Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 204 Dieser Zustand ist unhalbbar. In ihm liegt ein Keim zur Selbstzersetzung des Judentums. Dieser Gefahr nicht begegnen, hieße sie selbst ausgeben. Der springende Punkt ist: wir bilden eine Gemeinschaft. Welchen Charakters, dies zu entscheiden, wird jede Partei für sich das Recht' in Anspruch siehinen. Eines sind wir jedenfalls, was alle zugestehen müssen: eine Gemeinschaft, die eine gemeinsame Ehre zu schützen hat. Mehr als irgendeine andere religiöse oder nationale Gemeinschaft. Am nächsten liegt der Vergleich dieser jüdischen Ehre mit einer — Standesehre. Hieraus ergibt sich eine Lösbarkeit unseres Problems. Wie es in verschiedenen Ständen eine Kammer gibt, die über die Ehre dieses Standes zü wachen hat, so wie man Advokaten- und Aerztekammern kennt, so brauchen wir eine Stelle, deren Aufgabe der Schutz der jüdischen Ehre sein sollte. Wie gering bisher die praktischen Erfolge der — gewiß unentbehrlichen — jüdischen Apologetik sind, fühlen wir schmerzlich genug. Die jüdische Ehre nach außen zu verteidigen, wird nur nachhaltig möglich sein durch ihren Schutz vor den Gefahren im eigenen Lager. Auch eine solche Gemeindekammer wird ihre Disziplinierungsmittel finden. Ueber diese Andeutung mit Vorschlägen hinaus zu gehen, halte ich für heut nicht angezeigt. Es genügt mir, auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines Schrittes hingewiesen zu haben, in dem, nach meiner festen Ueberzeugung, das Judentum der Gegenwart ein Gebot der Selbsterhaltung, einen Akt der Notwehr sehen muß. Rli'Miner Tr. M. Grüne wald (Wien). Gedächtnisrede kür Herrn Nabbiner Dr. hnchkeld, gehalten in der Synagoge Lützowstraße am 14. August d.J. von Rabbiner Dr. Blumenthal. Andächtige Trauergemeinde, geliebte Leidtragende! roß wie das Meer ist unser Schmerz, wer bringt uns Heilung? (Klagelieder 2, 13), so möchten wir alle mit dem Propheten Jeremia, dessen Klagegefänge am heutigen Gedenktage der Tempelzerstörung in unseren Gotteshäusern ertönen, einander zurufen, um unserer tiefen Trauer über den Verlust unseres teuren Freundes Ausdruck zu geben. Erst vor wenigen Wochen war es ihm vergönnt, das fünfte Jahrzehnt seines arbeitsreichen Lebens zu vollenden, und nun hat ein jäher Tod ihn ereilt in einem Augenblicke, da er nach einem Jahre angestrengter amtlicher Tätigkeit sich einige Wochen der Ruhe und Erholung zu gönnen gedachte. Unser inniges Mitgefühl wendet sich vor allem der trauernden Familie zu, der ein tragisches Geschick so plötzlich die Krone vom Haupte genommen; aber auch unsere Gemeinde beklagt den vorzeitigen Heimgang ihres treuen Priesters, dem es heiliger Ernst war um die gewissenhafte Führung seines religiösen Lehramts, und von dessen Wirken und Schaffen sie noch viel Gutes erhoffen durste, und der engere Kreis seiner Freunde fühlt sich vereinsamt durch das unerwartete Hinscheiden des teuren Weggenossen, der mit ihnen gemeinsam zu den Höhen menschlicher Vollendung emporgestrebt. „Groß wie das Meer ist unser Schmerz, wer bringt uns Heilung?" Dennoch dürfen wir, andächtige Trauerversammlung, diese Stunde nicht bloß der Wehklage widmen, denn sie gehört wie das Leben unseres Entschlafenen dem Ewigen. Er, dessen Gedanken und Wege hoch erhaben sind über unsere Wege und Gedanken, wie der Himmel hoch ist über dev Erde: er, der die Sterne nach ihrer Zähl hevausführt und sie alle mit Namen kennt, er wacht auch über jede Menschenseele. Er weiß am besten, wann es Zeit ist, seine Kinder in die ewige Heimat zurückzurufen. Vielleicht soll das Hinscheiden des teuren Mannes aus der Höhe seines "Schaffens uns daS Mid seiner Persönlichkeit