Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 208 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Produktiver Arbeit, besonders auf dem Gebiete der Landwirtschaft, geändert wird. Darin kommt klar die Wechselwirkung zwischen den zwei wichtigsten Prozessen im jüdischen Wirtschaftsleben (der Produktivierung der jüdischen Massen und der Emigration) zum Ausdruck. Aus diesem Grunde kann die „Ort" dem jüdischen Wanderstrom gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Vielmehr hat sie die Aufgabe, die jüdischen Auswanderer für die ökonomischen Verhältnisse und Forderungen der für die Einwanderung noch gewissermaßen offenstehenden Länder (Argentinien, Kanada usw.) vorzubereiten. In dieser Hinsicht muß die Bildung von Emigrantengruppen zur Vorbereitung für die landwirtschaftliche Arbeit, welche die Möglichkeit zu uneingeschränkter Einwanderung (beispielsweise nach Kanada) gewährt, gefördert werden. Aus allgemeinen und besonderen Gründen muß die Tätigkeit auf dem Gebiete der Hilfe durch Arbeit für die Flüchtlinge in der Gesellschaft „Ort" konzentriert werden. Bei der Zentralverwaltung der Gesellschaft muß eine spezielle Kommission für Hilfe durch Arbeit im Zusammenhänge mit der Flüchtlings- und Auswanderungssrage gebildet werden, die in einem steten Kontakt mit den anderen jüdischen Hilfsorganisationen, welche auf diesem Gebiete allgemeine Arbeit leisten, stehen muß." Als eine der ersten Aufgaben der genannten Kommission sieht der Referent die Sammlung von Informationen und anderem Material an, die die Aufstellung eines konkreten Arbeitsprogramms für die Anpassung der jüdischen Auswanderer an die Verhältnisse der Einwanderungsländer ermöglichen. Die Konferenz bezeugte ihr warmes Interesse für die Frage der Arbeitshilfe für die Flüchtlinge in einer entsprechenden Resolution. — Einen besonderen Platz nahm der Vortrag von Herrn Rechtsanwalt B r a m s o n über die weitere Tätigkeit der Gesellschaft „Ort" und den Plan ihrer Organisation ein. Unter Berücksichtigung der im Laufe der Beratungen von den Delegierten gemachten kritischen Bemerkungen und der zutage getretenen Wünsche entwickelte der Redner einen umfassenden Plan für die systematische Arbeit der Gesellschaft auf allen ihren Tätigkeitsgebieten. Was die Zusammensetzung der lokalen Organisationen anbetrifft, so fordert der Berichterstatter, daß die Lokalkomitees der Gesellschaft auf demokratischer Grundlage gebildet werden und aus Vertretern der interessierten jüdischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen unter Hinzuziehung von Fachleuten bestehen sollen. Um die finanzielle Selbständigkeit der Gesellschaft zu erreichen, müssen die Lokalkomitees sich mit der Beschaffung von an Ort und Stelle aufzubringenden Mitteln befassen wie es die Komitees der Gesellschaft früher einmal unter den schrecklichsten Bedingungen in Odessa und anderen Städten mit Erfolg durchgesührt haben. Herr Bramson sprach weiter über die aus den Verhältnissen sich ergebende Notwendigkeit der Bildung von Rayon- und Lokalkomitees sowie über die Funktionen der vom Zentrum zu ernennenden Bevollmächtigten. Er schlug einen Plan zur Vereinigung der in verschiedenen Ländern bestehenden „Ort"-Organisationen zu einem Verbände vor, der, ohne die Autonomie der Lokalkomitees zu beeinträchtigen, die Tätigkeit derselben koordiniert und regelt. Dieser Plan wurde von der Konferenz unter Hinzufügung einiger Korrekturen einstimmig gutgeheißen. Gemäß dem Beschluß der Konferenz werden an die Spitze des Verbandes ein Zentralrat und eine engere Verwaltung gestellt, die beide von der Konferenz gewählt werden. Der Zentralrat ist verantwortlich vor der Konferenz, während die zentrale Verwaltung vor der Konferenz und dem Zentralrat verantwortlich ist. Der gewählte Zentralrat besteht aus 18 Personen, die das Recht haben, noch fünf Personen aus den neu in der Bildung befindlichen „Ort"-Komitees in Osteuropa zu kooptieren. In den Zentralrat wurden folgende Herren gewählt: B r a m f o n (Paris), Professor Frankfurt (Berlin), F r u m k-i n (Berlin), I a s ch u n s k y (Grodno), Jefroikin (Paris), Kah an (Wilna), Dr. K r uk (Warschau), L. Kruk (Wilna), Lv ov itch (Berlin), D. Movschowitsch (London), O k u n (Wilna), R o t t m a n n (Kischinew), Dr. S ch a b a d (Wilna), Dr. Schein (Paris), Dr. Silberfarb (Warschau), Dr. Singalvwsky (Berlin), Temkin (Paris), Zegelnitzkh (Moskau). Die Zentralverwaltung besteht aus drei Personen und zwei Ersatzmännern. Zu Mitgliedern der