Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-02 · Heft 18 (2.9.1921) · p. Seite 205

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 18 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
Seite 205 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229500--76373-3288964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

205 mehr hat vollenden önnen, Hüpfen uns aber mit der Hoffnung trösten, daß, die in seinen Vorlesungen ausgestreute Saat sich gedeihlich entwickeln wird. Die reifsten Früchte seines Forschens und Denkens hat der Verewigte als Verkünder des Gotteswortes seiner zur Andacht versammelten Gemeinde dargeboten. Auf der Kanzel fühlte er sich in Wahrheit als einen Boten des Ewigen der Heerscharen, als einen von Gott berufenen Priester. Nur was sich ihm in eifriger Arbeit als unumstößliche Gewißheit ergeben hatte und was er selbst im Leben vertreten konnte, wollte er lehren. Wie er es vor nahezu 14 Jahren in seiner hiesigen Antrittspredigt ausgesprochen, sollte seine Verkündung des Gotteswortes dem jüdischen Ideale der Gerechtigkeit dienen, jener Gerechtigkeit, die sich auf die Wahrheit gründet und in den Frieden mündet. Die „Kinderpredigten", die er in seiner ersten Gemeinde gehalten und veröffentlicht, zeigen ihn uns als den väterlichen Freund der Jugend, in deren empfänglich Herz er jüdische Gesinnung zu pflanzen bemüht ist: Ehrfurcht vor Gott und Gehorsam gegen seine Gebote, Lerneifer und Familiensinn, Pslichtbewußtsein und Glaub-enstreue. Seine .Kriegspredigten" atmen die harmonische Vereinigung von Deutschtum und Judentum und sind erfüllt von jener schlichten Herzensfrömmigkeit, der das Vaterland nicht minder heilig ist als die Religion. Er wird nicht müde, zu mahnen und zu trösten. Ein echter Priester und treuer Seelsorger, nimmt er an den Hoffnungen und Befürchtungen seiner Gemeinde innigen Anteil, sucht sie aber vor allem in ihrem Gottvertrauen, in ihrem Glauben an den Sieg des Guten zu stärken und zu treuem Ausharren in schwerer Zeit zu ermuntern. Der Ausgang und die traurigen Folgen des Krieges haben freilich ihn wie uns alle bitter enttäuscht. Daß die von uns auf dem Altäre des Vaterlandes heldenmütig dargebrachten Opfer so schnell vergessen, so schmählich geleugnet und mit so schnödem Undank vergolten werden konnten, erfüllte sein Herz mit gerechtem Unmut, aber die Hoffnung auf den guten Geist 2eS deutschen Volkes, der diese Krankheit bald überwinden werde, hielt ihn aufrecht. Wenn ein heiliger Gott über den Menschen waltet, dann dürfen Haß, Lüge und Unrecht nicht das letzte Wort behalten. Wahr und klar, ruhig und sicher, kunstvoll, aber nicht gekünstelt, strömte die gottesdienstliche Rede unseres Verklärten hin, jede bloß augenblickliche Wirkung verschmähend. Nicht um den Beifall der Menge war es chm zu tun, sondern um die Erleuchtung des Geistes feiner Zuhörer durch sinnige Anwendung des Bibelwortes auf die Erscheinungen und Fragen der Gegenwart. Rein und lauter war seine Sprache, wohlgeordnet und durchsichtig der Aufbau seiner Predigten. Verständig und verständlich reihten sich die Sätze eng aneinander; alles steuerte geraden Weges aus den Zielsatz hin, den es der Gemeinde einzuprägen galt. Sorgsam war der Schweiß der Arbeit hinweggewischt, und die Einfachheit wurde zum Zeugnis der Wahrheit und der Schönheit. Was unser Freund gelehrt, das hat er auch gelebt. Sein Priestertum vollendete sich in seinem Menschentum. Den Mühseligen und Beladenen, die ihn aufsuchten, war er ein treuer Berater und williger Helfer. Freudig stellte er seine straft in den Dienst gemeinnütziger Bestrebungen. Dem studentischen Verein, in welchem er einst als Jüngling frohe Stunden durchlebt hatte, bewahrte er eine dankbare Erinnerung. Dem Bruderbünde, der die Wege der Wohltätigkeit, Menschenliebe und Eintracht aus seine Fahne geschrieben, unb >n dem er an führender Stelle mitarbeitete, hing er in Treue nn. Er