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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-16 · Heft 19 (16.9.1921) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 19 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 Reichskanzler Wirth die durch Erzbergers Ermordung geschaffene politische Lage und führte dann u. a. aus: ,-Wi^ brauchen ein Gesetz — und ich will mich dafür einsetzen, d a ß e s schnell kommt — d a s d i e Ehre unserer Mitbürger, die im Politischen Kampf stehend schützt, genau so, wie das in England und anderen parlamentarisch r eg i e r t e n L ä n d e r n sch o n I ä ngst d er Fall i st. Kommt ein solches Gesetz nicht z u stand e, s o w i r d s i ch i n Deutschland ke i n Mensch mehr finde n, d e r unter solchen Verhältnissen Politische Arbeit l e i st e t. Bei der Bildung meines Kabinetts habe ich nicht nach der Parteistellung gefragt, sondern die tüchtigsten Leute genommen, wo ich sie finden konnte. So habe ich mir einen Mann herangeholt, 5er ein ungeheures Einkommen im Stich gelassen und am Tage seines Eintrittes in die Negierung seine vielen Aussichtsratsposten niedergelegt hat, um dem deutschen Volk und der deutschen Republik zu dienen. Gegen diesen Mann ist jetzt eine elende Hetze im Gange. Dabei hat m ein K o-l leg-e W >a l ther R-a' th,e n-a u dem deutschen Volk bisher schon mehr genützt als die ganze Stadion-Gesellschaft zusanrmen. (Stürmischen Beifall.) Und einen solchen Mann nennt man. in einem Gedicht eine „verfluchte Judensau!" (Pfuirufe. Zuruf: „Nathenau.ist gar kein Jude!") Jawohl, Rathenau ist ein Jude, er ist fernem Glauben und seinem Gott treu geblieben. Wir Katholiken müssen vor einem solchen Mann erst rtzcht den Hut ziehen." Die Rede, .die auch die niederträchtige Hetze gegen Erzberger, die seiner Ermordung vorausging, streifte, löste minutenlangen Beifall der zahlreichen Menge aus. Es ist hier nicht der Ort, die politische Bedeutung. Erzbergers und seine Verdienste um das deutsche Vaterland zu schildern; wir wollen hier nur erwähnen, daß er bei aller Liebe zum Vaterlande den großen Kreis der Menschheit niemals aus dem Auge ver-- loren hat. Wir als Juden verlieren in ihm einen warmen! und aufrichtigen Freund; er kannte das Judentum und seine Leidensgeschichte, sprach mit Bewunderung und Verehrung von seinem tausendjährigen Martyrium um der Väter Lehre und war stets bemüht, insbesondere der religiösen Idee des Judentums die ihm gebührende Achtung zu verschaffen. 3fr Was man „national" nennt. Das „Staßfurter Tageblatt", ein „Blatt für nationale Interessen", bringt ein rechts und links von Hakenkreuzen eingerahmtes Lied mit der Ueberschrift „Heil dir im Siegerkranz", dessen erste und letzte Strope folgendermaßen lauten: H e i l d i r i m S i e g e r k r a n z e. Des schmachbefleckten Land's, Genosse dir! Fühl in der Republik Dein Präs identenglück, Führer des Volks zu sein Mit Israel! Mäste den Vampyr gut, K r u m m e r M i n i st e r j u d Der Republik! —. Hei! wie die Judenpest, Schwelend von Ost nach West, Wie Aas und Schweseldampf Zum Himmel stinkt! Deutschvölkische Lieder wie das vorstehende wirken wirklich tröstlich. Wenn man sie gelesen hat, sagt man sich: Deutschland hat zwar viel verloren, aber verloren ist es noch nicht, solange noch so edle, tapfere und geistvolle Dichter den Ruhm deutscher Kultur aufrechterhalten. 