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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-08-19 · Heft 17 (19.8.1921) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 17 (19.8.1921)
Date
1921-08-19
Page
Seite 199 (sequence 9)
Language
German
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seiner Propheten von dem Geist der Thora, deren soziale Gesetze ja die Bildung großen Reichtums unmöglich machen! Für sie müssen wir einstehen und für ihre Fehler müssen wir büßen, obwohl sie sich kaum zu uns rechnen, die wir um unser Judentum kämpfen und ringen, leiden und dulden — da es uns eine heilige Sache ist. Diese Lauten und Satten finden wir nicht in jenem Zimmer, in dem wir uns auch hier am Freitagabend zusammenfinden, um den Einzug der Königin Sabbat mit Psalmen zu begrüßen und unser „L'cho dodi" weit hinaustönen zu lassen in die hehre Bergwelt! Wieviel näher fühlt man sich da seinem Gotte! In diesen Tagen steigt die Erinnerung in uns auf an die verzweiflungsvolle Verteidigung Jerusalems und an seinen Fall! Oft, wenn wir hier in den Bergen wandern, glauben wir, daß wir durch die Jahrtausende hindurch mit jenen Männern verbunden sind, die ihre Heimat bis zum letzten Atemzug schützen wollten. An jenem 9. Ab begann unsere Wanderschaft durch die Völker, nirgends fanden wir Ruhe, und wenn wir glaubten, mit einem Lande schon ganz verwurzelt zu sein, wenn wir uns schon ganz als seine Söhne fühlten, dann mußten wir einsehen, daß es ein Irrtum war, daß wir auch hier nur Fremde bleiben! — Die Heimat tragen wir im Herzen zugleich mit der nie erlöschenden Sehnsucht nach ihr, in uns ist Jerusalem nicht zerstört, da ist es unzerstörbar! Und wenn wir hier über die Riesenberge wandern, da denken wir der Zeiten, in denen vielleicht einstmals unsere Kinder auf den Libanon steigen weröen und unter Zedern träumen, wie wir unter den Tannen. Vielleicht wird in uns, die wir dann schon alt sind, die Sehnsucht aussteigen nach dem deutschen Wald in der Umkehrung der Gefühle, die uns jetzt bewegen, aber unsere Kinder werden dann keine Hakenkreuze mehr auf dem Boden sehen und keinen haßerfüllten Mienen mehr begegnen. — Aber wohin habe ich mich verirrt? — Angesichts der unvergänglichen Schönheit der Riesenberge ist uns dieses Symbol menschlicher Dummheit begegnet, eingeritzt auf Bänken und Steinen! Rübezahl muß doch die alte Kraft nicht mehr besitzen, sonst hätte er jenes Gesindel schon längst in die Schneegrube geworfen oder in den Großen Teich! Wir aber wollen uns die Reinheit dieser unsagbar schönen Ferientage nicht trüben lassen! Was können die Menschenzwerge den Bergviesen anhaben? Laßt sie lärmen und ihrem Haß Ausdruck geben; aus dem Tiefland ihrer Seelen können sie sich niemals zu reinen Höhen emporheben. Wir aber wandern voll Dankbarkeit in die Berge hinauf, der Gottheit näher, um dann gebräunt und erfrischt wieder hinabzusteigen und ein ganzes Jahr von der Erinnerung zu zehren — an Rübezahls Reich!- Btx faü Lerjsck. Von Lydia Anerbach. E i n i t u n g: Vor Jahren wurden die Leser «der Tagesblütter durch ein Verbrechen in Atem gehalten, welchesnoch heut seiner Aufklärung harrt. In einem Schutzstaate einer hochkultivierten Nation war ein junger Mann, noch Gymnasiast, bekannt als frühreif, Schürzenjäger, skrupellos in der Wahl der Mittel zur Befriedigung seiner Sinntichteit, ermordet worden'. Fanatische Volksverhetzer, Bürger des Schutzstaates, welche Judenverfolgungen in Szene setzten, um die Augen von dem Spiele ihrer eigennützigen Politik abzulenken, sandten „Ermitteler"^ in das fremde Gebiet, welche unter dem Anschein eifriger Bestrebung zur Entdeckung