Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 218 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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218 daß die Nichtzionisten meist gar nicht den Anschluß wünschten, sei es unmöglich, ihnen als Neulingen die Organisation auszuliesern. Als die Basis, auf der sich Zionisten und Nichtzionisten zusammenfinden könnten, s-ei der Keren Hajessod geschaffen worden. Die Zionisten selbst dürften die nationale Grundlage ihrer Bestrebungen nicht anfgeben. Es wurde noch über viele andere Probleme, wie Araberfrage, Schulwesen, Einwanderungsverbot, -kurz über den ganzen Komplex der zionistischen Arbeit gesprochen, aber es ist hier nicht der Raum, weiter darauf einzugehen. Die Antwort der Exekutive wurde in der Nachtsitzung vom 5. auf den 6. September von den Herren Zlatopolski, Ussischkin, S o t o l o w und W e i z m a n n erteilt. Der Eindruck dieser Sitzung auf den Kongreß läßt sich vielleicht am besten mit dem Wort eines nichtjüdischen Publizisten zusammenfassen: Eine gigantische Demonstration des jüdischen Voltes für sein Land." Nebenher gab es freilich auch sehr unbesonnene Kundgebungen der äußersten Linken bei der Verlesung der Begrüßungsdepesche Sir Herbert Samuels. Die Erklärungen von Zlatopolski und Ussischkin enthielten nichts wesentlich Neues und beschränkten sich auf eine Rechtfertigung des Keren hajessod bzw. der Zionist Commission in Palästina. Die Abrechnung nnt den Gegnern blieb Sokolow und Weizmann Vorbehalten. Des letzteren Rede bildete den Höhepunkt. Sie war objektiv und ohne Schönfärberei. Weizmann, der Herzl und Wolssohn bekämpft hatte, der Führer der Opposition auf früheren Kongressen, ist mit der ihm durch das Schicksal gestellten Ausgabe gewachsen. Wohl ist er nicht der schöpferische Mensch wie Herzl, aber aus ihm spricht anders als uns Herzl, der nur den Kongreßzionismus vertreten konnte, die Zionssehnsucht und das Leid des jüdischen Volkes in ihrer elementaren Wucht. Er suchte zu zeigen, daß die Koinzidenz der jüdischen und englischen Interessen nicht auf strategisch-imperialistischen Gründen, sondern aus dem „guten Willen des jüdischen Volkes" beruhe und auf der Erkenntnis, daß die Judenfrage zum Segen oder Fluch für die Welt werden könnte; aus diesem Pfeiler bauen sich die politischen Erfolge des Zionismus aus. Er schilderte dann die ..via -dolorosa" seiner Tätigkeit, die auf das „Diplomatisieren" herabgesunken sei, weil die reale Arbeit nicht die nötigen Früchte hatte. Noch nie, so sagte er, sei stolzer von einem Juden mit den Mächten gesprochen worden als von ihm und feinen Kollegen. Man habe ihm von zionistischer Seite die schwersten Hindernisse bereitet, il)ii als englischen Agenten gestempelt und jetzt verlange man größere Erfolge in der Grenzfrage, die durch die Einbeziehung Transjordaniens in das Palästinamandat vielleicht eine günstige Wendung erfahren werde, in der Kolonisation usw. Brandeis hätte mit ihm nicht verhandeln wollen und darum sei der Bruch unvermeidlich gewesen. Weizmann betonte die Notwendigkeit einer großzügigen Verstündigungsarbeit mit den Arabern in dem Dreieck Rt'etia, Bagdad, Damaskus, stellte sich schützend vor die Person Herbert Samuels und formulierte als die nächste Aufgabe die Verankerung von mindestens K)0 000 Juden auf dem erworbenen Boden. „Erez Israel und Palästina sind nicht identisch ... Samuel ist High Eommifsiouer für Palästina und wir sind High Commissioners für Erez Israel". Die Lösung des Palästinaproblems liege nicht in der numerischen Majorität, sondern in der Verankerung einer größeren produktiven Menge von Juden. Zum Schluß verlangte Weizmann die Ausstattung der neuen Leitung mit hinreichender Autorität. Nach seiner Rede ertönte immer wieder sich erneuernder Beifall und der Kongreß stimmte die Hatikwah an. Das Absulotorium wurde, nachdem der Misrachi seine Sonderwünsche formuliert, die Hitachduth eine besondere Formel vorgeschlagen und die Poale Zion ihre Stimmenenthaltung motiviert hatten, nnt 348 Stimmen in der vom Misrachi und dem Block der allgemeinen Zionisten be.antr.agtdn