlicher Rabbiner, Vorstände der Vereine, Behörden usw. feierte hier Herr Fabrikbesitzer Aron H i l d e s h e i m e r am Sabbat Nachhu seinen 70. Geburtstag. Als Sohn des berühmten Rabbiners Dr. Israel Hildesheimer, des Begründers des Berliner Rabbinerseminars, wandelte er während seines ganzen seitherigen Lebens den schmalen Pfad der Tugend, Pflicht und Frömmigkeit, und dem entspricht auch das Ansehen, dessen er sich in den weitesten Kreisen erfreut. Am Sonntag nach der Feier fand die feierliche Einweihung einer vom Jubilar gestifteten neuen Sefer Thora statt, wobei viele Reden und geistvolle Thoraworte gehört wurden. Herr Hildesheimer war lange Jahre hindurch Vorsitzender und ist jetzt Ehrenvorsitzender der Halberstädter Chewra Kaddischa. Von nah und fern waren Gäste zu der schönen Feier erschienen, u. a. bemerkten wir dessen Bruder, Herrn Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer (Berlin), Frau Dr. Hirsch Hildesheimer (Berlin). Herr Aron Hirsch (Berlin), Generaldirektor der Hirsch-Kupferwerke, stiftete dem Geburtstagskinde zu Ehren für das Halberstädter Alterversorgungsheim „N'we Menucha" eine Gabe von 3000 Mark, vermittels welcher Herr Hildesheimer zum dauernden Mstgliede des Vereins ernannt wurde. Gebe der Allgütige dem überaus rüstigen, geistig und körperlich ganz auf der Höhe stehenden Mann noch eine lange Reihe von Jahren ungetrübten Glückes im Kreise seiner Kinder und Enkel! 8. S. Chemnitz, 9. September. Unsere Gemeinde ist in tiefste Trauer versetzt worden. Am 27. v. M. verschied plötzlich infolge eines schweren Unfalles der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Kommerzienrat Louis Ladewig! Siebzehn Jahre hindurch, feit 1904, nachdem er schon vorher dem Gemeindeverordnetenkollegium angehört hatte, stand er an der Spitze unserer Gemeinde, für deren Wohl und Gedeihen er allezeit seine glänzenden Geistesgaben, seine nie ermüdende Arbeitskraft eingesetzt hat. Auch über den Kreis unserer Gemeinde hinaus hat er in vielen Institutionen und Organi-