Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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rationalistischen Ethizismus der Stoa, so endet die Moderne im universellen Sozialismus. Das Abendland* hat sein Bestes in Michel Angelo, Rembrandt, Leibniz gegeben. Dann hat es sich erschöpft. Es beginnt das Greisenalter: Zivilisation. Wie in der römischen Kaiserzeit die antike Zivilisation das Sterben der alten Kultur darstellt, so können wir gleichsam in dem damaligen Schicksal Schritt um Schritt unser eigenes ablesen. Auch bei uns wird ein denrokratischer Eäsarismus und Imperialismus — man merkt hier doch den Einfluß des Weltkrieges — einsetzen. Man muß sich nur über zwei Dinge hier wundern: 1. Ist denn die Antike, die übrigens als einziges Vergleichsobjekt ungenügend ist, wirklich so gänzlich tot und spurlos untergegangen? Lebt nicht Sokrates \\x\b Plato, lebt nicht Aristophanes und Sophokles im Neuhumanisnnls, von der umstrittenen Renaissance zu schweigen, in geistigem Sinne fort? 2. Sollte nicht wie ein einzelner - Goethe bekennt 'das von sich — so auch eine Kultur mehrere Verjüngungen erleben, wie etwa die Antike durch Nenplatonismus und Christentum, und unsere nicht durch die Impulse von Rußland, man denke nur an Tolstoi? Gewiß hat unsere Zeit Verfallssymptome. Es ist sogar auffällig, daß Spengler unsere modernen Theosophen und Anthroposophen nicht mit Plotin und seinem Kreis konfrontiert. Zur Zeit, als Skeptizismus und 'Weltliebe und das junge Christentum gegen die antike Kultur Sturm liefen, sucht dieser Reuplatoniker ganz wie etwa Steiner durch Verpflanzung indischen Denkens nach Europa die alte Kultur zu beleben: Eine Erkenntnis des Unerkennbaren ist möglich, das ist der erkenntnistheoretische Grundgedanke der Plotinischen loie der modernen Mystik. Und man wird dem Plotin. vgl. Drews Plotin S. 381, zugestehen müssen, wenn überhaupt eine wissenschaftliche Erklärung der sogenannten okkulten Tatsachen möglich sein soll, sie immer in der von ihm gewiesenen Richtung eines spiritualistischen Monismns liegt. Doch dem sei wie immer. Spenglers Kulturbedeutungsvergleiche sind einseitig und nicht erschöpfend. Ihnen ist die Absicht ausgeprägt, die Behauptung vom Untergang des Abendlandes zu beweisen. Gewiß Hilst Spenglers Buch Kultur zu verstehen, aber nicht sie zu erleben, dazu gehört gerade das, was der Verfasser verkennt: der Sinn des scheinbar Sinnlosen. Diese Sinngebung vermag nur eine Weltanschauung zu vollziehen, die, wie die prophetische, in der Geschichte Gott am Werke weiß. Spengler braucht einmal ein wahrhaft genial ersonnenes GteichnlS. Er vergleicht unsere Kultur mit unserem Erdplaneten, der sich mit anderen bereits erstarrten Kulturkörpern um einen Lebensquell dreht, um eines Tages selber zu erstarren. Tie Zentralsonne für unsere Kultur und alle Kultur hat unser intuitiver Historiker nicht gewürdigt. Sie ist die ethisch-religiöse Sehnsucht der Menschheit. Das, was Ewigkeitsgehalt und Ewigkeitswert an einer Kultur ist, wird nicht spurlos verschwinden und restlos untergehen. Es lebt und wirkt auch in anderen Kulturen weiter. „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren. Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren." Der xu. Lmniltrnkcmsrktz in Karlsbad. (Bon nuferem Korrefp on denten.) ‘ M. K arlsbad, 0. September. nach achtjähriger, durch den Krieg bewirkter Pause ist der .Zionistenkongreß am 1. September in Karlsbad zum zwölften Male znscunmengetreten. Der Weltkrieg, welcher so viele grundstürzeude Aendernugen hervorgerufen hat, brachte den zionistischen Bestrebungen durch die Anerkennung der Juden als Nation vor dem Bölterureopag und durch das in der Balfour-Deklaration sowie in den Beschlüssen von San-Remo enthaltene Versprechen auf Errichtung einer nationalen Heiinstätte in Palästina einen großen politischen Erfolg. Der Zionismus hat damit aufgehört, ein Traum, ein fernes Ideal zu sein, und die Zionisten haben der Welt zu beweisen, daß sie fähig sind, Realpolitik zu treiben und die Verantwortung, welche sie vor der ganzen Judenheit und Menschheit übernommen haben, zu tragen. Das ist die gewaltige. Bedeutung der Stunde, die ernst ist wie wenige in der Geschichte des jüdischen Volkes. 