Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 211 (sequence 9)
- Language
- German
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211 des Gotteswortes gegönt sein, noch .ungegälhtte Jahre in seinem Amte zu wirken, zur Freude seiner Familie und zun: Segen und Heile des Judentums. Dr. M. Proßnitz (Wien). Lum 4lljshriyen flnitsjubilsum des Sbertzsntors Lmsnue! Lirlchner (München). mit Emanuel Kirschner holte sich vor 40 Jahren die Münchener Gemeinde einen jungen zweiten Kantor aus Berlin, um ihn: nicht nur ein Amt, sondern auch einen Wirkungskreis zu bieten. Beides ist nicht dasselbe. Im „Amt" hört der eigene Wille auf, im zugestandenen „Wirkungskreis" wird die Triebkraft des Willens nicht unterbunden. Kirschner wurde zu einer Zeit Kantor, als man dem altjüdischen Gottesdienst in mißverstandener Reformsucht das jüdische Gepräge nehmen wollte. Man wollte anders erscheinen, als man innerlich tatsächlich ist, vergaß, daß der Rhythmus der hebräischen Sprache sich eben diejenigen Singarten schuf, deren sich unsere Voreltern seit Jahrhunderten bedienten, sich an ihnen erbauten, und von Land zu Land es der veränderte Sprachlaut ist, der das allgemein Musikalische in Stilarten sonderte. Als Zacharias Frankl, 1832—1836 Rabbiner in Teplitz, später der erste Direktor des Breslauer Jüdisch-theologischen Seminars, auf der Synode in Frankfurt a. M. die denkwürdigen Worte aussprach: „Die hebräische Sprache erweckt uns zur Andacht und versetzt uns in eine höhere Stimmung, sie ist unser Erbteil, unser Heiligtum, unser hohes Denkmal, unser teures Kleinod und darf aus dem Gottesdienst nicht entfernt werden", da bewahrte er die heutige Generation davor, einen großen Fehler wieder gutmachen zu müssen. In Elsaß-Lothringen z. B. ist nach neuestem Erlaß die öffentliche Aufführung deutscher Dichterwerke in deutscher Mundart verboten. Auch die Gesangsliteratur ist von diesem Verbot betroffen. Die Politischen Verhältnisse haben in anderen Provinzen und' Ländern denselben Wandel geschaffen. Wie stände es da mit dem jüdischen Gottesdienste, wenn „Sein und Nichtsein" nur vom Gebrauch der jeweiligen Landessprache abhinge? Genau so verhält es sich mit dem musikalischen Charakter des jüdischen Gottesdienstes. Jede neu eingesührte Sprache müßte buch eine musikalische Umwälzung zur Folge haben. Und da offenbarte sich im Schaffen des Münchener Oberkantors Emanuel Kirschner nicht bloß zur rechten Zeit der ganz modern orientierte schaffende Musiker, sondern der von altjüdischem Vorbetergeiste beseelte Jude, der mit fremder Art — auch wenn sie künstlerisch beivertet ist — im Gottesdienste nicht liebäugeln wollte. Er stammte ja aus einer schönen, altehrwürdigen Gemeinde, die aus altkantorale (chasonische) Trädition viel hielt, aus Beuthen (O.-S.). Kindliche Pietät gestattet mir wohl bei dieser Gelegenheit auch der chasonischen Individualität meines gottseligen Vaters als Kantor in Beuthen zu gedenken — und so kamen auch Jugendeindrücke hinzu, die den jungen Berliner Seminaristen Kirschner darin bestärkten, wohl aus dem Schassen jüdischer Kantorenbildner Vorteil zu ziehen, sich dabei aber das Recht aus die eigne „Persönlichkeit" zu wahren!! So manches Talent unter den jüdischen Kantoren mußte verkümmern, weil ihm dieses „Persönlichkeitsrecht" vorcnthalten wurde. Es mußte vor einer Tradition sich beugen, die keine Tradition war, sondern der behauptete Wille eines Gewalthabers mit Amtsbefugnissen und Recht auf „Sein und Nichtsein", soweti die Existenz des aus Untertänigkeit sich einzustimmenden Beamten in Frage kam. Der alte Typus der Kantoren hatte in einer Zeit, da unter den Gemeindemitgliedern das musikalische Verständnis und der Geschmack sich in höherer Richtung bewegten, doch an Boden verloren; man unterschätzte dieses