förderte die Veredlung des Gottesdienstes unserer Gemeinde mit feinsinnigem Verständnis, und bot auch in seinem Hause den Freunden, die er zu edler Geselligkeit um sich scharte, wahre Feierstunden durch die Kunst der Töne, die er als ein teures Erbe seines Vaters liebevoll pflegte und übte. — Vollends Euch, geliebte Leidtragende, erschloß er den ganzen Reichtum seines Gemütes. Ihr wißt es selbst am besten, was er Euch gewesen ist und was er Euch gegeben hat, aber auch welch trauliches Heim Eure Liebe und Treue ihm bereitet hat. Mit echter Pietät hing er an seiner Heimat und an seinem Elternhause und erwies sich seiner betagten Mutter als ein dankbarer, aufopfernder Sohn und seiner einzigen Schwester als ein zartsinniger, fürsorglicher Bruder. Mit seiner Gattin, die an seinem geistigen Schaffen verständnisvollen Anteil nahm und ihn mit liebender Sorge umhegte, verband ihn die innigste Herzens-gemeinschaft, und er beobachtete und leitete die Entwickelung seiner Kinder mit treuem Ernst, aber auch mit nachsichtiger Milde und Güte. So hat der Verewigte vor und mit uns gelebt und gestrebt, erfüllt von der Heiligkeit seines Priesteramtes, ein Bote des Ewigen der Heerscharen, dessen Lippen die Erkennnis bewahrten und von dessen Munde die Nahen und die Fernen religiöse Belehrung suchten. Wir aber legen im Geiste den unverwelklichen Kranz deS Dankes für seine Treue und Gewissenhaftigkeit, für seine Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit an seiner Bahre nieder und geloben es uns, sein Andenken als einen Quell bleibenden Segens lebendig zu erhalten. Der Ewige, dem er bis zu seinem letzten Hauche in Treue gedient, helfe uns, unseren Verlust in frommer Ergebung zu tragen! Er erweise sich uns als der Alliebende, der tötet, aber auch belebt, verwundet, aber auch heilt! Er lohne unserem Verklärten mit ewigem Frieden das Gute, das er erstrebt hat, und lasse ihn die Wonne der Seligkeit schauen! Amen! , Mochrnlchsu. Berlin, 2-9. August 1921. u den übelsten Erscheinungen, die sich in der jetzigen Zeit der schlimmen Not bei uns geltendmachen, gehört das betrügerische Treiben-der „Wettkonzerne" und „Sportbanken". Jeder Geschäftsmann der infolge der Geldentwertung sein Betriebskapital vergrößern -muß, weiß, wie schwer es hält, trotz ehrlichster Geschäftsführung und bester Gewinnaussichten Geld zu erhalten; diesen Schwindelunternehmungen und Vereinigungen fließen -aber seitens derjenigen, die nicht alle werden, und die auf die betrügerischen Versicherungen der „Wettkonzerne", daß sichdas bei diesen eingezahlte Geld in zwei Monaten verdoppele und daß sie also in zwölf Monaten 64faches Geld zahlen würden, ungezählte Millionen zu. Natürlich kann dabei von wirklichen Konzernen (Vereinigungen maßgebender Teile von Erzeugungswerkstätten bestimmter Industriezweige) oder von wirklichen Banken nicht die Rede sein; die hochtrabenden Ausdrücke sind nur gewählt worden, um Dummen und Leichtgläubigen Sand in die Augen zu streuen. So viel wir gesehen haben, sind unter den Gründern und Leitern der Schwi-ndelunternöhmungen Juden nicht vertreten, auch unter ihren Opfern dürsten schwerlich Juden in einem Prozentsatz vertreten sein, der dem Verhältnis der deutschen Juden zu der übrigen Bevölkerung des Deutschen Reichs (1 Prozent) entspricht. Wohl -aber findet man unter den Konzerngrößen nicht wenige waschechte Antisemiten, ja sogar solche, die sich als Leiter und Wortführer in der -antisemitischen und deutschvölkischen Bewegung hervorgetan haben. Hier ist in erster Reihe der ehemalige Roßschlächter und Herausgeber der „Allgemeinen Roßschlächter-Zeitung", Carl Köhn, in Reinickendorf zu nennen-, der den sogenannten „Schutzverband der Wettkonzerne" ins Leben gerufen und diesen auch geleitet hat. In dev Nummer 9/10 seiner „Allgemeinen Roßschlächter- Zeitüng" vom 20. Juni 1919, in der er in ganz eigenartiger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.