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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-02 · Heft 18 (2.9.1921) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 18 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
Seite 206 (sequence 4)
Language
German
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206 Personalunion Roßschlächterei und Antisemitismus vereinigte, hatte Herr Kvh;n einen von ihm Unterzeichneten programmatischen Leitartikel, „Am Scheidewege", veröffentlicht, aus dem wir nur folgenden Passus hervorheben wollen: .„Nicht der „jüdisch-kapitalistische Weltimperialismus" regiert die Welt als Ntenschheit — sondern der Geist des Levens, „Gott" (so „Gott" in Gänsefüßchen gedruckt), der -uns vor dem Tode und dem Untergang bewahren wird. D-eshal!b rufen wir allen Völkern der Erde zu: Vereinigt -euch zum Kampf: gegen „tote Weltherrschaft des Judentums" und -dessen Vernichtung. Amis zum Kampf für ein „freies W-elt-Chriskentmn" und eine für alle Völker der Erde >glei-che Freiheit auf der Grundlage der Gerechtigkeit und GleichbereckMgung. Tod -der „Kapitalshervschast" und Recht, Freiheit!imd Leben Kr ein „reines und freies Menschentmn". Ein weiterer Propragand'aartikel Köhns in seiner „Allgemeinen Roßschlächter-Zeitung" (Nr.11 vom 27.Jum 1921) für den Deutschvölkischen Bund schließt mit den Sätzen: „Immer sind sie (die Juden) die Gewinner; «denn das Unglück eines Volkes ist für sie von größtem Vorteil; denn was das Volk verlor und worüber es jammert, das halbendiese Kapitalsschieber gewonnen und eingeheimst. Sie lachen, aber nicht laut, sondern ganz still und heimlich und sagen sich: Was jammert ihr Dummen, der Kluge -hat nicht nötig zu jammern, er lacht — es wird ja nur die Dummheit bestraft!" Wie nicht anders zu erwarten stand, ist jetzt die „Sportbank Earl Kühn", die einen der führenden Wettkonzern-e darstellte, zusammengeibrochen. Die Millionen, die von dieser Firma am 1. August als „Dividende" ihren Einlegern in Aussicht gestellt waren, wurden nicht bezahlt. Die Kunden drängten immer heftiger, so daß. dem Inhaber des Unternehmens nichts anderes übrig blieb, als Keine Insolvenz öffentlich einzugestehen. Die Passiven des Unternehmens werden auf mehr als 30 Millionen Mark geschätzt. Man darf daraus gespannt sein, zu erfahren, welche Aktivposten dieser Summe gegenüberstehen. * Die Protokolle der „Weisen von Zion". Die sogenannten- Protokolle der „Weifen von Zion", die in der antisemitischen Agitation der ganzen Weit seit einiger Zeit die Hauptrolle spielen, sirtd seinerzeit von den „Times" trotz ihrer Sinnlosigkeit ernsthaft behandelt und besprochen worden. Die „Deutsche Tageszeitung" hat sich damals« ausdrücklich aus die Autorität des englischen Blattes berufen und damit die Ausmerksamte.it begründet, die sie dem Alachwerk zu-gewandt hat. Dieselben „Times" sind es jetzt, wie die „V.-Z." mitteilt, die feststellen, baß es sich bei dem Buch um -eine ziemlich einfältige Fälschung handelt. Das Büch war int Jahre 1905 von einem russischen Beamten Sergius Niliu-s veröffentlicht worden, der behauptete, von einem Freunde die Protokolle eines .geheimen Kongresses erhalten zu haben, den eine jüdische Organisation- -in Paris ab-gehailten hak, die sich zum Ziele gesetzt hatte, die bestehende Z i v i 1-i s -a t i o nzu stürzen und eine jüdische Weltherrschaft zu errichten. Durch Zufall i-st jetzt -der Konstantinopeler. Korrespondent der „Times" zu -der Feststellung gekommen, daß die Protokolle nichts anderes als eine zum Teil wörtliche Wiedergabe, bei dernur die Namen verändert waren, eines Pamphlets gegen Napoleon III., das in Brüssel im Jahre 1864 veröffentlicht wurde und den Titel trägt: „Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu, ou la Politique de Machiavel au XIX, Siede. Par un Contemporain.“ („Ein Zwiegespräch in der Unterwelt zwischen Alachi-avelli und Montesquieu, oder die Poilikit Miachmvellis im, 19. Jahr-Hundert. Von einem Zeitgenossen.") Kurz nach dem Erscheinen des Buches wurde von dem Pariser Polizeipräsidenten Hau ß mann als Verfasser t«es Pamphlets der Pariser Recht sanwa.lt und Publizist Maurice Io ly ermittelt, und Jolh erhielt 18 Monate Gefängnis. Ein Exemplar des Buches befindet sich im Britischen- Museum. * „Die Glocke von Memmingen." Die unerhörten ra-dauantis-emitischen Ausschreitungen in- Memmingen, wo der jüdische Milchgroßhändler Rosenbaum mit einer Kuhglocke behängt von einer johlenden Menge durch die Stadt geführt und schwer