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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-16 · Heft 19 (16.9.1921) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 19 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
Seite 223 (sequence 9)
Language
German
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223 Nach kurzer Zeit war der Schankbetrieb wieder hergestellt. Durch Hin- und Herreden, Rechthaberei, Wichtigtuerei herrschte ein Lärm, der nur durchdie Aufregung des Tages erklärlich war. „Blech!" schrie einer, „ich kenne die Juden wie meine Tasche, und der Tempelmensch, Jotte doch, das Männchen. Wenn der 'n Menschen totfchlägt, tu ich's auch, was Kantinus?" So hieß der Wirt. „Ach was, laßt mich zufrieden," antwortete dieser, „ich will mit der Sache nichts zu tun haben." „Nanu? Man nich so grob. Du schneid'st doch am besten ab, wenn's Krawall gibt. Schenk ein." „Tötgeschlagen hat er 'ii ja auch nich," meinte ein anderer, „und zu so 'nein Halsschnitt, da braucht's nich Kraft und Schläue." — „So ’n Pech, daß ich nich bei war," rief ein anderer, „hätt's Zeugengeld gut brauchen -gekonnt." „Wie nimmt's denn der alte Berj-ack?" kam eine Frage. „Hab'n vorhin gesprochen, war oben bei ihm, der hatte sich sein gemacht, 'n Sonntagsrock angezogen und wollte mit her, sich kvndolenzen lassen. Aber die Frau hat's nich jelitten, der geht's wirklich nah." — „Soll doch froh sein, hat se 'n Maul weniger, sind doch nochviere." — „'s war der Aelteste, und 'n guter Junge." — „Js wahr, der war hinter'm Batzen her." -Da kam Bachkes; er warf Geld aus den Schanktisch-: „Eine Rote! eine Ganze!"—„Der hat's dicke," rief einer, „könnte mir auch ein Gläschen abgeben." — „Sollst du haben, Mann." „Jh, du bist ja der Soldat, der . . . du bist ja 'ne Haupt- und Staatsperson." — „Bin ich. Stoß an! Auf gut Glück!" „Kriegst wohl 'n tüchtigen Batzen Belohnung?" „Könntest noch mehr verdienen", trat ein anderer dicht an ihn heran. „Bon den Juden, meinst du?" warf der Traktierte lauernd hin. „Mein' ich." Bachkes stellte sich dumm: „die werden mich gerade belohnen, weil ich ihre Schandtaten aufdecke." „Darfst dich nich lumpen lassen, dann helfen wir dir." „Wie denn?" „Hast uns erzählt, daß dir was einjesall'n is, hast 'n Mann jeseh'n, der rasch weglief, als du kamst, der hatte ’n scheuen Blick und Blut am Stiefel, hatt'st 's janz verjessen, kam dir jetzt erst wieder in den Sinn." „Na, ihr seid 'ne nette Bande," lachte Bachkes, „laßt man solche Quatschereien lieber sein. Meine Meinung ist: die Juden haben Lstern, und da brauchen sie so was, und gesehen Hab' ich das, was sie brauchen, und da kann ich nicht von abgeh'n." „Na, wir haben ja auch man jeülkt," sagte der eine ängstlich. Ein alter Jude trat ein und reichte dem Wirt einen Krug. „Füllen Se mer ein, Herr Wirt, das Maß für den Herrn Löwh, wie gewöhnlich." „Na, Mauschel,.immer noch auf den Beinen?" klopfte ein Arbeiter ihm auf die Schulter. „Hab's immer noch nötig." Der Mann, welcher Bachkes das erwähnte Anerbieten gemacht hatte und immer noch furchtsam zu ihm hinblickte, mischte sich ein. „Die Soldaten verstehen's doch besser als unsereiner, das Leutekennen. Wenn man den Alten da so ansieht, wie der dasteht, und der Blick von ihm, so heimlich, man sieht ja orntlich, wie der Haß gegen die Rechtgläubigen da rausspricht." „Und wie der, so sind sie alle", sagte Bachkes. „Js wahr," gab der andere zurück, „am liebsten würden sie uns alle morden. Wer die Schandtaten von denen vausbringt, der macht sich verdient, aber nicht schlecht. Wenn wir auch mal gern 