Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SS. Jahrgang. Nr. 18 Berlin, 2. September 1921 Der Gemetndevme. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums". Sorrespondenzm und Aschrichtrn. Lkutschlsnd. Berlin, 30. August. Die erste Sitzung der Rep-räsientantenversammlung nach den Ferien fand am Sonntag, den 28. August, unter dem Vorsitz des Herrn Gewerberat Plottke statt. Nachdem dieser Herrn Geheimrat Dr. Minden für dessen siebenjährige Tätigkeit «als Erster Vorsitzender der Repräsentanten!den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, erwiderte Herr Geheimrat Dr. Minden in folgender Ansprache: „Hochgeehrter Herr Vorsitzender! Sehr geehrte Herren Kollegen! Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender, für die freundlichen Worte, dix Sie an mich gerichtet haben, und Ihnen allen, da ich aus Ihren Mienen glaube a-nnehmen zukönnen, daß Sie z-ugestimmt haben. Im Anschluß, an die Erwähnung meines Amtsantritts möchte ich daran erinnern, baß er allerdings in einer schweren Zeit stattfand. Unser Vaterland war seit mehreren Mlonaten in den schweren- Weltkrieg verwickelt, von dem allerdings niemand ahnen konnte, daß er so lange dauern und so unglücklich enden würde. Unsere Gemeinde hatte ihren greisen Führer, den Vorstandsvorsitzenden Ju lius Jacoby, verloren, und am Morgen des Tages, an welchem dessen Leichenfeier und Begräbnis stattfinden sollte, wurde ich morgens durch die Schreckenskunde überrascht, daß der Vorsitzende der Repräsentanten, unser unvergessener und unvergeßlicher L o u i s Sachs, der ihm die Leichenrede halten sollte,, plötzlich ebenfalls dom Tode dahingerafft worden sei, obgleich er sich bis dahin in vollster Gesundheit befunden hatte. So wurde meine erste Amtshandlung die Trauerrede für Julius Jacoby, die zweite diejenige für Louis Sachs. In den darauffolgenden Jahren hat unser Vaterland, da-s gesamte deutsche Volk und mit ihnen unsere Gemeinde durch Krieg und Ausstand unendlich gelitten. Das einzelne ist allen noch in lebhafter Erinnerung. Für den Entschluß, den Vorsitz hier niederzulegen, war nächst der Erwägung, daß es nach Überschreitung des biblischen Alters für mich Zeit sei, jüngeren Kräften Platz zu machen, der Umstand, daß, wie ich es, in meinem Schreiben vom 25. Mai d. I. ausgedrückt Habe, die jetzige Gemeindepolitik nicht diejenige ist, die ich für die richtige halte. Nicht etwa dasjenige, was hier in den Sitzungen geschehen ist, ist dazu die Veranlassung gewesen. Ich konnte zwar nicht alles gutheißen, washier geredet worden und was geschehen ist — aber ich bin auch mit den Temperamentvollsten — unsere Rasse zeichnet sich durch Heißblütigkeit aus. Me sich aber schließlich zum Frieden besänftigt — in diesem Saale gut ausgekommen. Ich kann nur dias wiederholen, was ich' in meinem Abschiedsbriefe gesagt habe. Ich nehme also Veranlassung, den Mitgliedern der Versammlung, sowohl den gegenwärtigen wie den früheren, den Dank dafür zu sagen, daß Sie sich meinem Vorsitz mit Nachsicht gefügt haben; zu meinem Herrn Nachfolger habe ich vollstes Vertrauen." Der oben erwähnte Brief vom 25. Mai 1921 lautet wie folgt: „Sehr geehrte Herren! Für die Verwaltung der Berliner Gemeinde muß nach, nieiner Ansicht der Grundsatz maßgebend sein, daß alle in derselben vorhandenen Richtungen, einschließlich meiner eigenen, der Reform, in gleicher, ihrem Wesen entsprechender Weise berücksichtigt werden und sich mit gegenseitiger Achtung zu behandeln haben. Ich hatte gedacht, daß bei der jetzigen Zusammensetzung der Gemeindebehörden, in denen jetzt alle diese Richtungen ihre Vertreter haben, * diese Maxime besser durchzuführen sein würde. Zu meinem Bedauern haben sich die Gegensätze noch nicht so weit ausgeglichen, daß der erwähnte Grundsatz ohne Kämpfe durchgesetzt werden kann. Dies veranlaßt mich, den Vorsitz in der Versammlung niederzulegen. Mein Streben, in dieser kritischen, Zeit, in welcher das Judentum in Deutschland von so vielen Seiten angegriffen wird, alle seine Kräfte zusammenzuhalten, anstatt sie in heftigen Parteikämpsen auszureiben, wird hoffentlich kein vergeblicher gewesen sein. Doch ist. ein Erfolg bisher — wenigstens soweit dies äußerlich erkennbar ist — noch nicht zu konstatieren. Für die Nachsicht, die Vorstand und Repräsentanten mit meiner Amtsführung gehabt haben, sage'' ich meinen besten Dank. Hochachtungsvoll Dr. Georg Minden." — Der Verhandlungsbericht folgt in der nächsten Nummer. (SA) Berlin, 30. August. Seitens der Jüdischen