Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 213 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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213 „Sie haben mich durchzulassen, wenn Sie wissen, wer ich bin, und Sie wissen, daß ich Rabbi Jehudas Tochter bin." „Jh, was kümmern mich die Töchter von alten Judenpredigern, aber ein netter Schatz bist du." In diesem Augenblick nahte der zweite Wachthabende, der lachend zugehört hatte: „Pst!" und stellte sich in Positur. Auch der erste trat an seinen Platz zurück. Leutnant Samter kam; er blickte von einem zum anderen. „Begegnete der Posten Ihnen ungehörig?" wandte er sich an Miriam. Sie sing einen drohenden Blick des Polizisten auf. „Nein, Herr, nein", antwortete sie, „darf ich passieren?" „Das Fräulein darf ein für allemal jederzeit unbehelligt ein- und ausgehen", sprach er mit Nachdruck. Miriam verneigte sich leicht, ihn dankbar ansehend. * In dem größeren der beiden Lokalzimmer fanden die Vernehmungen statt. An einem Tische saßen Hauptmann Sönkerost, Leutnant Scimter und ein Amtsschrei-ber. Ein Polizist stand hinter dem Hauptmann, ein zweiter an der Ausgangstür. Da die Verhandlung eine öffentliche war, nahmen einige Leute sich die Zeit, ihr beizuwohnen. „Stani Bachkes!" rief der an der Tür postierte Polizist den vierten oder fünften Zeugen hinein. „Sie fanden den ermordeten Knaben aus," sprach der Hauptmann nach der Eintragung der Personalien des Zeugen, „erzählen Sie die näheren Umstände." „Wie ich so um sechs rum an das Haus von dem Juden komme, da sch' ich was in der Ecke von dem Flur, da geh' ich ran und stoße an was, weil's schon Halbdunkel ist, und seh' nach, was es ist, und fall' fast um, wie 's ein toter Junge ist." „Was taten Sie alsdann?" „Da klopfte ich an bei dem Juden, aber nicht schlecht, und er kommt ganz zittrig raus, und ich schrei' ihn an: »Sieh mal dahin? Und er schreit: »Herr Soldat, tun Se mer nischt, ich will Se geben all mein bißchen Geld, was ich Hab? Ich Hab' aber ausgespuckt und gleich gemerkt, warum er's sagt und schimpfe ihn »Blutmörder' — und alle Leute kamen, und ich holte die Polizei." „Sie haben sich nicht ganz richtig benommen, aber doch ehrlich und geradezu; ein Soldat ist ja auch kein Jurist. Sie können abtreten; diesen Ausgang. Wollten Sie etwas bemerken?" fragte er den Leutnant auf eine Bewegung desselben hin. „Was meinten Sie denn mit dem Worte ,Blutmörder?'" fragte der Leutnant. „Das ist doch die Bezeichnung des Volkes für »Ritualmord'", antwortete der Hauptmann achselzuckend an Stelle des Zeugen. Dieser trat ab, Anna Katti wurde eingelassen. „Nun antworten Sie mal ganz frisch von der Leber weg, mein Kind," redete der Hauptmann sie an, „wir beißen hier nicht; Sie dienen bei dem Juden Prediger?" „Jawohl." „Sagen Sie mal. Kleine, es geht uns hier ja eigentlich nichts an, wird auch nicht protokolliert," wandte er sich an den Schreiber, „das ist wohl eine heillose Wirtschaft bei solchem Juden, was? Alles drunter und drüber?" „Na, aber Herr Hauptmann," Anna stemmte die Arme in die Seiten, „da muß mich einer schön angeschwärzt haben aus der Polizei; das kann nur die Stanja gewesen sein von um die Ecke, die hat immer die Leute im Mund, und auf mich ist sie besonders hinterher, weil se solch schwarzes, sommersprossiges Nickel ist, und keiner will se; der glauben Se man kein Wort; wo ich allens so sauber mache und wasche und aufwasche, und nicht nur so vorne rum, wo man's sieht, die Ecken sind ganz ebenso reine. Sie können selbst hinkommen und kontrollen; ne, so 'ne Gemeinheit!" „Aber Kind, Kind, so war's ja gar nicht gemeint, ich weiß ja, daß Sie eine Perle von Mädchen sind, das sieht man Ihnen ja schon an; ich wollte nur mal hören, wie es in solcher Judenfamilie zugeht. Ein Herr, Wie ich, kommt doch nie hin in solche Bude; wundert mich überhaupt, daß ein honnettes Christenkind da dient; Sie würden doch auch bei Rechtgläubigen