mißhandelt wurde, geben dem „Deutschen Tageblatt" des Herrn Wulle Veranlassung zu -einem längeren, in fetter Schrift gedruckten Artikel „Die Glocke von Memmingen" (10 August), in dein nach einer in dem üblichen antisemitischen Stile abgefaßteu Klitterung über die Bedrückung der Jubelt in Aegypten urtd über die Judenverfolgungen im Mittelalter u. a. folgendes ausgeführt wird: „So spannt sich, ohne jede Konstruktionsschwierigkeit, eine Brücke vom grauen Altertum über das Mittelalter, bis zur neuesten Zeit, für die nur -auf Rußlands und unsere eigenen Erfahrungen verwiesen zu werden braucht. Wie sich die Dinge in Rußland entwickeln werden, und wie insbesondere dabei das Judentum fahren -wird, bleibt a-bzuwarten. Kenner der Verhältnisse versichern jedenfalls überei,nstiinmend, daß sie bei einem Zusammenbruch des Sowjetregim-enls um keinen Preis der Welt alA Juden in Rußland leben möchten. Für Deutschland liegen die Verhältnisse naturgemäß anders. Immerhin 'würde das Judentum in feinem -ei.gensten Interesse gut daran tun, wenn es den. Klang der Kuhglocke, die man in Memmingen dem jüdischen Miilchgroßhündler Rosenbaum um den Hals gehängt hat, um ihn solchergestalt durch die Straßen zu ziehen, nicht allzu leichtf-erkig überhören würde. Mit „radauantisemiitischen Ausschreikungen" haben die Vorgänge in Memmingen nichts mehr zu tun. Es wäre bedauerlich, wenn die M-emrninger Kuhglocke -eines Tages zur Sturmglocke werden und -als solche historische Bedeutung erlangen würde." Wenn dieser Fall eintreten sollte, glauben wir nicht, daß -der entfachte Sturm, der uns Juden Tod und Verderben bringen soll, die Apostel des Judenhasses und die von ihnen Irregeleiteten verschonen wird. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein! * Bereits in den letzten Tagen der Tagung des Preußischen Landtages haben zwischen dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands und dem Minister des Innern Verhandlungen über die weitere Behandlung der Ostjudensrage stattgesundem Diese Verhandlungen wurden geführt im Anschluß an die Besprechung der Vorgänge in: Lager Skavgard -im Plenum -des Landtages insbesondere durch den Abgeordneten Dr. Oskar Co h n. -Sie sind nunimiehr ztt einem gewissen Abschluß gekommen, -und man muß feststellen, daß es gelungen ist, vom Minister des- Innern gewisse Sicherungen für die weitere Behandlung des Ostjudenproblems von seiten der Regierung zu erhalten. Vom Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organlsatronen Deutschlands wird uns -hierüber geschrieben: In einer mehrtätigen Besprechung, -di-e der Minister dns Innern Dr. Dominicu-s Vertretern des Arbeilerfürsorige-amkes gewährte —! vom Präsidium desselben war das Vorstandsmitglied .des Zentratvereins -deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zugigen —, -hat -der Minister sich ans «den Standpunkt gestellte ,daß die Ostjudensrage in Deutschland unter allen Umständen tmiter Vermeidung-von Härten geregelt werden muß. Einerseits wird das AobeiterKrsiorgeLMt seine von dem Minister in jeder Weise nnterstützte-n Bestr,Übungen aus Entila-stung d,es heinrischein WirtschaftM-bens durch Deze-ntrEfteruiNg und lveitge-hende Ermögtlichung der Rück- und Auswanderung wie bisher fortsetzen, während anderseits das Ministerium alle Maßnahimeu treffen wird, um die Durchführung dieser Bestrelburtgen zu erleichtern und Härten zu verhindern. Jnslbesoridere soll die neue Regelung der O'stjudenpolitlk der Preußischen- Regierung die -alte Qstjuden,stedltl-ng möglichst w-eitgehenid >a-usscha'lt>en. Denn der Minister -erklärte ausdrücklich, -daß di>e bereits vor dem Kriege in Deu»tschlandansässig,er: P-ersonen unter »allen Umständen unaniget,astet zu lassen feien, soweit nicht in ihrer Person -ganz -besondere Momente Vorth,anden sind, w,elch,e eine G-efählvdu>ng der Staatssicherheit bedeuten. Auch dir Regelung der Verhältnisse der nach dem Kriegje nach, Deutschla-n-d gekommen enOstjuden soll im -Einvernehmen mit dem Arbeiter für sorge amt erfolgen. Die-r Minister konnte sich, zwar nicht entschließen!, die Internierung, bzw. Ausweisung völlig! von den zu treffenden- Maßnahmen auszuschließen, jedo-ch sollen injedem einzelnen Falle die Voraussetzungen hierfür ganz besondersgeprüft werden; außerdem wird das Arbeiterfürsorgeamti,n solchen Fällenstets Gediegenheit zur Stellungnahme haben. Der Minister sagte gemäß dem im Plenum I des Landtages angenommenen Zentrumisantrag zu, in eine neuer-

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