Zentralverwaltung wurden gewählt die Herren Bramson, Lvovitch und Zegelnitzkh, zu Ersatzmännern die Herren Dr. Silbersarb und I. Iaschunsky. Außerdem wird eine Revisionskommission aus fünf Personen gewählt. Nach Erledigung einiger technischen Fragen wurde die Konferenz nach einem kurzen Resum« der Ergebnisse der Konferenz und einem Appell an die Delegierten zu weiterer Arbeit und erfolgreichem Kampfe für die wirtschaftliche Gesundung der jüdischen Volksmassen geschlossen. * Internationale Emigrationskonferenz in Genf. Im Aufträge des englischen „Joint Foreign Committee" hat sich der Generalsekretär dieses Komitees, L u c i e, n W o l f, nach Gens, begeben, um gelegentlich der II. Internationalen Erwigrationskonferenz des, Völkerbundes in Angelegenheit der jüdischen Auswanderer zu intervenieren. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Schaffung von Erleichterungen fürdie jüdischen Emigranten und Oeffnung der Tore Iter britischen Dominions und der Vereinigten Staaten für «die Familien der in diesen Ländern bereits naturalisierten Jud^n. Lucien Wolf hat umfangreiches Mater üal über die Judenpogrome in freit Ukraine mitgenommen. J* P. Z. * I Alfred Neymarck. | In Paris starb im Miter von 73 Jahiren der bekannte Nationalökonom Alfred NeYmarck. 1848 in Chalons-sur-Märne geboren, hatte der Entschlafene schon in verhältnismäßig jungen Jahiren ein Finanzblatt, „Der Rentier" betitelt, gegründet, ,das nun 'bereits feit 50 Jahiren erscheint und. während dieser ganzen, Zeit von seinem Begründer selbst redigiert wurde. Der Verstorlbene, der. nicht nur in Finanz--, sondern 'auch in wirtschastspol.itischien- Kreisen eine hervorragende Rolle spielte, w,ar lange Zeit hindurch Vizepräsident der Gesellschaft für politische Oekonomie und zu gleicher Zeit Vorsitzender des Statistischen Amtes. Zahlreiche historische und statistische Werke, die seiner Feder entstammten, werden in Fachkreisen hoch geschätzt. Neben seiner vielseitigen Tätigkeit war NeYmarck auch Mitarbeiter verschiedener Ressorts des Finanzministeriums: die hervorragenden Dienste, die ec letzterem geleistet hat, brachten ihm den Rang eines Kapitäns der Ehrenlegion ein. Als bewußter Jude den Traditionen seiner Religion treu ergeben (er war regelmäßiger Besuchter des Sabbatgottesdienstes) widmete sich NeYmarck mit Herz und Seele den Interessen der Pariser Jüdischen Gemeinde. Als eines der ältesten Mitglieder war er jahrelang Schatzmeister des Pariser Konsistoriums. Auch dem Verwaltungskomitee des Rabbinerseminars, dessen Finanzen er reorganisierte, hatte er einige Zeit gedient und wurde wegen seines tatkräftigen Interesses! für jüdische Kulturarbeit zum Ehrenvizepräsident des Komitees für jüdische Schulen ernannt. * Entlassene jüdische Lehrer nnd Direktoren. Aus Budapest wird geschrieben: Die Budapester Stadtverwaltung, die bekanntlich seit freu letzten Wahlen ganz in antisemitischem Fahrwasser ist und sich unter Führung Herrn Wiolffs. nicht genug an Verfolgungen jüdischer Beamten tun kann, hat von dem Bestreben, den Beamtenstand der ungarischen Hauptstadt „judenrein" zu gestalten', in neuerer Zeit 160, zumeist jüdischen Fachlehrerinnen unter dem Vorwände gekündigt, daß sie noch definitiviert seien und die Stadt ihren Beamtenstand restringuieren müsse. Die von dieser Verfügung schwer betroffenen Lehrerinnen, 'die zumeist schon weit über' zw-ei Jahre ihn Dienste der Hauptstadt -gestanden, wedden mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde den Klagewieg gegen 'die Stadtverwaltung betreten. Eine ähnliche ungesetzliche und ungerechtfertigte Verfügung wurde gegen 23 jüdische Schuldirektoren, getroffen, die einfach von der Leitung der betreffenden Schulen enthoben und als einfache Lehrer eingereiht wurden, trotzdem der Leiter fres Unterrichtsw'esens, der antisemitische Magistratsrat Dr. Eugen Zilahi-Kiß, noch vor kurzem in einer öffentlichen Sitzung erklärt hatte, daß' die ordnungsgemäß gewählten Direktoren, die sich nichts zuschulden kommen ließen, unmöglich von ihren Stellungen entfernt werden können, weil dies direkt eine Ungesetzlichkeit wäre. Die betroffenen Direktoren beschlossen, gegen den Magistratsbeschluß an den Minister des Innern zu rekurrieren, der, wie die Direktoren, hoffen, eine solche flagrante Ungesetzlichkeit und Ungerechtigkeit denn doch, nicht dulden werde. * Neue Pogrome im Bezirk Bobronisk. Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris erhielt aus. authentischer Quelle eine Liste -der Gegenden und der