Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Pflegen und zu erhalten. — Von Möhringen, meinem Standort, wo ich sehr gut untergebracht war, besuchte ich die umliegenden, mir so wichtigen Orte. So dachte ich mir Nordstetten doch anders — mehr in waldiger Umgebung. Es liegt, von einer unendlichen Flur umzogen, auf einer weiten Hochfläche in einer Talsenke. Viele Häuser sind neu und teilweise städtisch. Der Ort unseres Auerbach, der doch dem jüdischen Lehrer seiner Heimat ein so herrliches Denkmal im Lauterbacher gesetzt hat, hat jetzt überhaupt keine jüdische Schule mehr. Die wenigen Kinder werden von auswärts besorgt, ein Lehrer ist nicht mehr am Platze; die kleine jüdische Gemeinde geht so unaufhaltsam dem Verfall entgegen. Aehnlich steht es in Möhringen mit seiner großangelegten Synagoge. Dieser herrlich gelegene, von dichten Waldungen umgebene Platz war einst der Sitz einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Württembergs. Der Rabbiner des Schwarzwaldkreises hatte hier seinen Sitz; eine öffentliche jüdische Schule, zahlreich besucht, verbreitete ihren Segen. Männer wie D. Silberstein, Wassermann waren die Zierden des Rabbinats, und die Bildung der noch dort wohnenden wenigen Gemeindemitglieder legt beredtes Zeugnis ab für das durchgreifende Wirken der genannten Institutionen. - Ein alter pensionierter Lehrer, ein fast 80 jähriger Greis, dessen geistige und körperliche Frische bewundernswert ist, wohnt noch am Platze. Er hat Größe und Verfall der Gemeinde miterlebt. Wie mag ihm das Herz bluten beim Anblick des leeren Gotteshauses gelegentlich der Gottesdienste, die er regelmäßig besucht. Tie jüdische Volksschule ist in eine Religionsschule umgewandelt, die gegenwärtig von einem jüngeren Lehrer versehen wird. Ich erlebte die interessante Episode, daß die Behörde diesen jungen Mann versetzen wollte, ohne die Stelle wieder neu zu besetzen. Da erhob sich aber die ganze Gemeinde zu einem wuchtigen Protest, man mußte diesen letzten Rest einstiger zahlreicher Institutionen mit '-allen Mitteln erhalten und erreichte, daß die bereits erlassene Verfügung rückgängig gemacht wurde. Dieser Protestversammlu'ng habe ich als stiller Zuhörer angewohnt und dort gesehen, wes Geistes Kinder die Mühringer Juden sind. Es ist Tradition in diesen Menschen. Eines Morgens ist Jahrzeit. Wie erstaune ich, als ich einen Mann am „Hellen" Werktage im Zylinderhut über die Straße zur Synagoge gehen sehe. Der Mann ehrt so das Andenken seines Verstorbenen. Wie ist dies in unseren modernen Großgemeinden? Ich finde diese schwäbischen Juden völlig assimiliert. Sie denken nicht daran, daß sie andere als religiöse Verbindung mit den Juden der Welt haben. Dem Zionismus stehen sie hier ganz verständnislos gegenüber. Sie sind ganz selbstverständlich (sie!) Schwaben von intensiv betätigter jüdischer Religion. Als zur Linderung der Not der Ostjuden aufgeforde'rt wird, schließt man sich natürlich nicht aus — das tut kein Jude. Aber man kann häufig Bemerkungen hören, wie: „Warum so viel jetzt ins Ausland, wo doch Deutschland so sehr Not leidet." Das kommt diesen Leuten, die wahrhaft deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sind, aus dem innersten Gefühl. Ich habe diesen Typ überhaupt hier zum ersten Male in voller Form gesehen. Das Traurigste, was mein Auge sehen mußte, war in D e t t e n s e e, ebenfalls ja in Auerbachs Dorfgeschichten genannt. Gine prachtvolle Synagoge, weit gebaut und gewiß eine Zierde des