Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 200 (sequence 10)
- Language
- German
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2üa „So? Na, dann erzählen Sie mal. Mas Sie von der Sache wissen — oder, ja, Werve gleich eine Untersuchung anstellen. Schließen Sie Ihre Bude aus zwei Stunden zu", wandte er sich an den Wirt, „werde Ihren Raum nehmen; natürlich gegen gute Entschädigung." „Es ist mir eine Ehre, Herr Hauptmann", erwiderte der. „Darf ich um Ihre Feststellungen bitten, Herr Sanitätsrat", forderte der Hauptmann den zu ihm herantretenden Arzt auf. „Die große Halsschlagader ist mit scharfem Messer glatt durchschnitten", lautete die Antwort. „Der Tod muß im Augenblick erfolgt sein, denn das Gesicht ist unverzerrt; ein Kampf ist demnach nicht vorausgegangen. Die Leiche enthält merkwürdig wenig Blut; selbst das auf die Erde geflossene einbegriffen, habe ich einen so blutleeren Körper kaum je gesehen." Der Hauptmann räusperte sich vielsagend: „Sie schließen Ihre Beobachtungen wohl an, Herr Kommissar." - „Das Messer, mit welchem die Dat begangen wurde, lag, wie zur Erde gefallen, auf der äußeren Wohnungsschwelle des Synagogendieners; es ist mit Blut besudelt, meiner Meinung nach, welche sich auf vielfache Erfahrungen stützt, mit Menschenblut; natürlich jedoch muH dies erst chemisch festgestellt werden. Im Küchenschranke des Jsaschus befinden sich vier dem gebrauchten gleiche, doch blanke Messer; auf dem Küchentisch liegt ein zerschnittener roher Fisch; das zu ihm notwendig gebrauchte Messer ist nicht auffindbar. Türpfosten und Schwelle weisen Blutspuren auf. Die Leiche wurde, der Spur zufolge, von der Parterrewohnung aus in die' dieser entgegengesetzten Ecke geschleift, in welcher der Ermordete gefunden wurde." „Und das alles einen Tag vor dem jüdischen Osterfeste", bemerkte der Hauptmann. „Wagen zur Morgue!" rief er einem Polizisten zu, „zwei führen den Juden ins Polizeigesängnis." Zu einigen anderen: „Vier bewachen Haus und Gasse. Aus- und Eingehende werden kontrolliert. Ausführung betreiben wohl Sie, Herr Leutnant Samjter, kommen dann ins Lokal zum Zeugenverhör." Ein Teil ' des Volkes entfernte sich, teils Verwünschungen, teils Mitleid äußernd. Einige sammelten sich als Zeugen vor dem Lokal an. Der Leutnant Samter gab seine Anordnungen in ruhiger, sachlicher Weise; er sprach zu Juden und Christen in gleichem Tone. Der Synagogendiener wurde sortgesührt. „Ich bin ohne Schuld, Rabbi, bin ohne Schuld!" rief er händeringend. „Ich weiß es, Simeon Jschaschus", sprach der Rabbiner. „Gott im Himmel, mein Sime!" stürzte die Frau vor, „lassen Se los meinen Mann!" Die Polizisten stießen sie zur Seite. Miriam senkte den Kopf auf ihres Vaters Schulter. Er streichelte ihr Haar. „Sei ruhig, meine Tochter. Die Hand Gottes liegt schwer auf uns; laß unS nicht murren." — „Aber du bist doch nicht bedroht, du nicht?" stieß sie angstvoll hervor. — „Noch ist keiner bedroht, und der arme, unschuldige Mensch ist besser aufgehoben auf der Polizei als hier, wo der Pöbel ihm zusetzen kann. Aber gefaßt sein müssen wir auf alles. Wenn 's vorüber ist mit den Vernehmungen, will ich eine Männerversammlung einberufen zur Beratung." — „Vater, fürchtest du einen Pogrom?" — „Wenn die Verhandlung kommt, wenn er verurteilt wird, wenn auch der Staat dadurch sagt: Ja, Ritualmord, dann sind wir die Beute der bösen Triebe."