Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 16. September 1921 85. Jahrgang. Nr. 19 Allgemeine eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements,Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Vertan: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. . * -- TftlfttflH'4 Dom Untergang des Abendlandes und die vrophetische y 141;Uli ♦ Weltanschauung. Von Bezirksrabbiner Tr. B -e e r m a n n (Heilbronn). — Der XII. Zionistenkvngr-etz in Karlsbad. (Von unserem Korrespondenten.) -- Wochenschau. — Isidor Landau mit Bild. (Zu seinem 79. Geburtstage.) Von A. K. — Briese aus dem Schwarzwald. Von E. C a p e l l (Wiesbaden). — Feuilleton: Der Fall Berjack. Von Lydia Auerbach. [2. Forts.s — Literarische Mitteilungen. — B ü >ch e r e i n l a u s. — Sprechsaa l. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Breslau. Bad Altbeide i. Schl., Halberstadt, Chemnitz, München. Nürnberg. Kassel. Wiesbaden, Karlsruhe Lissa. Budapest. Florenz. — V v n Nah und Fern. Vom Antersons des ftbrndlondes und die prophetische SAeltanlchaumrs. Von Bezirksrabbiner Dr. Beermann lHeilbronn). Bpengle.rS Buch vom „Untergang des Abendlandes" hat Größe. Seit den Tagen, da Hegel seinen gewaltigen Zyklopenbau mit mächtigen Gedankenmassen ch seiner Geschichtsphilosophie aufgeführt hat, sah die Welt nicht seinesgleichen. Ein Riesenstoff ist hier wahrhaft künstlerisch gemeistert und mit großen und kiesen Ideen geistig durchdrungen. Ein anregendes Buch, das das gesamte Wissen der Zeit in Natur und Geschichte gedanken- und geistreich widerspiegelt, und ein aufregendes Werk liegt hier vor, das uns einen erschütternden und erschauernden Einblick in die abgrundtiefen Seelennöte der Zeit eröffnet und gleichsam ans Sterbelager der modernen Kultur den Leser führt. Was soll man mehr bewundern, die Wissensfülle des Universalgelehrten, der auf den mannigfachsten Gebieten menschlicher Erkenntnis durch gründliches Fachwissen imponiert, kein Polyhistor im Stile von Varro, kein Dilettant wie Chamberlain, dessen Büchern man nur zu gut die Oberflächlichkeit seines wahllos zusammengelesenen Wissens abfühlt, sondern ein gebietender Geist, der, wie Aristoteles, Leibniz und Goethe, die Gesamtbildung der Zeit und ihrer Kultur in sich aufnehmen konnte und die Dinge nicht nur zu schauen, sondern sie auch zu schildern vermochte mit einer Ausdruckskultur und Darstellungsgabr, die um so mehr zu bewundern ist, als sie Ungewöhnliches mit gewöhnlichen Worten sagt und an Schopenhauers saubere und geschickte Linienführung gemahnt! Dabei läßt das Buch an keiner Stelle den durchdringenden philosophischen Blick für das Große und Ganze missen. Wenn die Könige bauen, haben, die Kärrner zu tun. Das Buch mußte die Gemüter bewegen lind viele Geister beschäftigen. Man wird immer wieder Jrrtüiner und Widersprüche im einzelnen ausdecken; man wird die Zukunftsschau, die ums Jahr 2200 dm Ausklang unserer Kultur in vollendeter, den Tod bedeutender Selbstcmslösung anfctzt, als verwegen bestreiten und davon reden, daß damit der Verfasser in die Reihe jener visionären Endzeitsenthüller des apokalyptischen Spätjudentums tritt, die, wie Daniel, nach Ablauf von soundso viel Zeitläuften und Jahrwvchen das Ende der Dinge erwarteten. Mit den Propheten und ihren Nachfahren hat Spengler auch das gemeinsam, daß er gründliche von jeder Kulturseligkeit frei ist. Kultur ist formgewordenes Seelentum, „geprägte Form, die lebend sich entwickelt", der Mensch ist wie die Blume des Feldes, so keimt und sprießt und welkt und stirbt auch die Kultur. Nur daß Spengler nicht wie die Propheten glaubt, daß die aus Gott geborenen Kräfte der Sittlichkeit und Religion in den Kulturen in immer erhöhterer Weise sich auswirken im Sinne des Fortschritts zum Gottesreiche, „da man nicht verwundet und verletzt auf meinem ganzen heiligen Berge, dieweil voll ist die Erde der Erkenntnis Gottes, wie Wasser den Meeresgrund bedeckt". Wohl ist ihm Gras auch jedes Volk und jede Volkskultur. Aber er fügt nicht mit dem Propheten hinzu: „Mag welken Gras, mag dorren Blume, das Wort unseres Gottes ist ewig". Die Kulturen, kommen und gehen, ohne daß sie innerlich etwas miteinander zu tun haben. Unermüdlich setzt die Geschichte neue Epochen an, ohne daß die folgende den Ertrag der späteren ausnimmt und fortsührt. Jede Kultur stellt ihm einen besonderen Lebenslauf dar, ein j isoliertes Schicksal, das ihr Seelisches auf allen Gebieten in i eigner Weise ausprägt, und darum hat jede Kultur ihre bej sondere Musik, ihre eigne Mathematik, ihre eigne Metaphysik, ihre eigne Ethik, ihre eigne Religion, die im Grunde genommen nur verschiedene Weisen darstellt, mit denen die Kultur ihr Lebensgefühl ausspricht; so ist Kultur ein pflanzenhafter Organismus, der durch die Stadien der Geburt, Jugend, Reife, Absterben und Tod zu Verfall und Auflösung hindurchgeht. Die Geschichte darf sich nicht mit Feststellung der Tatsachen begnügen, sondern muß finden, was sie bedeuten. Der Ge-; schichtschreiber darf nicht nur der rückwärts gewandte, sondern auch der vorwärts gerichtete Prophet sein, er muß im gewissen Sinne gros d’avenir zukunftsträchtig sein. Ihm muß sich enthüllen, was werden will. Und was antwortet er auf die Frage: „Wächter, ist die Nacht schon hin?"? Die Nacht : kommt erst völlig. Die Kultur geht zugrunde. Freilich kommt hernach wieder eine Kultur, aber unsere Welt geht damit doch restlos in Trümmer. Es ist also wie bei Nietzsche der ewige Kreislauf, der sinnlos wiederkehrt; denn wieder wird die neue Kultur den Weg vom Keimen zum Welken; zurücklegen, um schließlich ins Nichts zu zerstieben. I Ist das richtig? Spengler vergleicht besonders unsere! Kultur mit der der Antike. Es ist das ein Mangel, daß er nur! diese, nicht z. B. auch die assyrisch-babylonische, zum Vergleich heranzieht. Dadurch erhält seine Beweisführung etwas Willkürliches. Er stellt Blüte, Verfaß und Sterben der Antike mit den Parallelerscheinungen der Moderne zusammen. Der I Frühdorik entspricht die Gotik, im Barock hat die Moderne den jonischen Sommer erreicht und mit Kant, um den Vergleich abzukürzen, den Geisteswinter des Aristoteles. Wie der griechische Genius im römischen Verstände, im