mit ihren leuchtenden Zügen in die Seele prägen und uns nicht nur zu innigem Danke für den empfangenen Segen, sondern auch zu treuer Nachfolge in der von ihm allezeit bewährten priesterlichen "Gesinnung anspornen. Sein Pflichtbewußtsein, seine Amtstreue, seine Wahrhaftigkeit und seine Gerechtigkeit machten ihn zu einem Abbilds des echten jüdischen Priesters, wie ihn der Prophet Maleachi gezeichnet mit den Worten,: „Die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis bewahren, und Belehrung soll man von seinem Munde suchen, denn er ist ein Bote des Ewigen der Heerscharen" (Maleachi 2, 7). ' v Durch Begabung und Erziehung fühlte der Verklärte sich zu dem heiligen Lehramte berufen und war tief durchdrungen von der Größe der Verantwortung und von der Vielgestaltigkeit der Aufgaben, die Gott mit diesem Amte ihm auf die Schultern gelegt. Darum widmete er sich mit redlichem Fleiße, mit einem Ernste, den keine Mühe bleichte, der wissenschaftlichen Erforschung der Quellenschriften des Judentums und bemühte sich, seinen Werde- und Entwicklungsgang im Zusammenhänge mit der allgemeinen Kulturgeschichte der Menschheit immer klarer und gründlicher zu erkennen. „Die Lippen des Preifters sollen die Erkenntnis bewahren." Das war das Hochziel seines Strebens als Forscher und Denker. Erkenntnis war ihm mehr als bloße Kenntnis, mehr als Anhäufung vereinzelten Wissens; sie bedeutete ihm ein immer tieferes Eindringen in Wesen und Geist des Judentums, die Zusammenfassung seiner ewigen Wahrheiten und seiner zeitlichen Lebensformen zu einer in sich geschlossenen, harinonischen, Geist und Gemüt in gleicher Weise befriedigenden Welt- und Lebensanschauung. Er war sich bewußt, daß er als Priester des lebendigen Gottes die geschichtliche Ueberlieferung seiner Religion zur festgegründeten Ueberzeugung erheben und Lehre und Leben in vollen Einklang bringen müsse. Seine Studierstube war ihm ein Heiligtum. Man mußte ihn mit seinen Büchern leben sehen, mußte beobachten, wie sich der Ernst des Suchend und die Freude des Findens in seinem Angesichte widerfpiegelten, um seinen Forscherdrang, als den echt jüdischen Zug seines Wesens zu würdigen. So bestätigte er die sinnige Deutung des altjüdischen Weisen: Es ist etwas Großes um die Erkenntnis, denn sie ist gewürdigt worden, zwischen den beiden Gottesnamen zu stehen, wie es in dem Dankliede der Hanna heißt: „Ein Gott der Erkenntnis ist der Ewige, und von ihm werden die Taten erwogen." Mit freudiger Hingabe und mit heiligem Eifer spendete der Verklärte die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit seinen Schülern und Schülerinnen. Es waren seine schönsten Stunden, wenn er ihnen den Ewigkeitsgehalt des Judentums darlegen, wenn er ihnen Nachweisen konnte, was es der Welt an Kulturwerten gegeben hat und was es für die künftige Entwicklung der Menschheit noch zu leisten berufen ist. Die Religion sollte ihnen eine Lebensmacht werden, sie zu rechtschaffenem Wandel, zu treuer Pflichterfüllung anleiten und ihr Vertrauen auf die weltüberwindende Macht des Guten befestigen. Er hatte die Freude zu sehen, wie willig sie die religiöse Belehrung von seinem Munde suchten. Es war ihm aber auch vergönnt, an der „Hochschule", die einst den Grund zu seinem jüdischen Wissen gelegt hatte, die Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes vorzutragett und den künftigen Jugendbildnern die Wege aufzuzeigen, auf, denen die ewigen Wahrheiten der angestammten Religion anschaulich, eindringlich und nachhaltig gelehrt werden können. Diesem seinem Lebenswerke widmete er jede freie Stunde. Wir müssen es tief beklagen, daß er dieses groß angelegte Werk nicht