'n Spaß machen, jetzt meinen wir's ernst. Komm mal her, Mauschel." „Laßt 'n in Frieden", sagte der Arbeiter. „Bist de solch Freund von die Juden?" lachte der andere. „Kantinus, den Maurer hier mußt de doppelt ankreiden, der kriegt von dem Gettopack Schutzgeld." „Ihr sollt mich zufrieden lassen," knurrte der Wirt. Der Alte hatte sich unbemerkt entfernt. Zwei schon halb Trunkene gingen an die Tür, um zu sehen, ob sie ihn noch erblicken könnten. Ein junger Jude, im Begriff, vorüberzuhuschen, fiel ihnen in die Hände. „Renn' nich so, Jtzig," zerrten sie ihn hinein. „Willst de kuschen!" „Lassen Se mich, meine Herr'n, scheenste, beste Herr'n, Hab' ich doch nichts Böses getan," jammerte der Feigling. „Außer 'n bißchen ritaljemordet," lachte der, der ihn am Kragen hielt. „Laßt 'n laufen, er -bibbert ja," rief einer mitleidig. „Du, Jtzig, wie tief muß man 's Messer reinstechen?" versetzte ein andever johlend. „Lassen Se mich los, meine Herr'n, sei'n Se gnädig, und lassen Se mich los!" Die meisten lachten. Da wurde die Tür aufgerissen, festen Schrittes trat Benjamin auf den jungen Juden, zu, rief: „Schande, Max!", riß ihn -am Arm zurück, schlug mit der Faust auf die Hand, welche -den Kragen hielt, gab dem Burschen einen Stoß, daß er zur Tür mehr flog als lief, und ging Max nach. „Kanaille!" rief der Halbtrunkene und holte mit seinem Stock zum Schlage aus, noch ehe der Knabe auf der Straße war. Der wandte sich um, schlug mit der Faust auf den Oberarm des Angreifers, so, daß dieser den Stock mit einem Wehrus fallenließ, und -eilte hinaus. „Sv 'ne Krabbe", und „Frechdachs", sagten einige wohlgefällig. Der Getroffene und sein Freund tobten. Polizisten traten ein und erklärten das Lokal übermäßigen Lärms wegen für den Rest des Abends für geschlossen. In der Männerversammlung der Juden im Vorraume der Synagoge, z-u der auch Engländer, sofern sie Israeliten waren, Zutritt -erhielten-, sprach der Rabbiner Rabbi Jchuda nach heißem Flehen zum Allmächtigen: „Wir haben gebetet zu dem Gott unserer Väter. Wir stellen ihm -anheim, was er ' beschlossen hat über sein schwergeprüftes Volk, und nichts anderes ist unsere Ausgabe. als die Arbeit an uns selbst. Laßt uns fest und stark bleiben im Glauben, treu und redlich -gegen unsere Nächsten." „Rabbi," fragte ein bekümmert -Aussehender, dessen Stirn tiefe Furchen durchzogen, Ihr wohnt doch -im selben Haus; habt Ihr denn keine Ahnung? Keine Vermutung?" „Hätte ich's nicht schon längst dem Herrn Leutnant Sa-mter -gesagt?" lautete die traurige Antwort,-„er will uns wohl." „Sie sagen, die Spielgenossen haben ihm immer aufgelauert, dem Berj-ack", sprach ein anderer. „Sie werden ihn haben erstochen und werden sein fortgelaufen vor Entsetzen, sie wollten ihm's Geld wegnehmen." „Er hatte ja noch gar kein Geld," entgegnete ein anderer. - „Nu, die Kinder konnten doch haben gedacht, er hat's schon." „Wollte Gott, so w-ar's." ,/K-ann er nicht haben gespielt mit dem Messer und sich haben geschnitten in den Hals?" „Se sind doch ungenau, die Untersucher. Wenn se hätten -mich gefragt, -hält' ich -gesagt, seht euch an alle Messer von alle Leute in de ganze Stadt, ob ihr nicht findet eins, das ausisieht wie das von dem Mord." „JsaschuS erkannte das gefundene Messer als seins." „Hat er?" „Das gab er zu? Hat nicht -gesagt, vielleicht — vielleicht nicht? Allmächtiger! Gott Wr-ahams! Wir sind verloren! In der Wut wird er's vielleicht haben getan, der Junge wird gewesen sein frech, wird er sich nicht haben gekannt, hat er zugestochen."

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