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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-09-02 · Heft 18 (2.9.1921) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 18 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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85. Jahrgang. Nt. 18 MllflCtltCtllC Berlin, 2. September 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 7XU — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner Dv. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße §6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosie, Berlin. Gemeindekammer. Von Rabbiner Dr. M. Grun- M ald (Wien). — Gedächtnisrede für Herrn Rabbiner Dr. Hochfeld, gehalten in der Synagoge Lützowstratze am 14. August Wßl von Rabbiner Dr. V «l u m e n t h a l. — Wochenschau. — David Leimdörfer zum 70. Geburtstage. Mit Bild.) Von Dr. M. P r o ß n i tz (Wien). — Zum 40jährigen Amtsjubilülrnn des Oberkantors Emanuel Kirschner (München). Von Eu gen D aw i s o n , Oberkantor (Teplitz). — Wagner und Meherbeer. . Von S. M e i s e l s (Wien). — Der Fall Berjack. [1. Forts.) Von Lydia Auerbach. — Literarische Mit - teil u ngen. — B ü ch e r e i n l a u s. — Svrechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Bad Kudowa, Breslau, Frankfurt a. M.. Laupheim (Württ.). Posen. Wien. — Von Nah un d Fern. Line Gemeindrirammkr. Bchwever Druck lastet -auf uns. Millionen haben zu büßen, was einige wenige verschuldet haben. Doch fügen wir uns darein. (Zuidguid delirant reges, plectuntur Achivi. Das Land haftet für die Mißgriffe der Regierenden. Noch eine ganz andere Verantwortung wird aber uns Juden als Juden ausgebürdet. Wir tragen sie nicht für einige wenige Unheilsstister, sondern für alle die Millionen, die mit uns die Bezeichnung „Jude" teilen. Schon hier, ich weiß es, begegne ich auf den verschiedensten Seiten entschiedenem Widerspruch. „Geradezu geboten ist es, jede Solidarität mit Verbrechern, nur darum, weil sie Juden sind, öffentlich a bz u I eh n e n!" „Man sollte einen Verein der anständigen Juden gründen!" Oder wie sonst immer die Entrüstung über Untaten von jüdischer Hand sich Luft macht. Allein es hilft nichts.. Wir mögen noch so laut mit noch so berechtigter Empörung jede Gemeinschaft mit solchen Verbrechern an der Ehre des Judentums von uns weisen. Die Welt hält uns an der Kette, an die wir mit ihnen geschmiedet sind, wir mögen wollen oder nicht. Und es gibt solche, die es wollen. Es sind die Frommen, die an dem Grundsatz sesthalten: „Ganz Israel bürgt füreinander." In einem jüngst erschienenen Buche werden die Leiden der Ostznden von diesen selbst als Buße^sür die religiöse Laxheit der Westjuden bezeichnet. So nimmt der religiöse Jude in passiver Gottergebenheit die Verantwortung für seinen Glaubensgenossen als eine selbstverständliche Pflicht hin. Echtes Judentum bekundet sich aber auch aktiv darin, daß jeder Jude echisch und sozial ein Plus zu leisten sucht, in dem Bestreben, hiermit das sittliche Manko irgendeines unbestimmten, chm gar'nicht bekannten anderen Juden wettzumachen. Daß chm dies freilich allenfalls vor Gott, 'aber nicht vor den Menschen gelingt, lehrt die tägliche Erfahrung. E i n jüdischer Verbrecher wiegt alles sittliche Heldentum jüdischer Gdelmenschen in Vergangenheit und Gegenwart aus. Welche Tragik! Daß sich trotz dieser erdrückenden Bürde das Judentum behaupten konnte, erklärt die frühere Struktur der jüdischen Gemeinde. Der Gemeindevorstand haftete der staatlichen Behörde für jeden Vorgang in der Gemeinde. Dieser schweren Pflicht entsprach aber auch das unentbehrliche Recht der Aussicht über jeden Juden, der sich an demselben Orte aushielt. Liest man die alten jüdischen Gemeindesatzungen mit ihren Luxusverboten, ihren strengen Sittennoten gegen in die Augen stechende Gastereien, ausfallenden Frauenputz u. dgl„ ihren Bannandrohungen usw., so begreift man die Durchführbarkeit der jüdischen Gemeinbürgschast. Und nun sehe man klar und scharf der Tatsache ins Auge, daß die Verpflichtung zur Solidarität uns Juden, wenn auch nicht mehr vom Staatsgesetz, so doch gesellschaftlich und politisch genau so, wie einst, ausgezwungen wird, daß wir aber aus der anderen Seite jedes Mittels zur Betätigung dieser Solidarität tot Sinne einer Sittenzensur entraten. Daß wir hiedurch fortgesetzt einem unerhörten Unrecht preisj gegeben werden, dem so viel Schwächlinge sich durch die Taufe zu entziehen suchen — daß für die Schuld von Menschenderen Gebühren sich unserer Kontrolle entzieht, der Wechsel uns jeden Augenblick in Form eines Pogroms präsentiert werden kann, diese Feststellung sollte, meine ich, genügen, um uns zum Bewußtsein zu bringen, daß hier ein ernstes Problem vorliegt, dem näher zu treten, unsere Selbsterhaltung unabweisbar fordert. Doch so klar die Erkenntnis ist, daß hier etwas geschehen muß, so schwer beantworten läßt sich die Frage: „W a s ist zu tun?" Die einen werden sagen: Gar nichts! Das Ganze ist eine Utopie. Die Zeit läßt sich nicht zurückschrauben. Wir fühlen uns glücklich, die Theokratie der alten Gemeinde verabschiedet zu haben. Eine neue Sittenzensur würde nur jämmerlichem Denunziantentum Vorschub leisten. Wir müssen an dem demokratischen Grundsatz sesthalten, daß jeder nur für sich haste." . Andere werden nach beliebter Methode die Rabbiner und Religionslehrer verantwortlich machen und einen intensiveren Gerneindebeirieb fordern. Oder aber man wird alle Schuld auf bestimmte Gruppen innerhalb der Judenheit laden und damit den Hader in unseren Reihen verschärfen und den äußeren Feinden neue Waffen liefern. Bei alledem bleibt aber doch jedem von uns das Unbehagen, mit dem wir des Morgens zur Zeitung greifen. Vielleicht bringt sie wieder in der Gerichtssaalchronik Namen mit semitischem Anklang! Und welchen Zwischenfällen setzt nns jede Eisenbahnsahrt aus! Immer und immer wieder in eine Bresche treten zu müssen, wie sie gewissenlose Schurken in das Bollwerk unserer jüdischen Ehre brechen, die wir Juden selbst doch aus tiefstem Herzensgrund verachten! Oder weiß man nicht, welchen Eindruck geschickte Ausbeutung solcher Ehr- und Schamlosigkeit an regierenden und über/ unser Geschick entscheidenden Stellen von jeher ausgeübt hat? Sollen wir Juden denn wirklich vogelfrei sein, nur darum, weil wir Juden sind? Gibt es nicht ebenso wie christliche und andere eben auch Mische Verbrecher?

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