1. Vorkonferenzen; das üutzere Bild; Blockbildungen. Schon geraume Zeit vor Beginn des Kongresses hatten sich in Karlsbad die Vertreter verschiedener zionistischen Institutionen und Verbände zusaunnengesunden, um ihre Stellungnahme auf dem Kongresse vorzubereiten, beziehungsweise Über die Arbeit ihrer eigenen Einrichtungen Beratungen zu pflegen. Der jüdische Nationalfonds hatte eine Weltkonferenz seiner Funktionäre und Vertrauensleute einberufen, die Studenten der Misrachi, die in der „Hitachduth" vereinigten Arbeitervertreter, die Turnerschaft, die Frauen hielten Konferenzen ab. Daneben tagten die Organe der zionistischen Organisation und die Landsmannschaften. Der ununterbrochene Zustrom der Delegierten, Journalisten- und Gäste aus aller Herren Länder bot ein mannigfaltiges und abwechslungsreiches Bild. Gegen 500 Delegierte (entsprechend der fast 1 Million betragenden Schekelzahl), etwa 200 Journalisten und über 3000 Gäste sind erschienen. Manche markante Erscheinung der früheren Kongresse fehlt. David W o -l f s o h n, Dr. I e ch i e l Ts ch l e - it o w it. v. a. weilen nicht mehr unter den Lebenden; der greise Max Nrrdau, der sonst über die allgemeine Lage zu'referieren pflegte, ist serngeblieben. Der Teilnehmer früherer Kongresse kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Ernst der Zeiten sich auch in der Stimmung deutlich 'widerspiegelt. Gewiß, sehr viele Delegierte und Gäste neigen in ihrer Begeisterung zu einer gänzlich deplacierten Hurra-StimmmnA aber das Gros scheint doch .zu verstehen, daß heute für den Zionismus die Schicksalsstunde geschlagen hat, daß es um Sein oder Nichtsein geht. Man weiß genau, wie viele Schwierigkeiten der äußeren und inneren Lage zu überwinden sind, und daß es nottut, aus der brüchig gewordenen Einigkeit einen Weg zu finden. Dieser Weg führt über 'die fraktionellen Gliederungen, welche den verschiedenartigen Strömlingen entsprechend innerhalb der Bewegung im Laufe der Jahre sich heranskristallisiert haben. Das Prinzip der Landsmannschaft, das für die regelmäßige Arbeit vorläufig noch neben den Föderationen bestehen bleiben wird, ist auf deur Kongreß als Grundlage der Gruppierung nicht haltbar, weil erstens die gemeinsamen-, über die Landesgrenzen reichenden Anschauungen einer größeren Zahl von Delegierten zu einer Vereinigung drängen und zweitens die Stärke der beiden extremen Flügel des Misrachi und der Arbeitergruppen mit etwa je 90—^100 Stimmen, die meisten erheblich schwächeren Landsmannschaften nicht zur Geltung gelangen lassen würde. Ans solchen Erwägungen haben sich die außerhalb dieser beiden Extreme stehenden Delegierten ad hoc zu einem Block der „allgemeinen Zionisten" oder ,,,Stam"-Zionisten (von dem hebräischen Worte s’tani allgemein, überhaupt) zusammen gesunden, der lediglich für die Kongreßzeit ein gemeinsames Borgehen in bestimmten Fragen erreichen will. Schließlich gab es noch einige Außenseiter, die sich keiner Gruppe angeschlossen haben. Eine geschlossene Oppositionsgruppe war nicht vorhanden, nur einzelne Oppositionelle, und in gewissem Sinne stehen alle Gruppen in Opposition gegen die heutigen unbefriedigenden Zustände. 2. Die Eröffnungssitzung. In dem mit blauweißen Farben und einer Herzl-Büste geschmückten Saale des Schützenhauses, der bei weitem nicht alle Gäste faffen konnte, den Delegierten sowie Journalisten nur einen sehr beschränkten Raum bot, wurde der Kongreß am 1. September um 10X> Uhr von dem Präsidenten der Organisation, Herrn Professor Dr. C h a i in W e i z m a n n, mit einer hebräischen Ansprache eröffnet. Weizmann las seine Rede von einem Konzept ab, schlicht und gemessen ohne übertriebenes Pathos. An einigen Stellen ertönte Beifall, frei von Ueberschwang. und erst am Schluß der Rede wurde Weizmann, der auch beim Betreten des Saales an der Spitze der Exekutive stürmisch akklamiert worden war, eine persönliche Ovation bereitet. Seine Ausführungen boten nichts Neues. Nach Herzlscher Tradition sollte jede Eröffnungsrede' eine politische Sensation bringen. Das fiel diesnml fort. Weizmann begann mit dem Ver