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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-16 · Heft 19 (16.9.1921) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 19 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
Seite 220 (sequence 6)
Language
German
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- 220 Anstellungs-, Besoldungs- und Versorgungsverhältnisse der Kantoren und Religionslehrer. Diese verlangen für sich die entsprechende Anwendung der für Staats- und Konnnunalbeamte jeweils geltenden Anstellnngs-, Besöldungs- und Versorgungsordnung. Auf Grund dessen ist ihnen die Eingruppierung in diejenige Gehaltsstufe zu gewährleisten, die ihrer Vorbildung und Verwendung entspricht. — Die Kantoren und Religionslehrer (Kultusbeamten) werden sich dieses ihnen moralisch. zustehende Recht mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu erkämpfen Nüssen. Es wird verlangt: 1. Bezüglich der Anstellung wahrend der ersten sieben Dienstjahre darf das Provisorium drei Jahre nicht übersteigen. Nach vollendetem 27. bis 30. Lebensjahre ist ein Provisorium von einem Jahre bei einem Stellungswechsel zulässig: danach muß lebenslängliche Anstellung erfolgen. Ebenso wird aktives und passives Wahlrecht verlangt, sowie Sitz und Stimme in allen Beratungen, die die Funktionen des Kultusbeamten betreffen. 2. Bezüglich der Besoldung: Eingruppierung der Kantoren und Neligionslehrer nach den staatlichen Besoldungsgrundsätzen, und zwar: a) in Kteingemeinden nach Gruppe 8, mit Aufrückuugsmöglichkeit nach Gruppe 9, b) in Mittelgemeinden nach Gruppe 9 bzw. 10 (bei Verwendung als Prediger eine Gruppe höher), e) in Groszgemeinden der erste Kantor nach Gruppe 10 bzw. 11, der zweite Kantor nach Gruppe 9 bzw. 10. 3. Zur Erringung der den Kultusbeamten bis heute vorenthaltenen Gleichberechtigung innerhalb der jüdischen Gemeinden, zur Erlangung einer wirtschaftlich gesunden Lage und einer rechtlichen Stellung ähnlich der der Staats- und Komnulnalbeamten und zur Förderung ihrer ideellen Bestrebungen ist eine festgefügte Organisation der Kultusbeamten auf gewerkschaftlicher Grundlage unbedingt erforderlich. # Die furchtbare Lage der jüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine. Das Komitee der jüdischen Delegationen erhielt aus authentischer Quelle Nachrichten über die schreckliche Lage der an der russisch-rumänischen Grenze befindlichen jüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine. Aus den? jüngsten Bericht einer nach diesen Gebieten entsandten jüdischen Persönlichkeit aus Kiew geht hervor, daß diese Flüchtlinge tatsächlich vogelfrei sind. Sie werden von verschiedenen Banden geplündert, von Sowjetbeamten einerseits, von Gendarmen und rumänischen Soldat'.'n anderseits. Diejenigen, denen es gelungen ist, unter der größten Gefalch den Dnjester zu überschreiten und sich nach Beßarabien zu flüchten, sind nach zwei Monaten nach der anderen Seite des Dnjester zurückgeschickt und der Sowjetmacht ausgeliefert worden. Die meisten dieser Flüchtlinge kommen in den Wellen des Dnjesters um oder sie werden in Höhlen von Räubern ermordet. Tausende von ihnen irren ohne Obdach durch kleine an der Grenze befindliche Dörfer herum. In Jarouga befinden sich 500 dieser Flüchtlinge. Desgleichen in Djichöuk und Dsigohka: in Kaminka befinden sich ihrer 5000, und während des Jahres 1920 bis 1921 sind 75 000 Flüchtlinge durch diese Stadt durchgereist. Dörfer wie Rachkow, Bartoujenh, Sgoritzka u. a. sind von Massen dieser Flüchtlinge überflutet, welche unmenschliche Leiden ertragen. Die Sowjetregierung entschließt sich noch immer nicht zur freien Emigration, welche einzig und allein imstande wäre, dieser Situation abzuhelfen. Die Schließung der rumänischen Grenze verschlimmert außerordentlich die Situation. „Woja"-Mittelstandsküche in Wien. Die Schließung der vom Joint gegründeten und erhaltenen großen Gemeinschaftsküchen war für hunderte Familien ein Unglück. Geradezu über Nacht kamen sie um das tägliche Mittagbrot, das in gleicher Weise zu erreichen völlig ausgeschlossen war. Rasche Hilfe erschien Gebot. Es schien, als ob sich die Oeffentlichkeit um das Los der in Not Geratenen nicht kümmerte. Im Grunde genommen war es auch so! Inzwischen hatte aber Gemeinderabbiner Dr. M. Rosenmann in aller Stille eine „Wirtschaftliche Organisation