der Wahrheit diese verdunkelten, die schon geleistete Arbeit der dortigen Behörden vernichteten und fernere unmöglich machten. So blieb der Mörder unentdeckt, und die Tat konnte in Jammertönen auf die Juden abgewälzt werden. Auch das Ausland beschäftigte sich mit dem in der Kriminalgeschichte wohl einzig dastehenden Fall. Die Blätter brachten Schilderungen aus dem Gebiet der Verfolgungen und Verhetzungen, teils im Gewände von Skizzen und Erzählungen, teils als Wiedergabe von Gerichtsverhandlungen. Eine einzige dieser Erinnerungen ergab ebenfalls die Mitarbeit einer Gruppe von Bürgern. Sie nannte )id) „Rechtsschutz". Ihre Arbeit fetzte ein, als der Verdacht der Rechtstötung vorlag. Ihre Mitglieder waren Engländer, ihr Tätigteitsfeld waren nur England und dessen Auslandsgebiet. Die Mitglieder des Vereins gaben sich, ihren Zwecken gemäß, als Gentlemen, Arbeiter, Beamte, je nach dem Gebot der Stunde. Was sie erspäht und erlauscht hatten, sandten sie dem von ihnen erwählten Leiter ein. Dieser fügte die Einsendungen zusammen und hielt sie zu einem etwaigen Hervorkreten bereit. Erwies sich solches als unnötig, weil die betreffende Angelegenheit seitens der maßgebenden behördlichen Stellen in gerechter Weste beendet wurde, fo blieb die Arbeit der Herren in den Archiven ihres Vereins. Der Fall, welcher diese Arbeit so recht in den Gegensatz zu der Tätigteit der erwähnten Dunkelmänner stellte, wird un. folgenden >an 'der Hand der in dem Vereinsschrank befindlichen Berichte den Lesern nritigeteilt. * nter wilden Rufen, wüstem Geschimpf auf die Juden, Drohungen mit Raub und Totschlag sammelte sich eine Bolrsmenge um das Rabbinerhaus, dessen Erdgeschoß vom Synagogendiener bewohnt wurde. Aus dem Hausflur lag die Leiche ernes Knaben in em-er Blutlache. Ein Polizist erschien. Groben Tones säuberte er den Flur und Umkreis des Hauses von der Menge. Bann ließ er einen eigentümlichen Pfiff ertönen, auf welchen hin ein zweiter Polizist erschien. „Rosols", ries der erjtere, „auf die Wache! Hob den tzauptmann; hier rst ein Mord." Rosolf verschwand. Der andere regierte: „Bahn frei halten, Volk! Wer ins Haus gehört, rüyrt sich nicht fort! Wer hat mich geholt? Ah, Sre da, Musketier; Werben Sie hier. Fort da die Neugierigen! Platz da! Ob man die Bande wohl m Ordnung kriegt." — Andere Polizisten kamen, desgleichen der Hauptmann, sein Leutnant, ein Arzt und ein Kommissar. Der Syniago,gendiener lag vor seiner Wohnungstür aus den Knien. Im Hausflur befanden sich außer dem Ravbrndr Ravbi Jehüba >seme Tochter Miriam, des Rabbiners Magd Anna Kattr, der Soldat Bachkes und der Wirt der im Rachvarhause befindlichen Schänke. „Alte Geschichte!" rief der Hauptmann, „Mauschels Opfertrank, armes Wurm. Wollen Sie, bitte, den Tatbestand ausnehmen, meine Herren." Der Arzt und der Kommissar begaben sich an ihr Werk. „Ihr Amtshaus, was?" wandte sich der Hauptmann an den Rabbiner. „Ich wohne hier", erwiderte dieser. . „Wo?" „Im ersten Stock." „Und hier parterre der Greiner da?" „Hier wohnt der Synagogendiener Jsaschus, ja."—„Hier ist der Durchgang zum Tempel?" — „Jia." „Ist doch alles unverändert geblieben?" wandte sich der Hauptmann an den Polizisten. „Zu Befehl, Herr Hauptmann, wie ich's gefunden Hab'. Aber ich Hab' ja 's Bolk hier raustreiben müssen; wie das nun war, als ich noch nicht hier war, weiß ich nun nicht." „Wer hat sie hevgerusen?" „Zu Befehl, ich, Herr Hauptmann", sagte der Soldat und stand stramm. „Recht. Ist immer besser, wenn 's Militär prompter ist als 's Zivil." ,Hch Hab' den Jungen auch entdeckt, zu Befehl, Herr Hauptmann."

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