Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 217 (sequence 3)
- Language
- German
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217; gleich der Situation z.ur.Zeit.-des letzten Kongresses und im gegenwärtigen Augenblicks konstatierte, die einzig allein durch die moralische Krast unserer Idee, unser historisches Recht, unsere unerschütterliche Treue zu. Zion und den Hinweis auf unsere bisherige Arbeit für die Wiederbelebung Palästinas" errungenen politischen Erfolge, erläuterte die Balfour-Deklaration, deren wahrer Sinn erst durch die jüdische Arbeit im Lande bestimmt werden würde. Ohne Scheu bekannte er die namentlich durch die arabische Frage entstandenen Schwierigkeiten und verkündete als die Hauptaufgaben des Kongresses die Pläne für die Erweiterung der Kolönifationsarbeit, insbesondere für die Festigung der schon bestehenden und auf dein kürzlich erworbenen Nationalfondsboden noch zu errichtenden Kolonien, die Prüfung des großzügigen Rutenbergschen Bewässerungsprojektes, die Errichtung einer Hypothekenbank, den weiteren Ausbau der Finanzinstitute. In der arabischen Frage proklamierte Weizmann den Gedanken gegenseitigen Verstehens und richtete zum Schluß einen Appell an die Gesamtjuidenheit, dem gemeinsamen Ziele, wenn auch auf verschiedenen Wegen, nachzustreben. Sodann sprach der Präsident der Exekutive, N a h u m Sokolow, ebenfalls in hebräischer Sprache über die allgemeine Lage. Er schilderte in der plastischen Sprache, die man bei ihm gewöhnt ist, die beispiellosen Leiden der Juden während des Weltkrieges, insbesondere das ukrainische Martyrium. Daß Europa diesem Drama ruhig Zusehen durfte, war eine Folge der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, das aber auch diese Qualen Überstunden habe. Als einen unerschütterlichen Beweis für die unverwüstliche Lebenskraft des Volkes führte er die Anwesenheit des aus Sowjetrußland, nach längerem Aufenthalt in Konstantinopel, herbeigeeilten Dichters B i a l i k an, den der Kongreß mit stürmischem Jubel feierte. Die dank den politischen Erfolgen eingetretene Wendung ist der Anfang einer neuen Epoche. Sokolow besprach ausführlich die Araberfrage, deren Kompliziertheit aus Mißverständnissen beruhe, beleuchtete das Problem der heiligen Stätten, das seine friedliche Lösung finden würde, weil Jerusalem nicht bloß eine Stadt, sondern ein Prinzip, der Friede, sei, und forderte unter der freien Betätigung in Palästina noch den Minoritütenschutz in der Diaspora. Mit dem Wunsche, daß der nächste Kongreß in Palästina stattsinden könne, schloß Sokolow. Während seine Rede bereits einen bestimmten Standpunkt durchblicken ließ, hatte Weizmann ohne jede Stellungnahme objektiv referiert, so daß der Kongreß einstweilen nichts mehr als dokumentarische Tatsachenunterlngen vor sich hatte N'N>d die Beurteitlunig teiM muH eigener Kenntnis, teils ans den in den Kommissionen gepflogenen Erörterungen schöpfen mußte. An die beiden Ansprachen schloß sich die Verlesung bzw. der Vortrag der Begrüßungen, unter anderem eines Briefes des Präsidenten M a s a r y k und einer Rede des englischen Gesandten in Prag, Sir George Clerk, der den hauptsächlichen Inhalt der Balsour- Deklaration wiederholte. Die Eröffnungssitzung war von Anfang bis zu Ende, abgesehen von den Begrüßungen, in hebräischer Sprache gehalten worden. Obwohl die Mehrheit des Kongresses Hebräisch versteht, etwa die Hälfte auch spricht, so nahm in den weiteren Verhandlungen unter den Sprachen das Deutsche, nebenher auch das Jüdische, einen dominierenden Raum ein. Das hängt mit den Traditionen der Herzlschen Zeit, dem Gange der Ausklärungsbewegung und der Bedeutung der numerisch schwachen, aber doch stets einflußreichen deutschen Landsmannschaft eng zusannneu. Trotzdem ist die Tendenz zur Hebräisierung des Kongresses unverkennbar. Zum Präsidenten des Kongresses wurde Herr S o k o l o w gewählt. 3. Die Generaldebatte. Die von Donnerstag, den 1. September, nachmittags, bis Dienstag, den 5. September, 2 Uhr nachts, nenn Sitzungen' füllende Generaldebiatte wurde von den ehematiigen Mitgliedern der Exekutive, den Herren Julius S i m o n und De Lite nie, eröffnet, die einem Beschlüsse gemäß Gelegenheit erhalten sollten, ihren Standpunkt, der sie seinerzeit zur Demission veranlaßt hatte, dem Kongreß darzwiegen. Ihre Ansführnngen trugen deshalb den Charakter der Selbstverteidigung, aber sie beleuchteten doch schon die Haup-tp-roibleme der künftigen Erörterungen. Herr Simon verteidigte den von ihm in Gemeinschaft mit De Lieme und ei nein dritten Mitglied erstatteten Bericht der ReorganisationSkomlnission über die Zustande