eine Stellung finden." „Ich seh' schon, daß der Herr Hauptmann recht hat, er kommt nicht hin bei die Leute. Na, das können Sie alles von mir hören, wie es manchmal solch armes Dienstmädchen hat bei Herrschaften, wo rechtgläubig sind, wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, well die ebensowenig tut wie die linke, wo man immer merkt, daß man so recht tief drunter steht, und alle befehlen, und die Kinder sind so von oben runter wie die Großen, und mit dem Lohn ist's auch man so so, und immer heißt's, im Himmel wird's belohnt, wenn man hier unten man knapp hat. Bei dem Herrn Rabbiner, der is ja man 'n Jude, is ja wahr, aber der verbindet nicht das Maul von dem Ochsen, der drischt, und sagt freundlich »Wie geht's?' und »Morgen is auch noch 'n Tag', und man weiß doch, daß man 'n Mensch ist, und wie ich krank war, hat mich's Fräulein gepflegt, und ich habe nichts anrühren gebraucht, und..." „Schon gut, schon gut", unterbrach der Hauptmann mürrisch, „das gehört ja alles nicht zur Sache. Sie haben das arme, ermordete Kind gesehen?" „Das war schrecklich", sagte Anna schaudernd. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Wie w e i t h a t De >litz f ch r e ch. t? Beantwortet durch kritische' Beleuchtung des zweiten Teiles von Delitzschs „Die große Täuschung". Von Edu >a rd König, Dr. litt., semit., Phil.,, theol., ordentlicher Professor und Geheimer Konststoriailrat in Bonn. Berlin 1921, C. -A. Schwetschike u. Lohn, BerlagsbuckHaudlung. Gegründet 1729. Noch einmal, zieht der greise Bonner Bibelforscher Könlkg den durch Rassenhaß verblendeten Assyriologen Delitzsch vor das Forum der besonnenen, prüfenden Wissenschaft und antwortet auf den zweiten Teil der „Großen Täuschung" mit einer Gegenschrift „Wie weit hat Delitzsch «recht?" Ich selbst! habe zweimal gegen Delitzsch die Feder geführt und dabei immer das Gefühl gehabt, Delitzsch versteht seine Gedanken und Beweise geschickt darzulegen und anzuordnen. Es ist! der Geist frischen Kampfesmutes, der seine stilistische Formgebung beschwingt, und ich habe mich bemüht, in meinen Entgegnungen einen gewissen Höhestand volkstümlicher Ausdruckskultur nicht zu verlassen. König verschmäht es, in seuilletonistischer Lebendigkeit sich rn.it Delitzsch ausdinanderziisetzen. Mit dein schweren Rüstzeug der geilehrten Forschung! wohl gewappnet ste'gt er -in die Ar>en,a und kreuzt mit seinem Gegner die Klinge irr Wafsengängen, die wvhlj dis ins kleinste die strengste Schulung zeigen. König schenkt seinem Leser nichts von 'der gelehrten' Kleinarbeit, die er zur Widerlegung nötig hält. Mit scholastischer Gliederung läßt er paragraphenweise seine Gegenargumente ausmarschieren. So liest sich die gehaltvolle Schrift für den Nichtfachmann nicht gerade leicht. Das ist zu bedauern. Denn König führt die Sache der Wahrheit mit guten Gründern. Er beherrscht fein Fach mit erstaunlicher Gediegenheit und bringt auch in dem neuen Büchlein eine Fülle brauchbaren Materials. Gegen Delitzsch unwissenschaftliche Herabwürdigung des hebräischen Textes zeigt König, daß doch die U nzu verlässt glei t der -alten Ueberl-iefernng nicht so sicher ist. Der Name des zweiten Beherrschers des neubabylonischen Reiches lautet bei den Babyloniern selbst Nabu-Kiidiirausuo Nebo schütze mein Gebiet. Das mittlere r dieser Namenssorm haben die hebräischen Wiedergaben dieses Namens bei Jeremias und Ezechiel, treu bewahrt, und spätere Abschreiber haben diese Schreibw'eife nicht der sonst übbichen Nebu Kadnezar angegliedert. . . Wenn Delitzsch die Ausfälle der Propheten gegen den babylonischen Bilderdienst ungerecht .findet und ineint, ,di-e Propheten hätten die denkenden Babylonier verkannt, die kein Gebet an das Gottesbild gerichtet hätten, so fragt König mit Recht, ob denn die babyltonischien Könige, die beim Frühli,ngsnenfa.hr mit dem Bildnisse des Stadtgottes Marduk Handschlag austauschten, nicht zu den „denkenden"