Fassung -angenommen: „Der Kongreß spricht den Präsidenten Chaini Weizmann und Nahum Sokolow Dank und Anerkennung für ihr politisches Werk aus und erwartet, daß die Errungenschaften ihrer Arbeit, der Kabinettsbeschluß der britischen Regierung vom 2. November 1917 (Balfour- Teklaration) und der Beschluß von San Remo in Erez Israel bald ihre volle Verwirklichung finden werden. Der Kongreß erteilt der | Exekutive mit dem Ausdrucke des Dankes die Decharge." Alls die Formel der Hitachduth entfielen 58 Stimmen. (Schluß folgt.) Wochenschau. Berlin, 12. September. m 8. d. M. führte sich zum erstenmal RudolfMosses Todestag, und die Erinnerung aller derer, die mit dem Verewigten menschlich und beruflich verbunden waren, lenkte sich in besonderer Wärme noch einmal zu diesem Manne zurück, dessen Dasein voll weitausschauender Arbeit, voll Pflichterfüllung und Menschengüte gewesen ist. Es wäre nicht im Sinne Rudolf Mosses gewesen, den Gedenktag seines Ablebens in größerem Umfange zu begehen. Aber das Geschäftshaus hat an diesem Tage, einen Schmuck einpfangen, der in die Zeiten hinaus dauern soll. Auf dem ersten Absatz des Treppenhauses, von' blühenden Blumen umgeben, ist Rudolf Mosses Büste ausgestellt worden. Sie ist dem Verstorbenen im Jahre 1917 zum fünfzigjährigen Jubiläum der Annoncenexpedition von dem geschäftlichen Personal seiner Firma dargebracht worden, schon damals mit der Bestimmung, im Geschäftshanse Aufstellung zu finden. Nun hat die Büste, ein Meisterwerk Ludwig Manzels, das den ausdrucksvollen und energiereichen Kopf Rudolf Mosses in packender Lebensechtheit wiedergibt, den Platz gefunden, von dem aus sie zu allen seinen Mitarbeitern und Freunden des Hauses sprechen wird. % Dr. James Simon, der verdienstvolle Vorsitzende des Hilfsvereins der Deutschen Juden, begeht am 17. d. M. leinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, dessen Leben und Wirken dem jüdischen Stamme zu Ruhm und Ehre gereicht, ist eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft, der durch seine großzügige Förderung wissenschaftlicher und philanthropischer Bestrebungen sich einen ehrenvollen Platz im deutschen Geistesleben erworben hat. Seit über dreißig Jahrensteht James Simon, der sich der persönlichen Freundschaft Wilhelms II. erfreute, auch im Mittelpunkt der jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen. Er betätigte sich zuerst im Vorstand des Jüdischen Kurhospitals zu Kolberg, das seiner Initiativ? den prächtigen Neubau verdankt. Auch im Hilfsverein für jüdische Studierende wie im Verein für jüdische Ferienkolonien hat James Simon eine rege Tätigkeit entfaltet. Groß ist die Zahl seiner Remter in der allgemeinen Wohlfahrtspflege. Im Jahre 1901 begründete er gemeinsam mit Dr. Paul Nathan den Hilfsverein der Deutschen Juden zur Unterstützung der ausländischen Juden, der in Osteuropa und im Orient, besonders aber nach Ansbruch des Krieges für die Juden des Ostens in den besetzten Gebieten außerordentlich segensreich wirkte. Außerdem sitzt James Simon im Verwaltungsvat der Jewifh Colonization Association und zahlreicher lokaler jüdischer W ohl fahrtse inr ichlungen in Berlin. James Simon, dem 1910 anläßlich des Jubiläums der Universität Berlin der Ehrendoktor verliehen wurde, ist als feinsinniger Sammler hervorragender Bildwerke bekannt. Sein besonderes Interesse gilt dem vorderasiatischen Orient. Gemeinsam mit dem Prinzen Heinrich zu Schönaichi-Carolach begründete er die Deutsche Orient- Gesellschaft, welche das bedeutendste Ausgrabungsunternehmen der gangen Welt geworden ist und sehr Verdienstliches in Mesopotamien, Palästina und Aegypten geleistet hat. Möge dem Jubilar, der seine Kräfte und fein Vermögen in den Dienst der Allgemeinheit stellt, ein langes und gesegnetes Leben beschieden fein, zur Freude feiner Angehörigen und zum Wöhle des Judentums, zu dessen treuesten Söhnen er zählt. Am Sonntag, den 4. d. M., sprach Reichskanzler W i r t h in der Berliner Stadthalle in einer vom Wahlkreisverband des Zentrums einberufenen Versammlung über die innerpolitische Lage. In mehr als einstündiger Rede besprach