in Palästina, und erklärte, daß inan, wie er getan, wohl einen Finanzplau, nicht -aber einen K o Ionisation s-- plan aufstellen fön ne, da Aufgabe des Pa löst ina-a mtes 'lediglich die Schaffung von B e d i n g u n g e n d e r K v l o n i f a t i o n fein könne. In dem Budget muffe eine strenge Trennung von ökonomischen mvb nichtükönonusehen Ausgaben erreicht werden; d'iefe könnten ans ei-n Minimum reduziert werden. Deshalb müsse das Schulwesen auf die Schultern der Bevölkerung Palästinas! möglichst >abgewülzt werden. Eine Vermengungder einzelnen Fonds fei unbedingt obzulehnen. Die nach Einschränkung der unökonomifchen Ausgaben freien Spenden müßten zum Land-ankäuf dienen. Alles unterstehe natürlich der Kontrolle der Exekutive. In tjer Frage des Streites mit Amerika habe es sich baxmn gehandelt, die zionistische Organisation aus ihrer Zwerghafti:gkeit durch Herarlziehnng aller, die zur Mitarbeit auv Aufbau Palästinas bereit sind, zu erhebe n>. Aber man wollte nur den Keren hajessod öffnen und entzog ihm dabei die wesentlichstem Funktionen, nämlich die Gelder, die dem Eeonomique Conneil übertragen werden sollten. Das war ein schwerer Fehler, ebenso daß man nicht mit der Fiktion brechen wollte, die zionistische Organisation müßte Führerin inallen jüdischen Angelegenheiten sein, itnb die national-kulturelle Arbeit nicht dem sriciien Ermessen der Landesorganisationen zu überlassen bereit war, ohne sie zmn Kredo des Zionismus zu machen. Hätte Weizmann diese Ursache dies Bruches mit Amerika richtige erkannt, so würde er ljle Brücke zwischen Washington und Pinsk von dem auf ihr lichtenden Verrat gereinigt haben. Herr De L i e m e ging von der Ansicht aus, daß die Idee des Keren hajesfod den Sammelapparat hx Verwirrung gebracht, hätte. Er kritisierte die Haltung der Leitung in der Eeenzenfrage, b\:o wenigstens im Osten günstiger hätte gelöst werden können, ferner das Versagen te-r Zionist Commission in Palästina hinsichtlich der Behandlnng der Pogromurheber, fordert in der arabischen Frage Verständigung durch ökonomische Tätigkeit und nicht durch Diplomatisieren, benrängelte deu, -eigenmächtigen -Boidenikanf irr Erez Ji'srael und stellte sich in der Schulfrage aus denselben Standpunkt wie Simon. Rationattolon-isatorisch hätte die bisherige Kolonisationkeinen Wert. De Lieme verlangt eine extensive Wirtschaft in der Agrartolonimtiou, eine intensive Wirtschiast in 'der Nähe der Städte. Die verschiedenen Auffassungen über die Grundlagen des Zionismus, die es immer gegeben, seien noch kein Grund zur Spaltung. In der Diskussion kamen Vertreter aller Gruppen lind Landsmannschaften, individuelle Redner und Exekutivmitglieder zu Worte. Sieht man von den Sonderwünschen der Fraktionen wie Mchrachi und der Arbeiterverbände, sowie den bei solchen Gelegenheiten nie vermeidbaren persönlichen Angriffen ab, so muß man feststelleu, daß j außer wenigen Rednern, wie Jean Fischer (Antwerpen) und dem j Vertreter der „Binjan Haarez", der Kongreß die Auffassungen von De Lieme und Simon ablehnte. Es gab zwar fast keinen Redner, der feine unbedingte Zustimmung zur Tätigkeit der Exekutive ansdrückte, und es wirr.de namentlich als fühlbarer Mangel das Fehlen neuer Vorschläge für Reform der zionistischen Einrichtungen empfunden. Aber in den Grundfragen war man doch ganz anderer Meinung als die beiden Kritiker. Wohl wurde in der Politik und Kolonisation der geringe Fortschritt seit der Balfonr-Detlaratiou und dem San-Remo-Beschluß konstatiert, wohl bemängelte man die ungenügende Ausnutzung der gebotenen Mpgl ich teilen, -aber man erkannte doch als starken Aktivposten in Palästina die Einwanderung von mehreren tausend Chaluzim, die Bodenkünfe, die Ausgestaltung des Schulwesens, die Bautätigkeit an. Die meisten Redner verlangten ein rasches, durch keine politische oder ökonomische Doktrin behindertes Tempo der Kolonisation, und lehnten es ab, die Ansiedlung von der Rentabilität oder von der Forderung, daß die Arbeiter zur Erzielung von Ersparnissen imstande sein müßten, abhängig zu machen. Um die Verhältnisse in der Organisation loyal zu gestalten, wurde die Wahl einer einheitlichen Leitung verlangt. Simon Und De Lieme wurde vorgeworfen, daß sie keine produktive Arbeit geschaffen hätten, während die Organisation doch manches getan hätte. Ebenso hätte Brandeis und sein Kreis versagt und nur Kritik getrieben. In der Frage der Mitarbeit . der Nichtzionisten wurde darauf hingewiesen, daß für den Eintritt in die zionistische Organisation niemals mehr als die Anerkennung des Baseler Programms n-itb die Schekelzahlung gefordert wurden. Aber abgesehen davon,