— „Es ist ja nicht -möglich, baß er verurteilt wird." — „Bei den Menschen ist alles -möglich." Miriam ging in ihre Wohnung hinauf, der Vater trat zu den Umstehenden. Ein ungefähr zwölfjähriger Knabe faßte feine Hand; es war sein Neffe Benjamin Rosenbaum. „Geh' in die Häuser, mein Kind", sagte Rabbi Jehuda, „bedeute den Männern-, daß der Beginn des Festes sich -heute nicht richten kann nach dem Gestirn, sondern daß sie zusammenkommen sollen in zwei Stunden im Vorraum der Synagoge zur Beratung über das, was wir tun müssen gegen das Unheil." — „Ich gehe. Ohm", sprach der Knabe. Sein Bruder David, ein Jüngling von ungefähr 22 Jahren, trat zum Rabbi und sprach leise mit ihm. Recht laute Unterhaltungen führten andere. „Armer Stani", Anna Katti blickte den Soldaten mitleidig an, „hast gewiß ’n dollen Schreck gekriegt, wie du den toten Michael hast liegen gesehn." — „Na, aber nicht schlecht", gab der Musketier zur Antwort. „Ich zittre noch; verfluchtes Judenpack!" — „Js ja Unsinn, Stani, der Jsaschus tut so was nicht." — „Du denkst, du kennst bas Gelichter, weil tu bei so 'nein Judenpastor dienst, aber das kennt unsereins doch noch bester." — „Geschieht ihm ganz recht, dem GannewJsaschus," redete ein Judeeinenanderen an, „hat er mir angeschmiert vor acht Tagen 'n Ring, sagt er, echt Gold, von feine Mutter selig, glaub' ich, nehm' ich, zahl' ich, will ich 'n losschlagen -an den Juwelen-Löwy,,Talmi' sagt er, ,echt Talmi'." — „Nu? Was hat das zu tun mit die Mordtat?" — „Weiß ich? Soll's der Richter raustifteln." — Eine Bäuerin stieß ihren Nachbarn an: „Wie ich die Milch brachte, da hörte ich solch Rascheln, da dachte ich gleich, .hier ist's nicht richtig, hier geht was Schreckliches vor'; ich bin die erste, die was gehört hat von der Sache." -— „Wann brachten Sie denn die Milch?" — „Heut früh, H7." — „Und um 6 heut abend ist der Junge gefunden worden." — „Jotte doch, denn hat 'n der Kerl beinah zwölf Stunden lang abgemurkst, und da sagt der Kommissar, -es ging schnell." — Eine Frau fragte einen Jungen: „Hast de denn auch was zu zeugen?" — „Weil er doch mein Freund war, der Serjiis, da hat er mir was gesagt." — Sag' mal was denn?" — „Daß er immer solche Angst gehabt hat, wenn er hinging zu dem Juden." - Fortsetzung folgt.) Tkkwstknu. . Aus dem Hebräischen von N a f t a l i Herz I m b e r, übersetzt von 5. A s chner - nsre Hoffnung kann nicht sterben. Die uns nimmermehr entslohn: Unser Land dereinst wir erben, Unsre Stadt, wo Davids Thron. Tief im heißen Judenherzen Wogt sie, brandend überschwillt. Fernim Osten wie die Sonne, Zion, steigt empor dein Bild. Heiße Tränen sich ergießen, Liebesopf-er, Sehnsuchtsnreer. Zn den Gräbern ihrer Väter Liebend wallt der Söhne Heer. Wieder strählt in sel'gem Schimmern Auferstandne Herrlichkeit, lieber -heil'-gen- Tempeltrümmern Lacht das Glück der neuen Zeit. Seht den Jordan! Wie ihn fassen Taumel ungestümer Lust, Wie er sich dem See Kin-ereth Wirst frohlockend an -die Brust! Aber ach, noch gähnt zertrümmert Der Verwüstung ödes Tor. Auf Ruinen sitzt die Tochter Zions trüb im Trauerflor. Und die wilden Tränen strömen Aus dem Aug', -dem Herz mit Macht — Und es stöhnt und schluchzt und wimmert Schier untröstlich durch die Nacht.