jüdischer Angestellten" gegründet und mit Energie und Umsicht den Verein mit einigen tatkräftigen Männern fast aus nichts geschaffen. Als Ergänzung und Kräftigung des Vorstandes der „Woja" rief er auch ein Kuratorium ins Leben, dein führende Männer und Frauen des Wiener Judentums angehören, darunter Oberrabbiner Dr. P. Chajes, welcher einen namhaften Betrag aus den ihm zur Verfügung stehenden Fonds dem Unternehmen widmete, Präsident der Kultusgemeinde Universitätsprosessor Dr. A. Pick, Rektor des Rabbinerseminars Professor Dr. A. Schwarz, Abgeordneter Robert Stricker, Schulrat Dr. A. Weiß, Frau Kommerzialrat I. Seidler und Lisette Gelber. Mit der Kraft dieser beiden Körperschaften ausgestattet, unternahm es nun der Präsident der „Woja", Rabbiner Dr. Al. Rosenmann, nach schwierigen Verhandlungen und Vorarbeiten, die beiden Mittelstandsküchen vor der Auflassung zu retten und den 1800 sie täglich Besuchenden die nahrhafte Mittagskost zu sichern. Das Grundkapital fiür dieses Unternehmen bildete zunächst der starke Wille, helfend einzugreifen. Aber auch die finanzielle Voraussetzung war gegeben durch namhafte Geldmittel, die aus dem reichen Erträgnis einer veranstalteten Akademie und aus Beträgen edler Vcenschenfreunde zusammengebracht wurden. Die beiden MthtelstandskückM in der Nossauer Kaserne und in der Griechengasse sind nach einer einmonatigen Unterbrechung am 1. August wieder eröffnet worden und an den Tischen dieser streng rituell geführten und beaufsichtigten Mit.telstandsküchen wird ein sehr schmackhaftes, reinlich serviertes und zureichendes Mittagessen für 30 Kronen geboten. Das „Joint Distribution Committee" -stellt 'unter gewissen- Bedingungen dem Borstande der „Woja" (Wien 9, Berggasse 7), eine Subvention zur Verfügung, alckr auch das wettere Ausland müßte da eingreisen, da es sich hier um die Erhaltung des jüdischen Mittelun'd Angestelltenstandes in Wien handelt und Gefahr im Verzug wäre. Rabbiner Dr. David F e u ch t w a n g. Aus und über Palästina. „Jewish Journal of Commerce" veröffentlick)t in seiner letzten Nummer eine Aeußerung des Leiters der New Porter „Independent Steamfhip Corporation", Harald T. Moschn, der erst kürzlich von einer längeren Palästin'oreife zurückgekehrt ist. Dieser erfolgreiche Kaufmann appelliert an ien Geschäftssinn der amerikanischen Exporteure, mn den Eesamth-andel der Bereinigten Staaten für ein Land zu interessieren, dessen wirtschaftliche Erschließung nach feiner Meinung „wundervolle Möglichkeiten" bietet. „Die amerikanischen Exporteure", klagt Mosthn, „haben diese Mögbicksteiten im nahen Osten, besonders aber in Palästina, noch-immer nicht verwirklicht, obwohl dieses Land ein großartiges Absatzgebiet für alle Maren darstellt! Viele Dinge werden benötigt, deren Beschaffung uns Amerikanern ein Kinderspiel wäre; die Nachfrage nach landlokrtschiaftlichen Maschinen, TeMwaren, Möbeln, Bauhölzern mb Metallartikeln nimmt immer mehr zu. Meine Gesellschaft will sich Ue gute Gelegenheit jedenfalls nickst entgehen lassen, sondern ihre Schiffe mit Kleidungsstücken, Stahk, Oelen llnd Automobilen regelmäßig nach Palästina senden." Isidor Landau. (Zu seinem 70. Geburtstage.) fürwahr! es gibt eine Zukunft, und deine Hoffnung wird -C nicht abgeschnitten. (Proverbin 23, 18.) Dieses ermun- V./ ternde, von einer reichen Lebenserfahrung zeugende altjüdische Dichterwort hat, wie es scheint, dem Manne, dem diese Zeilen gelten, schon in frühester Jugend vorangeleuchtet und ihn in der Folgezeit mit Mut und Kraft erfüllt, feinen Lebensweg nach eigenem Gutdünken so zu gestalten, daß er jetzt, an der Schwelle des Greisenalters, mit voller Befriedigung auf die in anstrengender, unermüdlicher Arbeit dahingeflossene» Jahre zurückblicken darf. Isidor Landau, am 20. September 1851 in Zbaraz (Galizien) geboren, entstammt einer alten Gelehrtenfamilie, in welcher die Traditionen ihres in der jüdischen Welt als talmudifche Kapazität ersten Ranges hochgeachteten Urahns Ezechiel Landau, des Verfassers des „Roda b' Jehuda", sortlebten. Der junge Nachkomme dieses als „Leuchte in Israel" geltende» Geistesheroen, der zwar an der Spitze der bildungsscheue» Eiferer seiner Zeit stand, der aber, wie Grätz ihn treffend charakterisiert, „klug und überlegt war und mit der Zeit auch

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