Ortes, ist völlig dem Verfall anheimgegeben. Tie Fenster sind eingeschlagen, so daß man die schöne Inneneinrichtung durch die „offenen Höhlen" bewundern kann. Noch e i n Haushalt ist der letzte Rest einer einst nach Hunderten zählenden Gemeinde. Wer sorgt für die Erhaltung dieser heiligen Stätten? Der mit einer hohen Mauer umgebene Friedhof scheint noch gut in Ordnung zu sein. Ganz anders steht es in dem im nahen Hohenzollern gelegenen Städtchen Haigerloch. Die Lage dieses Ortes ist durch die Natur auch recht begünstigt, wenn auch die Waldungen nicht so reich, dicht und schattig sind wie im nahen Mühringen. Aber eine blühende jüdische Gemeinde habe ich hier kennengelernt. Zahlreiche jüdische Kinder beleben die Straßen, und mir scheint, daß hier die Juden in einem sreigewählten Getto in der Nähe der schönen Synagoge wohnen. Ich will nicht verschweigen, daß mir einzelne Stammesbrüder einen dementsprechenden Eindruck machten. In der Nähe der Synagoge liegt auch gleich der wohlgepflegte „Gute Ort". Alles beieinander, wie bei den christlichen Mitbürgern auch. Auch ein stattlicher jüdischer Gasthof ist vorhanden. Haigerloch hat sogar emen jüdischen Münnergesangverein von ungefähr 50 Mitgliedern, welcher in der Zeit meines Dortseins von Sängersesten zweimal preisgekrönt heimkehren durfte. Ich habe niemals gehört, daß der Antisemitismus dort größer ist wie anderswo. Im Gegenteil: die Heirnkehrenden, die ihrer Heimat Ehre gemacht hatten, wurden von der ganzen Einwohnerschaft unter Jubel in ihr Vereinslokal geleitet. Die jüdische Schule, die den Antisemitismus nach unserer Meinung so sehr „befördern soll", wirkt in dieser Gegend klassen-versöhnend, nicht-trennend. Haigerloch hat natürlich eine gutbesuchte jüdische Volksschule mit einem allseitig verehrten tüchtigen Lehrer. Auch die Stadt der Hohenzollern-Burg, H e ch i n g e n, habe ich ausgesucht und die dortigen jüdischen Stätten besichtigt. Nur wenige Kinder besuchen dort die jüdische Volksschule; die meisten Eltern schicken begreiflicheriweise ihre Kinder in die höheren Schulen, die sich am Platze befinden. Hechingen und Haigerloch waren einst bedeutende Rabbinatssitze — die Lehrer führen daher den Titel „Rabbinatsverweser". Reiche Stiftungen sind in beiden Gemeinden vorhanden für Wohltätigkeit und Beförderung jüdischen Wissens. Auch Mühringen hat eine Reihe derartiger Stiftungen und Vereine. Verfall und Blüte — auch Aufschwung — habe ich also in diesen Gemeinden bemerken können. Der Weltkrieg hat hier mit seinen Wirkungen teilweise hemmend gegen die „Landflucht" eingegriffen. Wohnungsnot wie Nahrungsmittelteuepung und die sonstigen Unannehmlichkeiten haben dem Juden auf dem Lande erst den Wert der Heimat nahegebracht. Der Zug nach der Großstadt scheint hier für einige Zeit zum Stillstand gekommen zu sein. Es gibt sogar Mittel, hier neues jüdisches Leben zu entfachen! Doch davon ein anderes Mal. Der Fall Lerjack. (2 Forts.)' Von Lydia Auerbach.' ie hat sich der Mörder an derLeiche benommen, bevor die Polizisten kamen?" „Der Mörder? Der Jsaschus?" sprach das Mädchen wie verloren. „Ganz recht. Protokollieren Sie," beorderte der Hauptmann, „daß die Zeugin unaufgefordert den Synagogendiener als den Mörder bezeichnete. Sie sind entlassen, Zeugin." Von dem Polizisten halb geschoben,' ging Anna verdutzt hinaus. Der Hauptmann zog die Uhr. „Muß die anderen später vernehmen," sagte er, „Leute fortschicken, auf morgen bestellen, nein, keinen bestimmten Tag nennen."