Gemeinde zu Berlin werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichröderschen Legat einige Stipendien zur Verfügung. Das Wintersemester beginnt am Donnerstag, den 13. Oktober d. I. Meldungen nimmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstrahe 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. - Berlin, 30. August. Wir brachten neulich eine Meldung aus Washington, daß Albert D. L a s k e r zum Direktor des Shipping Board ernannt worden 'sei. Dieser vom Präsidenten Harding zu so. hohem Posten in der amerikanischen Schifsahrtsverwaltung berufene Mann ist ein Neffe Eduard Lasters, des fortschrittlichen, und später nationalliberalen Politikers, der 1884 auf einer Studienreise in Amerika starb. Ein Bruder Eduard Lasters war ziemlich mittellos nach Amerika ausgewandert und hatte dort zuerst im Staate Virginia einen Kleinhandel betrieben. Er war, trotz dieser Betätigung, sehr bewandert auf wissenschaftlichen Gebieten, zwar arm an Geld, aber reich an Kenntnissen, und er hatte besonders das Studium der klassischen Sprachen mit großem Eifer gepflegt. Eines Tages kehrte er in Vi^inia bei einem Farmer ein und hörte, daß die Tochter seines Gastsreurrdes sich mit der griechischen Sprache beschäftigte. Er bot sich als Lehrer an, blieb längere Zeit in dem Hause, wendete aber sein Interesse nicht allein dem alten Griechenland, sondern auch den wirtschaftlichen Verhältnissen der amerikanischen Staaten zu. Noch immer ziemlich weit davon entfernt, ein Krösus zu sein, wanderte er zu Fuß nach Texas, erwarb sich dort durch seine Klugheit eine hervorragende Stellung und wurde einer der ersten S-chöPser der Eisenbahnverbindungen in Texas und den Nachbarstaaten. Ein Sohn dieses „klassischen" Eisenbahnbauers ist Albert D. Laster, der in Chicago Präsident der großen Adder tising Agency Lord and Thomas ist und zu den Stützen der republikanischen Partei gehört. Durch feine Berufung an die Spitze des Shipping Board ist er jetzt zu führendem Einfluß in der amerikanischen Handelsmarine gelangt. 6. T. Berlin, 30. August. In der Beleidigungsklage, die der bekannte Knlippel-Kunze gegen den verantwortlichen Redakteur des „Berliner Tageblatts", Erich Dombrowski, angestrengt hat, steht neuer Verhandlungstermin am 10. September 1921, vormittags 11 Uhr, vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte, Alt-Moabit 11, an. Herr Kunze fühlt sich durch einen Artikel des „Berliner Tageblatts", „Der Held von Gardelegen", beleidigt, in dem mitgeteilt wurde, daß Kunze, einer der wildesten Heimkrieger am Schreibtisch und Rednerpult, während des ganzen Krieges die Front niemals gesehen, sondern in Gardelegen als Dolmetscher und Propagandaredner in einer Villa gelebt, sich als Selbstversorger beköstigt, gehamstert und Vieh gezogen.hat. Ein Witzbold stellte damals ein Schild mit der Aufschrift „Ziegenkunze" auf das Land, das Herr Kunze' gepachtet hatte. Wie erinnerlich, verfiel die erste Verhandlung der Vertagung, weil der Beklagte für sämtliche Behauptungen des Artikels den Wahrheitsbeweis angetreten hat. Alle diese Zeugen, insbesondere eine Reihe von Einwohnern Gardelegens, werden in dem neuen Termin vernommen werden. In Gardelegen selbst äußerte man, mt mitgeteilt wird, nach dein Erscheinen des Artikels: „Das ift Kunze, wie er leibt und liebt." Bad Krrdowa, -im August. Am 3. d. M. hielt die hiesige C h e w r a Kadis ch a ihre diesjährige Generalversammlung ab, welche mit der feierlichen Uebergabe der neu erlmuten L e uch e n - Halle verbunden war. Die Chewra ist vor fünf Jahren von Kurgästen zu dem Zwecke gegründet worden, eine Leichenhalle zu errichten, für kranke Kurgäste zu sorgen und .während der Saison einen würdigen Gottesdienst zu un-terhaUen. T>ur>ch> die Kriegswirren zog sich der Bau der Leichenhalle bis jetzt hin. Nunmehr ist, etwa 10 Minuten von: Kurplatz entfernt, auf einem von Bäumen bewachsenen, sauft ansteigenden Hügeldie Halle errichtet worden. Der Vorsitzende der Chewra, Augenarzt Dr. Joses Schle si n ge r (Breslau), begrüßte die zu der Einweih.ungsseierlichkeit sehr, zahlreich erschienenen Gäste. Sodann dankte er der evanMlischen Kvrchengemein.de, welche bisher in ihrer Halle den verstorbenen jüdischen Kurgästen Gastrecht gewährt hat, und den Vertretern der Synagogengemeinden zu. Breslau, Glatze Gleiwitz, Taruowitz, Kattowitz und Beuchen sowie des Ordens Bne Brith, welche zu der Feier erschienen waren. Hieraus nahm Herr Rabbiner Ellguther (Neisse) in würdiger Weise die Weihe