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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-02 · Heft 18 (2.9.1921) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 18 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
Seite 210 (sequence 8)
Language
German
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210 David Lrimüörftr zum 70. Geburtstage. er hervorragende Kanzelredner und gelehrte Bibelforscher Rabbiner Dr. David Leimdörfer in Hamburg vollendet am 17. September d. I. sein 70. Lebensjahr. Es sind noch nicht drei Jahre feit dem Zeitpunkte vergangen, da die Stätte der Wirksamkeit Leimdörfers, der Hamburger Tempel, anläßlich des hundertjährigen Jubiläums seines Bestandes in seiner Bedeutung für das neuzeitliche Judentum angemessene Würdigung gesunden hat, und heute ist es geziemend, den Meister zu ehren, der durch die Macht seiner rednerischen Persönlichkeit es verstanden hat, den durch Kley und Gotthold Salomon begründeten geschichtlichen Ruhm dieser Kanzel zu erhöhen und zu mehren. Es bedarf keines langen Lobliedes auf Leimdörfers Kanzelberedsamkeit, denn ihr edler Wert ist gesichert in der begeisternden und zündenden Wirkung, die sie ausgeübt und fortgesetzt ausübt, wie in der Erweckung und dauernden Erhaltung religiösen Gefühlsintevesses und religiös-ethischer, in Taten sich kundgebender Gesinnung in der Mitte seiner Gemeinde. David Leimdörfer stammt aus einem kleinen Orte. Jllinik, in der vor dem Umstürze noch zu Ungarn gehörigen Slowakei und hat seine theologische und allgemein-wissenschaftliche Ausbildung an den Gymnasien und talmudischen Akademien — Jeschibot — in. Sillein, Waitzen, Budapest und Preßburg, an der Universität zu Wien und namentlich am Wiener Bet-Ha- Midrasch unter Adolf Jellinek, I. H. Weiß und M. Friedmann gefunden. 1875 wurde er von der preußischen Geineinde Nordhausen zum Rabbiner berufen und folgte im Jahre 1883 einem Rufe des Hamburger Tempelverbandes. Dort wirkt er als echter Seelenhirt und Kanzelredner im Sinne Adolf Jellineks, als dessen Schüler und geistesverwandten Nachfahren Leimdörfer stets mit Vorliebe und berechtigtem Stolze sich selbst bezeichnet. Seine zahlreichen Arbeiten aus dom Gebiete der Bibelforschung und Pädagogik fintv über die Grenzen der gelehrten Fachkreise hinaus bekannt und hoch geschätzt. Sie alle atmen den tiefernsten ethischen Geist, welcher den Gvundzug seiner Persönlichkeit bildet, indem sie nämlich nicht bloß.theoretischwissenschaftliche Abhandlungen sind, sondern großenteils überzeugungsmutige Kampfschriften, die den Wahrheits- und Sittlichkeitsgehalt des Judentums und seiner Literatur vor Verkennung und Vorurteil geschützt wissen wollen. Zu seinen bibekwissenschastlichen Arbeiten gehören insbesondere: „Kohelet in historischer Beleuchtung", „Die Lösung des Koheleträtsels durch den Philosophen des 16. Jahrhunderts Jbn Baruch", „Das Psalter-Ego in den Jch-Psalmen", „Psalterklänge", „Der JHWH-Fund von Babel — in der Bibel" gegen Delitzsch u. a.st. — Leimdörfer ist auch Begründer und Leiter der „Gabriel - Rießer - Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", in der er selbst und hervorragende Gelehrte von auswärts religionsphilosophische und geschichtliche Vorträge hielten. Von seinen Predigten seien erwähnt: „Unser Gottesbekenntnis", Feststvauß dem Ewigen", „Der biblische Priestersegen", „Unsere Kelduscha", „Mene Tekel", „Der alte Gott und die neue Zeit". Es ist das besondere Verdienst Leimdörfers, daß er in seiner homiletischen Tätigkeit die allgemein menschlichen, universalistischen Ewigkeitswerte der Glaubenslehre Israels zu verkünden und dem VerMndniffe näher zu bringen bestrebt ist. Aus seine Predigten läßt sich der Ausspruch anwenden: „Worte, die vom Herzen kommen, dringen zum Herzen". Nur eine selbst innig und tief religiös veranlagte Persönlichkeit ist imstande, auf den Hörer eine überzeugende und so überwältigende, sittlich läuternde Wirkung zu üben- Dieses tief religiöse Innenleben Leimdörfers erkennt man am besten aus einer seiner Abhandlungen, deren noch zum Schluffe Erwähnung getan sei: „Die Religion ein Naturgesetz der Seele", worin dargelegt wird, das Gottesbewußtsein könne auf fünf verschiedenen Wegen gesucht und gewonnen werden, durch das Denken, Fühlen, Wollen, das pflichtgemäße Handeln und durch die Sehnsucht nach allumfassender Liebe. Es heißt da: „Die Seele ist mir eine Lyra mit fünf Saiten, aus denen je ein Ton der Religiosität schallt, die aber alle zusammenfließend ein Psalmodium des reinen Menschenherzens ergeben, voll göttlicher Harmonie — die Religion". Möge es diesem wackeren, begeisterten Künder st Auch aus folgende Schriften des Jubilars, die gleichfalls einen bleibenden literarischen Wert besitzen, sei bei dieser Gelegenheit hingewiesen: „Zur Kritik des Buches Esther", „Nlessiasapokalhspe", „Das Sifrerätsel", „Kaddischgebet", „Vernunftkritik der Bibel", „Religion und Wissenschaft", Talmudische Ethik des Alphabets", .^Würdigung der Geschichte", „Erster Priesterornat im Talmud". Besondere Erwähnung verdienen neben seinen pädagogischen Schriften seine Gelegenheitsreden, von 'denen wir hier aus Mangel an Raum — sie gehen in die Hunderte — nicht einmal die Titel aussühren können. Der Jubilar unterhielt auch eine rege Korrespondenz mit bekannten Männern der Wissenschaft — wir nennen nur die Namen I. H. Weiß, Moritz Lazarus und Gustav Karpeles — und nahm und nimmt lebhaften Anteil an allen Bestrebungen, die zur Restaurierung 'des Judentums und Förderung 'der Mewschheitsziele dienen. Auch, in nichtjüdischen Kreisen erfreut sich Dr. Leinidörser wohlverdienter Wertschätzung. Einer seiner größten Verehrer war der vor einigen Jahren verstorbene Hamburger Pastor Clemens Schultz, 'der, ein überzeugter Christ, in Leimdörser den überzeugten Juden verehrte und gleich ihm bestrebt war, Toleranz und kvnfeffionellen Frieden zu pflegen und seine Gemeinde im Sinne LeffingS zur vorurteilsfreien Menschenliebe zu erziehen. Ans den verehrten Jubilar darf das bekannte Wort augewendet werden: Wer weite Kreise in Werken 'der Menschenliebe fördert, dern wird deren Verdienst augerechnet. D i e R e d a k t i 0 n. i Rabbiner Dr. D. Leimdörfer (Hamburg).

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