Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 207 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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207 li-che Priüfiunig einKU'treten,, ob u,n>d> wieweit es in Ziuikumst möglich sein wird, die Jnterlnierunig nur *a»u(f die krimi,nellen Elemente, aus -die sich 'die Fürsorge ^bes Arbeiierfiü>rs>o'r,ge'am!ties bekanntlich nie cmsgsdehnt hat, zu, 'beschränken. Das Internierung,sVager S,t,a>r-g.ard wird mit dom 1. September aufgehoben; soweit nach diesem Termin noch Internierungen Vorkommen sollten, werden die Internierten in das Lager Kottbus gebracht werden, das einer strengen Kontrolle untersteht. . Zur Frage der Legitimierung -der Ostijiuden in Deutschland, die durch unklare Bestiimmrungon Ifrühever Miniisterialerlasse akut geworden war, sagte der Minister die generelle Verlängerung, der LegitimationsPapier e zu. Ebenso wurde die seit Monaten erh,obene Forderung des Arbeiterfürsorgomutesj, für tatsächlich staatenlose Personen Legiti'mationsp>apiere miit der Bezeichnung „staatenlos" ausstellien zu dürfen, für die -Me Ostjudieusiedlunig bedingungslos, für die später nach Deutschland gekommenen Leute mit gewissen Einschränkuingen als .berechtigt anerkannt.. Der Minister wird nach Zustimmung des Rejchsministeriums d-es Innern das hierin Erforderliche veranlassen. Es ist zu hoffen, daß die getroffenen Derein'barun'gen, die einen neuen Mimsterialerlaß zur Folge haben dürsten, den Erfolg Huben, die in den letzten Monaten, insbesondere von einzelnen RegierungsPrälsidenten!, betriebene rein antisemitische Behandlung der Frage der ost-jüdischen Arbeiter endgültig zu inhibieren und der sowohl im Staatsinteresse wie im Interesse der Flüchtlinge liegenden sozialpolitischen Lösung des Problems, wie sie das Arbeitersürsorgeamt «strebt, einen Weg zu bahnen. * X&eUtonfetem der Gesellschaft „Ort". Vom 31. Juli bis 3. August tagte in Berlin die erste Konferenz seit Kriegsabschluß der „Gesellschaften zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden (Ort)", die auf Initiative der Mitglieder der Auswärtigen Delegation der Gesellschaft, der Herren L. M. Bramson und D. L v o v i t ch, einberufen worden war. Erschienen sind Delegierte aus: Wilna (Dr. Sch ab ad, Ingenieur Okun, Direktor der Wilnaer technischen Kurse, und A. Kruk, Vorsitzender der Verwaltung der Wilnaer Jüdischen Gemeinde); Grodno (Agronom K a r o n); Kowno (Frau M a t i s , Bürger); Brest-Litowsk (Urinskh); Pinsk (Thr); Petrokow (Dr. Katzenbogen); Warschau (Dr. Kruk); Kiew (Dr. Silbe r s a r b, ehemaliger Minister für jüdische Angelegenheiten in der Ukraine, und I. L e s ch t s ch i n s k y, Statistiker und Oekonomist); Sowjetrußland (Agronom I. Zegelnitzky, Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der „Ort" in Moskau); Rayon für Mittellitauen (I. Jaschunskh und B. Kahan); Delegierte der Berliner Organisation (Professor Frankfurt, Rechtsanwalt I. F r u m k i n und Dr. A. S i n g a l o w s k h); Paris (Ingenieur W. T e m k i n, Dr. Schein (Institut Pasteur) und I. I e f r o i - k i n). Infolge der Visumschwierigkeiten konnten die gewählten Delegierten aus Dwinsk, Bjalhstok und Rowno nicht rechtzeitig zur Konferenz eintreffen und schickten der Konferenz telegraphisch ihre Begrüßung. Als Gäste nahmen an der Konferenz teil und begrüßten ste Dr. Paul Nathan vom Hilssverein der Deutschen Juden, Professor Marburg von der Gesellschaft „Esra", ein Vertreter der Organisation der „Chaluzim" in Litauen und Vertreter anderer Organisationen. Im Namen der Auswärtigen Delegation eröffnete Herr Rechtsanwalt Bramson die Konferenz und begrüßte die Delegierten, die trotz aller Schwierigkeiten aus neun verschiedenen Ländern erschienen waren. Er betont, daß im Zentrum der Verhandlungen die Organisationsfrage stehen wird, und spricht die Hoffnung aus, daß hier die Grundlage für einen Weltverband der „Ort"-Gesellschasten geschaffen werden wird. Im tarnen des Berliner Komitees begrüßt die Auswärtige Delegation, die Delegierten und die Gäste Herr Dr. A. S i n g a l o w s k h. Er führt aus, daß die Mitglieder der Auswärtigen Delegation während der durch den Zerfall Rußlands eingetretenen Zersplitterung des russischen Judentums das Streben nach Vereinheitlichung der Anstalten zum Aufbau des jüdischen wirtschaftlichen Lebens verkörpert haben. Zn bezug auf die Delegierten meint er, daß sie bei dieser Arbeit nicht die Zukunststräume unseres Volkes, sondern die starke Lebensenergie verkörpern, kraft deren unsere Volksmassen ihre zerstörte Existenz immer aufs neue aufbauen, allen Verfolgungen zum Trotz, zwischen einem Pogrom und dem anderen. Zum Vorsitzenden der Konferenz