3fr Aus München wird unter dem 2. September geschrieben: Der dentschnationale Parteitag. Bei den heutigen Verhandlungen über die Zeitungsverbote erstattete Professor Dr. Brunstaedt (Erlangen) ein eingehendes ^'cfetat. über völkisch-nationale Erneuerung. Sehr eingehend verbreitete sich der Redner über Wesen und Bedeutung von völkisch und national, von Volk, Nation und Staat. Im zweiten Teile seiner Ausführungen beleuchtete Dr. Brunstaedt die Aufgaben der Deutschnationalen Partei, die ihr in der Betätigung des vereinheitlichenden Willens zur völkischen und nationalen Erneuerung obliegen. „Wir Deutschnationalen sind alle einig in dem Bestreben, die wichtige Frage des Judentums leidenschaftslos zu betrachten. Das Judeurum ist ein fremdes Volkstum, das innerhalb der Grenzen unseres Staates verbreitet ist, nach der geschichtlichen Entwicklung,, die um nicht rückgängig machen können. Wir müssen dafür sorgen, daß kein Jude mehr zum Führer des Staates bestellt wird. Sie herrschen durch Geldmittel. Der K a m p f gegen das Judent u m ist ein kleines Stück des großen Kampfes des deutschen Volkes, um die Seele unseres Volkes überhaupt. Nicht durch gesetzliche Maßnahmen kann die Judenherrschaft gebrochen werden. Da muß jeder mithelfen, vor allem die Deutschnationalen. Zum Schluß gab er unter Beifall der Versammlung seinem Danke an die Gründer der Deutschnationalen Volkspartei beredten Ausdruck für ihr energisches, furchtloses und unentwegtes Eintreten für die Ideale der Partei und für ihren Staatsgedanken." Den nationa'ldeutschen Juden zur Lektüre empfohlen. 3fr In letzter Zeit mehren sich die Fälle, daß äußerst strenge Bestrafungen von Ostjuden, die bereits vor längerer Zeit unerlaubt die Grenze überschritten haben, vorgenommen werden. Die ostjüdische Einwanderung hat feit zehn Monaten so gut wie völlig aufgehört. Unerlaubte Grenzüberschreitung wurde ursprünglich als ein Vergehen mit relativ geringen Geldstrafen belegt. In letzter Zeit wurden aber bereits Geldstrafen von M. 1200,— und mehr verhängt, und wenn der Flüchtling dagegen Einspruch erhob, wurde diese Summe noch um die Einspruchskosten von M. 400,— erhöht. So geschieht es täglich, daß Leute, die zum Teil feit einem Jahre in Deutschland ansässig sind und sich inzwischen eine Existenz geschaffen haben, plötzlich herausgerissen und ins Gefängnis geschleppt werden, da sie naturgemäß eine so hohe Strafe nicht bezahlen können, da neuerdings Ratenzahlung ebenfalls abgelehnt wird. Das traurigste aber ist, daß sich in letzter Zeit ein Verfahren herausgebildet hat, überhaupt nur auf Gefängnisstrafe zu erkennen, und daß unterschiedslos auch so gegen Frauen und Greife vorgegangen wird. Kürzlich sollte eine im siebenten Monat schwangiere Frau ins Gefängnis geschleppt werden, weil sie nicht sofort die gesamte Geldstrafe bezahlen konüte. Nur dem Eintreten jüdischer Organisationen, die die nicht unbeträchtliche Geldsumme erlegten, gelang es, die Frau davor zu bewahren. Dieses ganze Verfahren ist völlig sinnlos. Formal zwar haben die Flüchtlinge die Bestimmungen des Reichsimmisteriums des Innern über die Paßpflicht verletzt, tatsächlich aber konnten sie dieser Paßpflicht gar nicht Nachkommen, toeil sie in einer großen Anzahl von Fällen keinen Paß ihres Hmmatsstaates bekommen konnten. Diese Verhältnisse sollten den zuständigen Gerichten bekannt sein und die jüdischen Organisationen, vor allen Dingen das Arbeiterfürsorgeamt, hätten unseres Erachtens die Pflicht, den Justizminister und die Gerichtsbehörden darauf aufmerksam zu machen. Auf keinen Fall kann die jüdische Oefsentlichkeit tatenlos zusehen, wenn arbeitende, ehrliche Leute wegen eines vor langer Zeit einmal begangenen Verbrechens, -das für sie notwendig war, aus ihren Arbeitsstätten gerissen, wenn Frauen und Kinder monatelang ins Gefängnis geschleppt werden. Entschließung des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes. Die 5. ordentliche Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes hat folgende Entschließungen einstimmig angenommen: 1. Die Generalversammlung stellt mit Bedauern fest, daß zahlreiche jüdische Gemeinden in Deutschland, darunter auch Groß- und Mittelgemeinden, das soziale Verständnis dem Stande der Kantoren und Religionslehrer gegenüber bis heute noch nicht bekunden. Sie protestiert einmütig gegen die unzulänglichen und unwürdigen

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