Können im alten Stile stark und bevorzugte eine Generation, die etwas mehr von Gesangsregeln wußte, oratorienmäßig sang und einem Stile entgegenkam, der von jüdischem Geiste kaum noch überhaucht war. Das Können entsprach ganz den Anforderungen, die durch die eingeführten Gesänge gestellt wurden. Wer mehr geben wollte, durste es einfach nicht! — Ungefähr drei Jahrzehnte wucherte dieser Schwächezustand auf kantoralem Gebiete; man versuchte aus alle mögliche Weise die kantorale Frage zu lösen, d. h. den Kantor entbehrlich zu machen. Mit negativem Resultat! Die Gemeindemitglieder wollten wieder als Juden beten, nicht wie Andersgläubige, und dazu war es eben nötig, den altjüdischen Stil der Gesänge wiederherzustellen. Kirschner war der erste, der sich für dieses notwendig gewordene Verfahren die Regeln selber schuf. Er sah in den Reihen der Kantoren auch deutsche Seminaristen, die durch ihren erweiterten Studiengang einfach nicht Zeit genug fanden, wie die Kollegen aus dem Osten eine gewisse gesangliche Virtuosität anzustreben, die nun einmal der Maßstab wird bei der Ausführung vieler altjüdischen Singarten. Es galt also in der Hauptsache, den Charakter der Gesänge zu retten, ohne auch deutsche Kantoren mit ihren ganz anders gearteten, mehr auf liedmäßige Verwertung gerichteten Sängersähigkeiten anders als im Sinne ihrer Befähigung zu belasten! — Er fand das Mittel, indem er die alten Behelfe des Meschorerwesens (Begleitstimmen), des Ergänzend, des Abschließens kantoralen Ausdrucks stilgemäß in die Orgelstimme verlegte. Wer von meinem Bruder Magnus Dawidsohn in der Synagoge Fasanenstraße zu Berlin jenen W'schomru von Kirschner gehört hat, bekam durch diese eine Komposition bereits einen Einblick in das künstlerische Verfahren, das Kirschner mit frommen: Wollen und starkem Können wählte, um selbst den: Gottesdienste in einem Resormtempel ein stark jüdisches Gepräge zu erhalten! Die Intervalle haben jüdischen Charakter, die Melodie in ihrer Grundform ist altjüdischer musikalischer Ausdruck, hervorgegangen aus andächtiger Freitagabendstimmung und treuer Hingabe an das Gebot der Sabbatheiligung. Zu solchem Können gehört mehr als Sinn für musikalische Symmetrie, Orthographie (Harmonielehre) und Erfindungskraft. Es gehört die j ü di s ch e Seele dazu!! Und alle, die ihr für den Tempel schreibt, laßt es euch sagen, glaubt nicht, daß wir Kantoren nach den: musikalischen, bloß künstlerischen Wert unsere Auswahl treffen sollen und wollen und dürfen, wir suchen nach der spezifisch „jüdischen" Note!! Kirschner geht darin so weit, daß er im „Schma Jisroel" vor dem Ausheben der Thora bereits an die Singart der nun folgenden Thoravorlesung erinnert, sie gleichsam eröffnet wie mit einer Ouvertüre von wenigen Takten. In dieser Zeitschrift besprach ich vor 10 Jahren das dritte Hauptwerk Kirschnerschen Schaffens, die durchsichtige, erhabene Stimmführung der Chöre, den innigen Gemütston der Kantilenen, die Sangbarkeit, die richtig textgemäße Verteilung zwischen Kantor und Chor; aber alle diese Vorzüge, gehören sie auch zur Abrundung erfolgreicher kompositorischer Tätigkeit, wiegen das Hauptmerkmal nicht auf, daß wir in Kirschner den „K a n t o r - K o m P o n i st e n" haben, der eben als Komponist den — Kantor nicht verleugnet, denjenigen Mann, der im jüdischen Gottesdienste unter Wahrung aller künstlerischen, zeitgemäßen Merkmale immer wieder erinnert, daß wir auf eine große jüdische Vergangenheit zurückblicken, die nicht bloß Leid und Unterdrückung in Mittelalter und Neuzeit brachte, sondern auch umstrahlt war von biblischem „H e l d e n t u n: i n: G e i st e" und Davidischer Psalmenlyrik. Kirschnersche Melodien erinnern wohl auch an Gettotränen, aber sie erschlaffen darin nicht: aus dem Schicksalslied in der Moll-Ton-