wurde einstimimg Herr Dr. M. S ch a b a d gewählt, als Mitglieder des Präsidiums die Herren W. T e m k i n, Dr. Silberfarb, Rechtsanwalt Frurnkin, I. Zegelnitzky, Professor Frankfurt, Rechtsanwalt Bramson und D. Lvovitch. Zum Generalsekretär der Konferenz wurde gewählt Herr Dr. A. Singalowskh. Nach der Wahl einer Redaktionskommission und eines Sekretariats wird die Geschäftsordnung der Konferenz sestgelegt, worauf Herr Rechtsanwalt Bramson seinen Bericht über die anderthalbjährige Tätigkeit der Auswärtigen Delegation in Westeuropa abstattet. Während dieser Zeit bekam die Auswärtige Delegation von verschiedenen jüdischen gesellschaftlichen Organisationen und von auswärtigen „Ort"-Komitees über zwei Millionen Francs, von welchen 679 000 Francs zum Einkauf von Maschinen und Werkzeugen für Handwerker verwendet wurden, 660 000 Francs zur Unterstützung der Landwirtschaft, 138 000 Francs für professionelle Bildung, 68 000 Francs für populäre technische Literatur usw. Insgesamt hat man 120 Orte mit'landwirtschaftlicher Bevölkerung (ungefähr 1200 Familien) mit Sämereien und Inventar versorgt und ihnen agronomische Hilfe gewährt. Es sind 47 Schulgärten gegründet worden, in denen 4000 Kinder von jüdischen Volksschulen und Talmud-Thoras unter Leitung erfahrener Gärtner gearbeitet haben. Für Litauen, Polen und die Ukraine sind Einrichtungen für ungefähr 2000 Privatwerkstätten für Handwerker zur Verfügung gestellt worden. Es wurden neun Handwerkerschulen mit 16 Werkstätten gegründet und unterstützt, in denen 700 Lehrlinge beruflich ausgebildet werden. An zwei Orten hat man technische Kurse eingerichtet, an dreien professionelle Abendkurse. Es sind landwirtschaftliche und Arbeiterproduktivgenossenschaften unterstützt worden. Zwölf neue Rahonorganisationen in fünf Randstaaten und sieben Organisationen in Westeuropa wurden gegründet. Die Konferenz hörte weiter die Berichte der Vertreter der Lokalorganisationen, die ein Bild der Tätigkeit der „Ort" in den verschiedenen Rayons im Zusammenhang mit den lokalen Verhältnissen entrollten. Besondere Aufmerksamkeit lenkten auf sich die Berichte aus der Ukraine (Silberfarb), .aus dem Grodno-Bj«a'lhstv^er Rayon (Jaschunsky) und aus Sowjetrußland. Der letztere Referent gab der Konferenz ein Bild von der Zerstörung des jüdischen Wirtschaftslebens in Rußland und von den Bedingungen, unter denen die Organisationen der „Ort" dort gearbeitet haben. Herr I. Zegelnitzky beteiligte sich an den Arbeiten des Zentralkomitees der „Ort" seit 1914. Er blieb bis in die letzte Zeit auf seinem Posten und, obwohl er manche traurige Einzelheiten von dem bis jetzt aussichtslosen Kampfe der „Ort"-Führer um die Wahrung des gesellschaftlichen Charakters der „Ort" in Sowjetrußland zu berichten wußte, forderte er doch die Konferenz auf, den jüdischen Volksmassen Sowjetrußlands Hilfe durch Arbeit zu gewähren und sie im Kampfe gegen das wirtschaftliche Chaos, in dem sie gegenwärtig leben, zu unterstützen. Die Frage über die Ausdehnung der Tätigkeit der „Ort" auf Sowjetrußland konzentrierte auf sich die besondere Aufmerksamkeit der Konferenz. Nach einem längeren Meinungsaustausch stellte sich heraus, daß die überwiegende Mehrheit der Delegierten die Inangriffnahme der Arbeit in Sowjetrußland als durchaus notwendig erachtet, wobei sie allerdings eine gewisse Vorsicht für geboten hält. Die über diese Frage gefaßte Resolution verpflichtet einerseits die Verwaltung zur Ausnahme der Tätigkeit für SowjetrnHland, fordert .aber anderseits 'daß di>7.se Arbeit nur in dem Falle geleistet werden soll, wenn die Gewähr dafür vorhanden ist, daß die gesandten Maschinen und Werkzeuge auch wirklich in die Hände der jüdischen Handwerker und Landarbeiter gelangen. Nach den mit Beifall aufgenommenen Berichten folgte eine Reihe von Vorträgen, von welchen ber des Herrn I. Jefroikin über die Aufgaben der „Ort" im Zusammenhänge mit der Emigration besondere Aufmerksamkeit beansprucht. Herr I. Jefroikin führte u. a. aus: „Die jüdische Emigration der Neuzeit war immer einer der Wege, die für die jüdischen Massen von den' „Luft- und Windberufen" zu produktiver, wirtschaftlicher Arbeit führten. Bei der jetzigen politischen und wirtschaftlichen Lage in Osteuropa bildet die Emigration mehr als irgendwann für die jüdischen Massen eines der wichtigsten Mittel zur Erwerbung von neuen Arbeitspositionen und zur Erhaltung der bereits erworbenen. Die Frage der jüdischen Auswanderung kann aber infolge der in den Emigrationsländern herrschenden ökonomischen Krise und der gesetzgeberischen Einschränkung der Einwanderung nicht gelöst werden, wenn nicht die ökonomische Struktur der auswandernden Massen in der Richtung